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Fast alle wollten Anschluss an Bremen

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Von: Michael Mix

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Reinhard Dietrich hat ein Buch über Bollen geschrieben und bewohnt das alte Schulhaus am Deich.
Reinhard Dietrich hat ein Buch über Bollen geschrieben und bewohnt das alte Schulhaus am Deich. © Mix

Achim – „Am besten wäre es, wir würden uns Bremen anschließen.“ Mit diesem ebenso eindeutigen wie offenherzigen Bekenntnis torpedierte Erich Warnken (CDU), Bürgermeister der 216 Einwohner zählenden Gemeinde Bollen, 1971 in der Achimer Realschule eine Versammlung von rund 80 Kommunalpolitikern, die unter genau umgekehrten Vorzeichen begonnen hatte. Denn Ratsmitglieder aus Achim und Nachbarorten wollten durch die Bildung einer größeren Stadt Achim ein Gegengewicht zum übermächtigen Bremen schaffen.

Warnken dachte allerdings in eine andere Richtung: „Von Bremen haben wir mehr zu erwarten als vom Landkreis Verden.“

Die Bollener Bevölkerung habe das genauso gesehen, sagt Reinhard Dietrich, der die Geschichte des abgelegenen Weserdorfs erforscht und dazu ein Buch veröffentlicht hat. „52 Haushalte, darunter auch alle fünf Mitglieder des Gemeinderats, sprachen sich bei einer Befragung für den Anschluss an Bremen aus“, weiß der 68-Jährige. Für den Zusammenschluss mit Achim habe es lediglich eine Stimme gegeben.

Nach einer Einwohnerversammlung am 26. Februar 1971 richtete der Bürgermeister einen entsprechenden Antrag an die Stadt Bremen. Warnken führte nicht zuletzt die geografische Lage ins Feld, „dass es für unsere Gemeinde besser wäre, sich Ihrem Land anzuschließen“. So gebe es nach Bremen-Mahndorf eine direkte Straßenverbindung. In seinem Schreiben fügte Warnken hinzu: „Die Bevölkerung Bollens ist bereit, sich unter Ihren Schutz zu stellen.“

Bollen ist seit dem 1. Juli 1972 ein Teil von Achim.
Bollen ist seit dem 1. Juli 1972 ein Teil von Achim. © -

Sozialpädagoge Dietrich, der 2004 der nahen Hansestadt den Rücken kehrte und seitdem mit seiner Frau die ehemalige, bis in die 60er-Jahre existierende Bollener Schule am Deich bewohnt, sieht vor allem drei Gründe für die Bremen-Begeisterung der Einheimischen vor einem halben Jahrhundert. Als Erstes nennt er die Berufsstruktur im Dorf. Seien früher nahezu alle Bewohner in der Landwirtschaft beschäftigt gewesen, habe es Mitte 1971 nur noch zwölf Bauern und vier landwirtschaftliche Helfer gegeben, außerdem hätten in Bollen noch fünf Gärtner, zwei Verkaufsfahrer, ein Kaufmann und eine Postangestellte sowie zwei Wirte ihr Auskommen gehabt. „Die übergroße Mehrheit der Erwerbstätigen arbeitete in Bremen.“ Darüber hinaus besuchten Bollener Kinder und Jugendliche zwar die Achimer Realschule, aber eben auch ein Gymnasium in der Hansestadt. Und schließlich, stellt Reinhard Dietrich fest, „grenzt Bollen direkt an Bremen, ja, ist sogar auf offiziellen Straßen nur über Bremen-Mahndorf zu erreichen. Ganz Bollen“ habe sich nicht zuletzt durch eine Eingliederung in das andere Bundesland endlich eine Busverbindung nach Mahndorf erhofft.

Doch Bremen verspürte wenig Neigung, aufwändige Gebietsverhandlungen mit Niedersachsen in Angriff zu nehmen, um sich den Zwerg aus der Nachbarschaft einverleiben zu können. Aus dem Bremer Rathaus wurde dem Ansinnen aus Bollen eine klare Absage erteilt.

Das Achimer Kreisblatt berichtete am 10. März 1971: „Darauf fügten sich die Gemeindevertreter Bollens in das Unvermeidliche und richteten sich auf den Zusammenschluss mit Achim ein. Am 19. Juli 1971 wurde noch einmal einstimmig und mit Nachdruck die Änderung des ,Grenzänderungsvertrags‘ gefordert und ein Ortsvorsteher und ein Ortsausschuss für Bollen verlangt.“

Ein Bild aus der Vergangenheit, als das abgelegene Weserdorf noch sehr ländlich geprägt war.
Ein Bild aus der Vergangenheit, als das abgelegene Weserdorf noch sehr ländlich geprägt war. © -

Dem der Stadtrat in Achim später entsprach. Der Bollener Forderungskatalog enthielt außerdem noch folgende Punkte: „Die Straßenbeleuchtung ist weiter auszubauen. Die Gemeinde Bollen wird als Naherholungsgebiet ausgebaut. Die Gemeinde erhält Anschluss an die Trinkwasserversorgung.“ Auch die ersehnte Buslinie nach Mahndorf wurde gelistet, aber bis heute nicht umgesetzt.

Bei den Kommunalwahlen schafften immer wieder Kandidaten und Kandidatinnen aus dem kleinen Bollen den Sprung in den Achimer Stadtrat. Vor allem Heiko Distler (SPD), der auch 30 Jahre als Ortsvorsteher wirkte, und sein Parteifreund Bernd Junker, der 20 Jahre Ortsausschuss-Vorsitzender war, machten sich einen Namen.

Auch wenn es immer wieder mal Kritik an Stadtrat und -verwaltung aus dem Weserdorf mit seinen zwei Campingplätzen und Gasthäusern gebe, sei Bollen in Achim angekommen, lautet das Fazit von Reinhard Dietrich. „Die Integration ist gelungen.“

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