Ausstellung „Klang meines Körpers“

Emotionaler Weckruf wider den Mager-Wahn

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Angelika Bittner-Lohmann (links) vom Jugendamt des Landkreises Verden gab eine Einführung zum Aufbau der Ausstellung „Klang meines Körpers“. 

Achim - Magersucht, Bulimie oder zwanghaftes Muskeltraining – was oberflächlich gesehen wie ein Nachjagen nach Schönheitsidealen erscheint, hat tiefere Ursachen. Meist ist es eine Strategie, um mit schwierigen Situationen wie Einsamkeit, Konflikten in der Familie, Mobbing oder anderen seelischen Verletzungen umzugehen. Die Vielschichtigkeit von Ess-Störungen zeigt die Ausstellung „Klang meines Körpers“, die gestern in der Aula des Cato Bontjes van Beek-Gymnasiums Achim eröffnet wurde.

Eine inhaltliche Einführung gab Angelika Bittner-Lohmann vom Jugendamt des Landkreises Verden. Gegliedert ist die Schau in zwei Bereiche: Ess-Störungen bei Jungen und Ess-Störungen bei Mädchen. 

Im wesentlich größeren Mädchenbereich befinden sich sechs Stellwände in Form einer Wabe. Außen stehen Begriffe zum Thema, illustriert mittels Symbolen. „Das soll die Gefühlsebene, die Kreativität ansprechen“, erklärt Bittner-Lohmann. Innen haben sechs heranwachsende Mädchen ihre Gedanken und Gefühle geschildert. Unterhalb jedes Bildes, das die Problematik zeigt, steht eine „Schatzkiste“, gefüllt mit positiven Dingen, die eine Lösung beinhalten könnten. Den Schlüssel zu der Truhe kann jede nur für sich finden. Mit ihrer eigenen Musik-Auswahl, die auch als „Klang“ über Kopfhörer angehört werden kann, verleihen die Mädchen ihrem Schmerz oder ihrer hoffnungsvollen Seite Ausdruck.

Die Bigband des Gymnasiums spielte zur Ausstellungseröffnung.

Mit „Kerker im Kopf“ ist die Jungen-Ecke überschrieben. Zu sehen ist eine Mauer, die zum Teil eingerissen ist. Die Steine, die im Mauerwerk fehlen, tragen ermutigende Worte wie „spür' dich“ oder „keine Schablonen“. Wenn Jungen ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben, so Bittner-Lohmann, äußere sich das oft im Übertrainieren und dem Konsum von Eiweißpräparaten, um schneller Muskeln aufzubauen.

Weitere Wortbeiträge lieferten Kinderärztin Dr. Petra Gölz, Schulleiter Dr. Stefan Krolle und Bürgermeister Rainer Ditzfeld und Friederike Geißler von der Frauenberatung Verden. Die Bigband des Gymnasiums sorgte für die musikalische Umrahmung. Gölz gehört, neben der Frauenberatung Verden, dem Jugendamt des Landkreises Verden, dem Verein Sozialpädagogische Familien- und Lebenshilfe (Sofa) sowie der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention, zu den Akteuren, die die Wanderausstellung nach Achim holten. Die Stiftung der Kreissparkasse Verden sowie der Landkreis fördern das Präventionsprojekt.

Konzipiert wurde die Schau vom Verein „Werkstatt Lebenshunger“ aus Düsseldorf. Praxisorientierte Schulungen sowie didaktisches Begleitmaterial sollen dafür sorgen, dass die Ausstellung bei den Schülern nachwirkt.

„Junge Menschen sind heute deutlich irritiert“, hob Schulleiter Krolle an und lieferte sogleich ein Beispiel für seine These. Vor einigen Jahren sei das Internet für einige Stunden zusammengebrochen. „Die Ursache waren nicht etwa Terroranschläge, sondern das Hinterteil von Kim Kardashian. Weil sie es neu konfigurierte und im Netz präsentierte.“ Auch die

Schönheitswahn nur eine von vielen Ursachen

Tatsache, dass Beratungsbücher die Bestsellerlisten anführen, spreche eine deutliche Sprache, so Krolle. Wie gravierend sich eine Ess-Störung auf das Leben auswirken kann, habe auch das Cato-Gymnasium schon erfahren: „Einige Schüler wollten zum Abi gar nicht mehr antreten. Zum Glück haben wir sie noch überzeugt.“

Auch Dr. Gölz begegnet essgestörten Jugendlichen in ihrer Praxis. Schönheitsideale – die hätten sie in ihrer Jugendzeit auch gehabt. Die „Barbie“-Puppe oder Mager-Model Twiggy seien längst durch andere Ikonen entthront. Doch ihre reine Existenz biete keine hinreichende Erklärung, Anorexie sei nicht mit Schönheitswahn gleichzusetzen. Wie sehr sich die Rolle der Frau, aber auch junger Männer, in der Gesellschaft verändert habe, und der Einfluss der Globalisierung, spielten mit hinein. „Diesen Sachverhalt darzustellen, ist den Machern der Ausstellung hervorragend gelungen“, lobte Gölz. Der gefühlten Ausweglosigkeit setze sie einen Funken Hoffnung entgegen und gewähre Einblicke in die Seele und das Herz von Betroffenen. „Die Botschaft: Wir haben eine Ess-Störung, sind aber keine.“ Gölz wünscht sich noch mehr solcher Projekte im Landkreis.

Ditzfeld dankte dem Unterstützerkreis und „den jungen Menschen, die den Mut haben, darüber zu sprechen“.

Die Ausstellung, die sich an Schüler ab der achten Jahrgangsstufe sowie Eltern und Angehörige richtet, kann mit Anmeldung oder spontan besucht werden. Bis Mittwoch, 15. Februar, gibt es am Gymnasium abendliche Workshops zum Thema (wir berichteten). Dazu und zu einem Gang durch die Ausstellung sind auch kurzentschlossene Besucher willkommen. 

ldu

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