Gottesdienst für Alkoholiker in St. Laurentius

Mit einem Mal „voll dabei“

Glaubt man dem Volksmund, kann man ein „Gläschen“ in geselliger Runde nicht „verwehren“. Gedanken zum „Dazugehören“ standen im Mittelpunkt des Karwochen-Gottesdienstes in der St. Laurentiuskirche. - Archivfoto: Jan Woitas, dpa

Achim - Das Glas Sekt bei Betriebsfeier und Empfang, das Bier nach dem Training oder diverse Liköre und Schnäpse auf der Kohlwanderung – wo Geselligkeit ist, da gehört, zumindest in unserer Gesellschaft, Alkoholkonsum wie selbstverständlich dazu. „Dazugehören“ lautete auch das Thema des Gottesdienstes, den Alkoholkranke in Zusammenarbeit mit der Kontaktstelle für Sucht und Suchtprävention und Pastor i.R. Jürgen Sonnenberg am Dienstagabend in der St. Laurentiuskirche gestalteten. Diese besondere Andacht in der Karwoche hat in Achim bereits Tradition.

Wolfgang war einer der Betroffenen, die ihre Geschichte erzählten. „Ich wollte dazugehören, aber ich war immer nur dabei“, schildert er das Gefühl, das ihn als Heranwachsenden begleitete. Er fing an, sich bei Feiern zu betrinken, so dass er „auf einmal mittendrin und voll dabei“ war im Kegel- und Sportverein. Doch ein wirkliches „Dazugehören“ entwuchs daraus nicht. Stattdessen musste er Jahre später eingestehen, dass er ein Alkoholproblem hat. Das Umdenken kam spät, als seine Partnerschaft schon zerbrochen war. Er stieg aus dem gewohnten Umfeld aus, begann eine Therapie und nun gehörte er endlich dazu. Er gestand sich ein, „eben kein Gruppenmensch“ zu sein. Heute weiß er, dass der Vergleich mit anderen ihm nicht gut tut. Stark macht ihn stattdessen das Gefühl von Vertrauen und Angenommensein – in der Selbsthilfegruppe, der Familie, unter Freunden.

Ausgegrenzt fühlte sich auch Angelika, deren Vater als ostpreußischer Flüchtling ins Nachkriegsdeutschland kam. Die Familie war arm und die Kinder trugen deshalb, als einzige in der Klasse, selbstgenähte Kleider, Wollsachen und Gummistiefel. Auch mit dem Umzug in die Stadt besserte sich die Situation nicht. Den Wunsch, sich auszuleben, konnte sie auch dort nicht umsetzen. „Ich suchte mir den Freund Alkohol. Aber dieser Freund gefiel mir bald nicht mehr.“ Der Rausch verstärkte den Groll auf die Verletzungen der Kindheit. Doch irgendwann lernte sie „so wie ich bin, bin ich richtig“ – und nennt sich heute „eine glückliche trockene Alkoholikerin“.

Gefühlvolle Instrumentalmusik bot Andreas Stodte beim Gottesdienst für Alkoholkranke. - Foto: ldu

Das trifft auch auf Rainer zu, jedenfalls seit dem 15. Mai 2016. „Ich stand letztes Jahr auch hier, obwohl ich nicht clean war. Das war nicht gut, aber es gehört zum Krankheitsbild“, räumt er ein. Schon als Jugendlicher wusste er, dass er schwul ist, schob sein Coming-Out aber aus Angst vor Ausgrenzung hinaus. Je mehr er sich anpasste, desto mehr fühlte er, dass er anders ist. Nun gehört er gerne dazu, ist Mitglied in zwei Selbsthilfevereinen, im Sportverein und liebt es auf den Wochenmarkt zu gehen.

Pastor Jürgen Sonnenberg stellte das Dazugehören als menschliches Grundbedürfnis in den Fokus: „Der Mensch ist angelegt auf Geselligkeit und Miteinander.“ So hieß es bereits im Alten Testament, Gott habe Eva geschaffen, damit sie Adam als Gefährtin „ein Gegenüber ist“. Mit Jesus Christus sei der Begriff der Liebe erweitert worden. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – da ist schon die Beziehung zu mir selbst mitgedacht. Ich soll mich lieben, mit und auch trotz meiner Vergangenheit“, schlug Sonnenberg den Bogen zum Thema Sucht.

Der Achimer Gitarrist Andreas Stodte umrahmte die Andacht mit Instrumentalstücken wie „Bridge Over Troubled Water“ und „Hallelujah“. Die Gottesdienstbesucher sangen kirchliche und weltliche Lieder und zündeten Kerzen an. Anschließend gab es im Gemeindehaus Gelegenheit zum Plausch. Die Kollekte war an diesem Abend für die Arbeit der Suchtberatungsstelle bestimmt. - ldu

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