Firma Wiedekamp übernimmt Eritreer Malik Nesradin in Festanstellung

Auf den Dächern von Achim

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Udo Wiedekamp (2.v.l.) mit seinen Angestellten Mark Wendel, Malik Nesradin, Nicolas Neumann und Malte Rutschitschka (v.l.) auf der Baustelle an einem Privathaus in Uesen.

Achim - Von Lisa Duncan. Mit seinem Bachelor in Buchhaltung verfügt er rein theoretisch über einen höheren Bildungsabschluss als sein Chef. Trotzdem musste Malik Nesradin erst lernen, Begriffe wie „Kettensäge“, „Kabeltrommel“ und „Bolzenschneider“ richtig zuzuordnen. Anfang Oktober hat das Achimer Unternehmen Wiedekamp den 33-jährigen Eritreer als Dachdeckerhelfer in Festanstellung übernommen.

Von 7 bis 16 Uhr ist er täglich mit vier Kollegen auf einer Baustelle in Uesen zugange. Eine wacklige Leiter führt auf das rund zehn Meter hohe Arbeitsgerüst. Die Dachbalken müssen erneuert und mit neuen Schindeln gedeckt werden. Ungewohnt bei den herbstlichen Temperaturen: Nesradin, der aus seinem Herkunftsland das ganze Jahr über sonnige 40 bis 50 Grad gewohnt ist, wunderte sich zuerst über den Raureif.

Für die Arbeit erhält Nesradin den Dachdeckerhelfer-Mindestlohn: 11,50 Euro/Stunde in den ersten sechs Monaten. „Danach steigert sich der Lohn in dem Maße wie die Fertigkeiten steigen“, sagte sein Chef Udo Wiedekamp. Vorausgesetzt, er übersteht die drei Monate Probezeit. „Aber wenn Malik jeden Tag da ist und mitarbeitet, hat er die schon bestanden“, so Wiedekamp.

Bereits Mitte August hatte Malik Nesradin, vermittelt durch die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin Birgit Cyriacks, erfolgreich ein unentgeltliches Praktikum bei Wiedekamp absolviert. Der beantragte eine Arbeitserlaubnis für den noch nicht anerkannten Asylbewerber. Fünf Wochen dauerte die Prüfung durch Ausländerbehörde und Arbeitsagentur.

Prüfung dauert

fünf Wochen

Ist ein Flüchtling erst bis zu 16 Monate in Deutschland, wird die Arbeitserlaubnis erst nach positiver Vorrangprüfung gegeben, einem Nachweis, dass keinem Arbeitnehmer mit deutschem Pass eine Stelle weggenommen wird, weiß Franz Riedel, Arbeitsvermittler für Flüchtlinge beim Landkreis Verden (ALV). Etwa zehn Asylbewerber hat Riedel schon in Arbeit oder Ausbildung vermittelt, dazu kommen 30 Praktikanten. „Aber vieles bekommen wir gar nicht mit, weil es direkt über Ehrenamtliche läuft.“

Dass aus dem Praktikum nun eine Festanstellung wurde, begründet Wiedekamp mit Nesradins Arbeitsweise: „Malik bemüht sich, er sieht sehr schön, wo Arbeit zu tun ist“, erzählt der 48-jährige Dachdeckermeister. „Der beste Chef“, gibt Malik Nesradin zurück. Dass der Praktikant sich die relevanten Fachwörter gleich notierte, beeindruckte Wiedekamp: „Er muss die Abläufe auf einer Baustelle verstehen.“ Nach wie vor erkläre er viel, „aber wir versuchen, kein Englisch mit ihm zu sprechen“.

Sich nicht einwandfrei mit seinen Mitarbeitern verständigen zu können, ist für Udo Wiedekamp neu. „Ich habe mal jemanden aus der ehemaligen DDR beschäftigt, aber Spaß beiseite.“

Um Deutsch zu lernen, belegte Malik Nesradin zunächst einen Volkshochschulkurs und geht jetzt zweimal wöchentlich zu Sprachkursen ins Gemeindezentrum Nord. Zudem besucht er die Abendschule.

Malik Nesradin ist froh, dass er nun arbeiten kann. Auch in Afrika hatte er neben seinem Studium im Fach Buchhaltung bereits für eine chinesische Firma auf dem Bau gearbeitet. Mit dem Job in Achim sieht er nun eine Perspektive, seine Wohngemeinschaft an der Magdeburger Straße, die er mit fünf anderen Männern teilt, gegen eine eigene Wohnung einzutauschen. Als Flüchtling ist er mittlerweile anerkannt, „das heißt, er hat eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis“, erklärt Arbeitsvermittler Riedel.

Zurückgehen in das Land, in dem seit Jahrzehnten eine Militärdiktatur herrscht, sei derzeit keine Option. Zumal er im Sudan aufwuchs. Dorthin war der Vater, der als oppositioneller Politiker in Eritrea verfolgt wurde, bereits vor 30 Jahren mit der Familie geflüchtet. Doch nach einiger Zeit spürte die eritreische Polizei sie auf und Malik Nesradin musste buchstäblich um sein Leben rennen. So begab er sich allein auf den Weg nach Europa. Im September 2014 kam er nach langer Odyssee in Deutschland an.

Udo Wiedekamp hat durch seinen neuen Mitarbeiter einen anderen Blickwinkel, vielleicht etwas mehr an Gelassenheit, gewonnen: „Uns geht es so gut hier, wir haben genug zu Essen und zu Trinken. Trotzdem regen wir uns über viele Dinge auf, zum Beispiel im Straßenverkehr. Wie soll das ein Flüchtling sehen, der so viele Strapazen erlebt hat?“

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