Die Erstaufnahmelager in den Sporthallen Embsen und Uphusen / „Ich vermisse meine Familie und brauche Beschäftigung“

Heimatlose Familien auf 25 Quadratmetern

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Flüchtlingsfamilien in der Uphuser Sporthalle; im Hintergrund der Schlafbereich.

Achim - Von Manfred Brodt. Sekeria Elcarah (44) hat in Kobane an der syrisch-türkischen Grenze erlebt, wie der „Islamische Staat“ die Stadt eroberte und wie die kurdische Peschmerga die islamischen Todeskrieger wieder vertrieben haben. Wenn jemand aus seiner Familie zum Arzt wollte, wussten sie nicht, ob sie noch lebend nach Hause kommen. Von seiner Heimatstadt ist außer Trümmern nichts geblieben. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich, Passau und Verden ist er ins Erstaufnahmelager nach Uphusen mit seinen fünf Kindern gekommen.

Der Syrer, der in seiner Heimat als Bauhandwerker ganze Häuser baute und dort an einem relativ sicheren Ort seine Frau noch zurückgelassen hat, weiß nicht, ob er jemals seine Heimat wiedersehen wird. Obwohl vielsprachig kann er noch kein Deutsch und hat sich deshalb noch nicht groß aus der Uphuser Sporthalle getraut. Deutschland kennt er so nicht genauer, aber er weiß eins: „Die meisten Verfolgten sind Moslems, aber kein reiches islamisches Land hat sie aufgenommen; nur Deutschland. Dafür bedanke ich mich.“

Mehmet Sali (53), vielfacher Familienvater, hat in Syrien zwei Einzelhandelsgeschäfte betrieben und hat wegen des mörderischen Krieges ebenfalls alles aufgegeben. Er hält die Deutschen für „sehr freundlich und diszipliniert“.

Von ihren Lebensgeschichten können wir etwas erfahren, weil Dilek Ipekten, die in der Uphuser Sporthalle den 128 Flüchtlingen, darunter 65 Kindern, Essen ausgibt, für uns hervorragend dolmetscht.

Alle kreisweit 500 Flüchtlinge, die in den Erstaufnahmelagern der Sporthallen der Berufsbildenden Schulen, des Gymnasiums am Wall in Verden, in Embsen und Uphusen im Rahmen der Amtshilfe des Kreises für das Land untergebracht sind, waren über die „Balkanroute“ nach Österreich, Bayern und dann per Zug und Bus nach Verden gekommen. Seit Mitte Oktober donnerstags regelmäßig 30 bis 50 Flüchtlinge, berichtet Ulf Neumann, Pressesprecher des Kreises Verden. Etwa ein Drittel der avisierten Flüchtlinge kommt dann jedoch beim Kreis Verden nicht an, sondern steuert andere unbekannte Ziele an. Das ist zwar legal, aber die Menschen sind dann nicht registriert.

Ärztlich untersucht und registriert werden die hier verbleibenden Fremden dann vom Kreis in Verden, bevor sie den bisher vier Erstaufnahmelagern zugewiesen werden.

In Uphusen und Embsen mit seinen 54 Flüchtlingen ist die Unterbringung in den mit Hilfe der Feuerwehren gestalteten Hallen ähnlich. Auf durchschnittlich fünf mal fünf Metern, die von Wänden aus Plastikfolien umgeben und mit Feldbetten und Decken ausgestattet sind, leben die Menschen, zwei Drittel Syrer, der Rest Iraker, Iraner, Afghanen, Kurden, Pakistani. Viele gebildete Leute, Akademiker, Lehrer, Ärzte, Studenten, kein Analphabet.

Einen Blick in die Notunterkünfte dürfen wir nicht werfen, noch nicht einmal ihnen allzu nahe treten, denn die Privat- und Intimsphäre soll gewahrt werden.

„Sie möchten auch nicht, dass jemand einfach in Ihre Wohnung kommt und Ihr Schlafzimmer fotografiert“, werden wir von Benjamin Tari, Projektmanager der Johanniter in Verden und Embsen, überzeugt. Wir hören Kinderstimmen aus den provisorischen Obdachlosenunterkünften und sehen Handtücher, die über die Trennwände gehängt sind.

Mütter mit Kleinkindern, Mädchen und Jungs sehen wir, aber keine Männer. Die sind heute alle mit dem Bus nach Schwanewede gefahren worden, um in der dortigen zentralen Aufnahmestelle sich das monatliche Taschengeld auszahlen zu lassen, das bei gut 100 Euro pro Person im Monat liegt. Aus Sicherheitsgründen geschieht das nicht vor Ort, was auch Bernhard Gätjen vom ehrenamtlichen Regionalvorstand Bremen/Verden der Johanniter seltsam findet. In der Uphuser Halle am Arenkamp sind dagegen auch die Männer vor Ort, denn sie haben sich ihr Taschengeld schon in der letzten Woche aus Schwanewede geholt. Jungen und Mädchen tollen herum, Kinder plärren, Männer unterhalten sich oder köpfen sich einen Lederball zigmal zu, zweifellos Talente.

In einer Nische neben den Mini-Behausungen sitzen Mütter und Mädchen und genießen Deutschunterricht einer ehrenamtlichen Helferin.

In Uphusen werden die Flüchtlinge von Kräften des Roten Kreuzes betreut und auch zu Ämtern und Ärzten gefahren. Dirk Westermann vom DRK kann noch weitere bezahlte Helfer gebrauchen, da die Aufgaben seiner Organisation wachsen werden.

Schlimme Auseinandersetzungen hat es bisher weder in Uphusen noch in Embsen gegeben, sondern nur kleinere, auch religiös motivierte verbale Konflikte. Die werden von den geschulten und oft auch Sprachen der Flüchtlinge sprechenden Helfern schnell geschlichtet.

Die Personalschlüssel von Johannitern in Embsen und DRK in Uphusen sind gleich: Drei Schichten mit jeweils zwei Helfern. Hinzu kommen pro Schicht und Halle jeweils zwei Kräfte eines Sicherheitsdienstes. Sie lassen niemand ohne Berechtigung, Nennung seines Namens und genaue Uhrzeit in eine der Hallen.

Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer liefe es in Embsen, wo sich spontan bis zu 40 Menschen um Spielangebote oder Deutschunterricht kümmerten, und auch in Uphusen viel schlechter. In Uphusen meldeten sich schon am ersten Tag 50 Bürger, wie Herfried Meyer berichtet. Auch sie bemühen sich um Spiele der Kinder, ehrenamtlichen Sprachunterricht, bieten Sport in der Schulturnhalle an oder laden wie die Arbeiterwohlfahrt zum regelmäßigen Willkommenstreff mit Tee, Saft, Unterhaltung und Spielen ein.

Auch darüber hinaus ist die Hilfsbereitschaft der Menschen überwältigend, und wir werden gebeten, um Gottes Willen keine Spendenaufrufe zu verbreiten, da man mit guten Gaben schon überversorgt ist.

Neue Bekleidung haben die Männer, Frauen und Kinder, die nur die Kleider hatten, die sie bei der Flucht am Leibe trugen, schnell über die Kleiderkammer von terre des hommes in Achim bekommen.

Trotz allem werden die vor Krieg, Terror und Elend geflohenen Menschen den längeren Aufenthalt auf wenigen Quadratmetern einer Sporthalle als beengend, nervig und langweilig empfinden. Die gemeinsamen Mahlzeiten, in Uphusen vom Krankenhauscaterer geliefert und im Embser Dorfgemeinschaftshaus von Abu Tuncel, Gastronom im Hallenbad mit Migrationshintergrund, zubereitet, bilden da schon Höhepunkte des Tages. Das Embser Dorfgemeinschaftshaus fungiert zudem als Aufenthaltsstätte mit Fernseher, Internet und PC-Spielen auch nach der Nachtruhe um 22 Uhr. Internet und WLAN fehlen in der Uphuser Halle noch.

„Ich vermisse meine Familie und brauche Beschäftigung, Es ist mir langweilig“, klagt Sekeria Elcarah aus Kobane.

Das wird für ihn und seine Leidensgenossen erst besser werden, wenn sie ihren Asylantrag stellen können. Das können sie aber erst, wenn sie nächstes Jahr bei der Landesstelle registriert sind, die diese Prozedur trotz der schon in Verden erfolgten Registrierung wiederholt. Die Landesstelle muss dann diese Registrierung mit oft nicht vereinbaren Computersystemen dem Bundesamt übermitteln. Erst dann kann der Flüchtling seinen Asylantrag stellen.

All das dauert trotz aller Eilbeschlüsse und Politikerbeteuerungen noch eine gefühlte Ewigkeit.

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