Erzieherinnen ziehen vor Rathaus / Eltern wollen Gebühren erstattet bekommen

„Das geht auf unsere Kappe“

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Aus Anlass des Streiks an den Achimer Kitas kamen gestern rund 50 Kinder mit Eltern und Verwandten ins Rathaus.

Achim - Von Lisa Duncan. Das Achimer Rathaus ist so voll wie schon lange nicht mehr. Allerdings drängen sich die Massen nicht im Ratssaal, sondern im Foyer. Und das Klientel ist etwas kleiner als üblich. „Toll“ findet die fünfjährige Alia aus Uphusen diesen Ausflug. Sie ist mit ihren beiden etwa gleichaltrigen Freundinnen völlig vertieft darin, sich am unteren Geländer der Rathaustreppe entlang zu hangeln. Aber zum Spielen sind die rund 50 Familien nicht gekommen. Sie wollen ihrem Unmut Luft machen, dass sie die Gebühren während des Kita-Streiks von der Achimer Stadtverwaltung nicht erstattet bekommen – obwohl vielen dadurch doppelte Kosten entstehen.

„Wir wollen unseren Kindern einen normalen Tagesablauf ermöglichen und gleichzeitig den Streik der Erzieherinnen unterstützen, denn wir brauchen die Mädels in der Kita“, sagt Alias Vater, Robby Huffnagel aus Uphusen. Da er in der Gastronomie tätig ist, zeige sein Arbeitgeber Verständnis, was bei seiner Frau, einer Grundschullehrerin, allerdings nicht der Fall sei.

Aleksandra Thilo, ihre Kinder Hendrik (drei Jahre) und Christina (eineinhalb Jahre) im Schlepptau, möchte auch auf die fehlenden Kita-Plätze aufmerksam machen: „Es gibt zu wenig Erzieher.“ Thilo, die im Badener Neubaugebiet wohnt, sieht den künftigen Bedarf eher noch steigen. Und der geringe Lohn mache den Beruf nicht attraktiver.

Marco Rudolph vom Elternbeirat „blaue Gruppe“ und Thomas Landwehr vom Elernbeirat „Waldgruppe“ der Kita Baden hatten die Aktion organisiert, die als Zusatz zur gewerkschaftlich geplanten Demonstration der Achimer Erzieherinnen gedacht war. „Der Streik geht auf die Kappe der Eltern, weil sie weiterhin Gebühren zahlen ohne zu wissen, wohin mit ihren Kindern“, erklärt Rudolph. Darum sollten die Kleinen im Rathaus symbolisch zur Betreuung abgegeben werden. „Den Notdienst bei den Achimer Schlaumäusen wollen viele nicht, weil es wechselnde Bezugspersonen bedeutet.“ Für unter Dreijährige fehle dieses Angebot ganz.

Bürgermeister Rainer Ditzfeld verwies auf das Streikrecht der Beschäftigten im öffentlichen Dienst und erklärte: „Wir können 30 bis 50 Erzieher nicht aus dem Hut zaubern.“ Und im Krippenbereich seien wechselnde Betreuer nicht wünschenswert.

„Aber so geht es nicht weiter, wir müssen eine Lösung finden“ und „warum ist in Syke eine Erstattung möglich und hier nicht?“, riefen aufgebrachte Eltern. „Einen Streik haben wir als höhere Gewalt eingestuft“, so Ditzfeld, „das Geld wird im Kita-Bereich, etwa für neue Spielgeräte, eingesetzt.“ Das gehe auf einen Ratsbeschluss der Stadt Achim zurück. Andere Kommunen hätten vermutlich eine andere Regelung getroffen. „Und als Verwaltung können wir nur das tun, was die Politik beschließt“, verteidigt sich der Bürgermeister. „Dann ändern Sie es doch!“, wirft eine Mutter ein und ein Vater empört sich: „Sie sind die Politik.“ Später führt er aus: „Ich kann es nicht leiden, wenn sich jemand verstecken will, wie hier hinter der Verwaltung.“

Das Ende vom Lied: „Herr Ditzfeld hat uns eine Zusage gegeben, dass er das Thema mit den anderen 38 Ratsmitgliedern besprechen wird“, sagt Marco Rudolph, der sich vom Bürgermeister eine „andere Reaktion gewünscht, aber nicht erwartet hatte“.

Erzieherin Margrit H., die sich mit ihrem Anliegen zum Verwaltungschef vorgekämpft hatte, bekam noch keine direkte Antwort. Die pädagogische Fachkraft hat durch einen Stellenwechsel finanzielle Nachteile hinnehmen müssen, als sie in Achim anfing. Zuvor hatte sie Stufe sechs im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes. Trotz vieler Jahre Berufserfahrung verdient sie nun so viel wie eine Berufsanfängerin.

„Wir woll‘n die Kohle seh‘n“, skandieren derweil rund 40 Erzieherinnen vor dem Achimer Rathaus. Darunter eine 24-jährige Uphuserin, die sich noch in der Probezeit befindet, jedoch überzeugt ist: „Was wir hier machen, ist wichtig für die Zukunft.“ Ihre ebenfalls 24-jährige festangestellte Kollegin fügt hinzu: „Wir müssen immer mehr leisten, dazu zählen teilweise auch psychologische Aufgaben, Eltern beraten.“

Insgesamt habe sich das Berufsbild verschlechtert, pflichtet ihr eine 48-Jährige Mitstreiterin bei. Als Beispiel nennt sie die vierjährige Ausbildung, die früher teilweise noch vergütet wurde. Zudem gebe es für immer größer werdende Gruppen immer weniger Personal. „Seit 29 Jahren arbeite ich in Achimer Kitas und nun streike ich zum ersten Mal“, hält sie fest.

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