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Eine Hommage an die Litfaßsäule

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Von: Christian Walter

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Litfaßsäulen in Achim: Sind die zylindrischen Stadtmöbel ein überholtes analoges Relikt oder trotz World Wide Webs nach wie vor gefragte Werbeträger?
Litfaßsäulen in Achim: Sind die zylindrischen Stadtmöbel ein überholtes analoges Relikt oder trotz World Wide Webs nach wie vor gefragte Werbeträger? © Christian Walter

Im Jahr 1854 wurde in Berlin die erste Litfaßsäule aufgestellt. In Achim gibt es heute noch fünf Exemplare, eines davon sehr prominent in der Fußgängerzone als Verkündungsort vor allem für kulturelle Veranstaltungen. Doch sind die zylindrischen Stadtmöbel in Zeiten des World Wide Webs ein überholtes analoges Relikt oder nach wie vor gefragte Werbeträger?

Unverrückbar steht sie da, trotzt allem nebenher. Grün behaubt und fest verschraubt erträgt sie den Verkehr. Sie stört sich nicht an Eis und Schnee, im Sommer nicht an Bier und Feiern, so wenig wie am Lkw, wenn Markttag ist mit Wurst und Eiern.

Die Reimform wird nie und nimmer bis zum Ende dieses Textes durchgehalten werden können, aber dennoch: Sie hat Bürgermeister und Stadträte kommen und gehen sehen und unzählige Prozesse im Amtsgericht, ihrem direkten Nachbarn, ebenso regungs- wie emotionslos hingenommen wie die gewaltige Detonation in der Bankfiliale schräg gegenüber, die im Februar sogar die Innenministerin in die Stadt zu beordern vermochte.

Sie – dieses weibliche Pronomen bezieht sich nicht auf die Ministerin, sondern, man ahnt es bereits, auf ein prominentes Achimer Exemplar eines gefühlten Relikts in Zeiten von Social Media, Online-Werbung, Pop-Ups, Newslettern, Abos, Likes und Posts: Die Litfaßsäule, erfunden und erstmals aufgestellt in Berlin, anno domini 1854.

Sie also, sie führt ein Doppelleben: einerseits ist sie seit Jahrzehnten ein Fels in der Brandung der Fußgängerzone – und wechselt doch jede Woche ihr Gesicht. Sie wird trotz ihrer Massivität und Präsenz von den einen geflissentlich übersehen und links liegen gelassen wie eine Tasse kalter Kaffee, von den anderen Tag für Tag aufs Neue interessiert studiert: Was gibt es Neues im Kasch, im Verein, in der Selbsthilfegruppe?

Das ist schon erstaunlich.

Dennis Meinken vom Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) über den Werbeeffekt der Litfaßsäule

Gerade sie, dieses eine Exemplar aus der Gattung der zylindrischen Stadtmöbel, bewirbt in der Achimer Fußgängerzone vor allem die Veranstaltungen im Kasch. Und die dortigen Kulturschaffenden möchten die Säule nicht missen, auch wenn es heutzutage andere Möglichkeiten gibt, Menschen zu erreichen, gerade digital. Wie Dennis Meinken aus dem Kulturhaus sagt, hegt und pflegt das Kasch „seine“ Säule einmal in der Woche mit dem Neuesten aus der Achimer Kulturwelt. Und stellt durchaus fest, dass sie eine Wirkung hat: Ist etwas Neues an der Säule der kulturellen Verkündigung angeschlagen, gehen die Ticket-Anfragen nach oben. Ähnlich wie bei der Veröffentlichung von Ankündigungen in der Zeitung. „Das ist schon erstaunlich“, sagt Meinken, der die Litfaßsäule als Ergänzung in der Veranstaltungsbewerbung des Kasch durchaus schätzt.

Der Vorteil ist, dass sie dem Betrachter einen Impuls gibt. Sie hat so auch einen Überraschungseffekt und rückt Veranstaltungstermine ins Bewusstsein.

Mitteilung der Stadt Achim

Zur Funktion der Fußgängerzonen-Säule, die von der Wirtschafts- und Standortförderung der Stadt Achim verwaltet und durch den städtischen Bauhof gepflegt wird, schreibt die Stadtverwaltung: „Der Vorteil ist, dass sie dem Betrachter einen Impuls gibt und eine Veranstaltung bewerben kann, ohne dass jemand konkret (online) danach suchen muss. Sie hat so auch einen Überraschungseffekt und rückt Veranstaltungstermine ins Bewusstsein.“

Hier kulturell, da kommerziell: Nach Auskunft der Stadtverwaltung gibt es vier weitere zylinderförmige Geschwister im Achimer Stadtgebiet: an der Borsteler Landstraße, an der Ecke Notweg / Bierdener Dorfstraße, an der Vikarienstraße bei der Hexentreppe sowie dort, wo sich Unterstraße und Am Werder kreuzen. Diese werden von privaten Firmen betrieben und bestückt. Unterschiede zur Kultur-Säule gibt es hier nicht nur in der Botschaft, sondern selbstredend auch an den deutlich weniger prominenten Standorten sowie am Zustand: Auf der Haube der einen fühlt sich Moos offenbar sehr wohl, an einer anderen hängen ihre Werbebotschaften nur noch als Fetzen an der Rundwand.

Wenngleich auch die dort werbenden Firmen – ob Supermarktketten, global agierende Fast-Food-Konzerne oder Hersteller von Tabak und Technik, genau wie die Kulturszene, heute andere Möglichkeiten haben, ihre Produkte an den Menschen zu bringen – Fernsehen, Radio, World Wide Web –, wollen sie offensichtlich dennoch auf das Plakatieren von Litfaßsäulen nicht verzichten, und stehen diese noch so abgelegen in einem verschlafenen Wohngebiet. Zur Zukunft der Achimer Säulen, auch wenn diese hier und da einen nicht allzu fröhlichen und tiptop gewienerten Eindruck abgeben, teilt die Stadt mit, ihr seien „keine Überlegungen bekannt, irgendwo eine Litfaßsäule wegzunehmen.“ – Warum auch, wenn sie selbst nach gut 170 Jahren noch immer Sinn, Charme und Publikum haben – trotz digitaler Konkurrenz.

Von Christian Walter

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