Ein „einfaches Würstchen“ im privat-militärischen Einsatz

Kasch-Theatergruppe feiert neue Premiere mit dem Einakter „Krieg im dritten Stock“

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Der Postbote überbringt kurz nach Mitternacht einen Einberufungsbefehl des Geheimdienstes an den Pazifisten Emil Blaha – das Ehepaar Blaha versteht die Welt nicht mehr. 

Achim - Ein Postbote klopft um Mitternacht an die Schlafzimmertür des Ehepaares Blaha in Prag, Lange Gasse 13, im dritten Stock links. Der Briefträger befindet sich als Amtsperson natürlich im Besitz des Wohnungsschlüssels und überbringt einen Gestellungsbefehl des Geheimdienstes.

Mit diesem absurden Szenario eröffnen die Darsteller der Theatergruppe „Korrekte Affekte“ den regimekritischen Einakter „Krieg im dritten Stock“ des tschechischen (später österreichischen) Romanautors und Journalisten Pavel Kohout.

Detailreich und liebevoll inszeniert, führen die Hobby-Schauspieler ihr Publikum im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) in die 1970er Jahre hinter den „Eisernen Vorhang“ – in eine Zeit, als ein „einfaches Würstchen“ wie der Jurist Dr. Emil Blaha nicht viel zu bestellen hatte.

In der kafkaesken Szenerie versammeln sich in der Folge ein Arzt, ein Polizist, ein Geheimdienstmann des Militärs und ein General. Emil Blaha und seine Frau müssen erkennen, dass es sich bei dem nächtlichen Besuch nicht um einen schlechten Scherz handelt.

Der Jurist wird für tauglich befunden: In seinen eigenen vier Wänden soll er Krieg führen für die Europäische Union gegen den Schweizer Joseph Hürlemann, der auf dem Weg zu ihm sei. In der modernen Gesellschaft würden nämlich militärische Konflikte zwischen Staaten stellvertretend im Privaten ausgetragen, und die Einberufenen müssen sich diesem Albtraum willig fügen.

Die gestandene Kasch-Theatergruppe „Korrekte Affekte“ hat sich seit Gründung 1994 den osteuropäischen Dramatikern zugewandt: Pavel Kohout steht auf gleicher Linie mit Autoren wie Vaclav Havel und Slawomir Mrozek, deren Stücke die Achimer ebenfalls inszenierten.

Im sozialistischen Regime ihres Heimatlandes eckten jene Dramatiker als Querdenker an und wurden politisch verfolgt. „Die Autoren waren allesamt Dissidenten“, erklärt Ensemble-Mitglied Hannes Radke. „Ihre Stücke kennzeichnet Witz und Tiefe gleichermaßen, das schätzen wir an ihnen.“

Radke erkennt in der Gefühlslage der Einzelperson Emil Blaha Situationen und Erlebnisse vieler Menschen, die auch heute noch durch Staatsführung und Machthaber für kriegerische Handlungen rekrutiert werden. „Krieg im dritten Stock“ wird ein weiteres Mal am Freitag, 2. Dezember, um 20 Uhr im Kasch aufgeführt. 

sch

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