Mamas büffeln Vokabeln

Niederschwelliges Angebot mit Kinderbetreuung für geflohene Frauen in Achim

„Alle, die mitwirken, haben einen Migrationshintergrund“, sagt Carlos Morgado (hinten mittig) über den ersten „Achso Mama“-Kurs. Lehrerin Vicky Schulz (rechts) ist Kanadierin. Die ehrenamtlichen Kinder-Betreuerinnen stammen aus dem Irak und Syrien, die Teilnehmerinnen ebenfalls, aber auch aus dem Libanon und Somalia.
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„Alle, die mitwirken, haben einen Migrationshintergrund“, sagt Carlos Morgado (hinten mittig) über den ersten „Achso Mama“-Kurs. Lehrerin Vicky Schulz (rechts) ist Kanadierin. Die ehrenamtlichen Kinder-Betreuerinnen stammen aus dem Irak und Syrien, die Teilnehmerinnen ebenfalls, aber auch aus dem Libanon und Somalia.

Achim – Fouzeya Almahmid ist seit genau zwei Jahren und vier Monaten in Deutschland. Dass die Syrerin ihrem Gegenüber diese Information in der hiesigen Landessprache vermitteln kann, dazu hat auch der Kurs „Achso Mama“ beigetragen. Bei dem niederschwelligen Angebot haben seit September und bis diese Woche rund zehn geflüchtete Frauen immer montags und donnerstags im Generationentreff der Stadt an der Langenstraße Vokabeln und Grammatik gepaukt.

An der Tafel in dem weihnachtlich geschmückten Raum stehen mehrere Punkte – unter anderem die Planung des Abschlussfrühstücks und Feedback zum Kurs. „Heute geht es ruhiger zu als sonst“, erklärt Vicky Schulz, „eine kleine Abschlussarbeit steht an“. Die Masterstudentin hat in ihrer Heimat Kanada bereits die deutsche Sprache studiert und fungiert in dem Kurs als Lehrerin. Während sie im vorderen Teil des Raumes für Fragen zur Verfügung steht, hilft Carlos Morgado, Integrationsmanager bei der Stadt Achim, im hinteren Teil drei Frauen, die sich noch ein wenig schwerer tun mit dem Lernstoff.

Noch ein Stück weiter, hinter einer Holztür, sind Kinder-Geräusche zu hören. Das ist eine Besonderheit dieses Kurses, der nicht nur die Sprache und Alltagssituationen vermitteln, sondern auch das Zugehörigkeitsgefühl in der neuen Heimat der Frauen verbessern soll: Während des Unterrichts betreuen Aseel Al-janabi und Basna Omar die Sprösslinge der Teilnehmerinnen ehrenamtlich. Das baut eine große Hürde ab, mit der sich Frauen in der Regel konfrontiert sehen.

Denn: Müssen sie sich um ihre Kinder kümmern, können sie keinen Sprachkurs besuchen und bleiben somit in vielen Lebensbereichen im neuen Land außen vor. Morgado berichtet von vielen nach Deutschland geflohenen Frauen, die sich selbst kaum verständlich machen könnten und ihre Kinder auch später noch zum Übersetzen mit zum Einkaufen nehmen.

„Ein Sprachangebot mit Kinderbetreuung ist selten“, unterstreicht Carlos Morgado, der „Achso Mama“ in Achim ins Leben gerufen und nach dem Lehrbuch benannt hat, mit dem die Gruppe arbeitet. Deshalb und weil Angebote der Kreisvolkshochschule für einige Sprachanfängerinnen zu schwierig seien, stellt das kostenfreie und freiwillige Projekt für Morgado einen Lückenschluss dar. Bei dem Konzept hat sich der Mann, der selbst aus Brasilien stammt, von Kollegen aus Verden inspirieren lassen und an Richtlinien des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge orientiert.

Er und Vicky Schulz mussten die Frauen aus Somalia, dem Libanon, Syrien und dem Irak zu Beginn des Kurses von ganz unterschiedlichen Startpunkten abholen. „Das war für Vicky und mich eine Herausforderung, alle im Unterricht mitzunehmen und bei Laune zu halten“, gibt Carlos Morgado zu. Die Frauen hätten verschiedene Schulbildungen – so gebe es nicht-alphabetisierte Teilnehmerinnen und andere, die bereits Deutschangebote wahrgenommen haben, die dann aber wegen Corona ausgefallen seien.

So wie bei Riham Sachoni. Sie hat im Bürgerzentrum im Magdeburger Viertel schon mal einen Kurs besucht. Das war allerdings, bevor das Corona-Virus die Welt beschäftigt hat.

Die junge Syrerin ist heute mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter da. Ihr Fazit: „Dieser Kurs war sehr gut.“ Später würde sie am liebsten Krankenschwester werden. In ihrer Heimat hat sie noch keine Ausbildung gemacht – zu früh bestimmte der Krieg ihren Alltag.

Fouzeya Almahmid hatte schon ein Berufsleben. Sie brachte Grundschülern Arabisch und Mathematik bei. Die Syrerin hat selbst vier Kinder. Diese gehen aber bereits auf die Grund- und Realschule beziehungsweise das Gymnasium. Das, was Fouzeya Almahmid zweimal wöchentlich im „Achso Mama“-Kurs gelernt hat, vertieft sie mithilfe von Youtube-Videos – und der Familie, erzählt sie. „Nachmittags gehe ich mit meinem Mann spazieren und übe mit ihm Deutsch.“ Denn der arbeitet bereits und ist so im Alltag näher an der Sprache dran.

Wie es jetzt, wo der Kurs im Generationentreff zu Ende ist, weiter geht, ist für sie längst klar: Am Dienstag startet ihr A 1-Kurs an der Kreisvolkshochschule.

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