„Müssen als Bürger ein Auge darauf haben“

Einbruchsopfer kritisiert Informationspolitik der Polizei

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Profis reicht nur ein Schraubendreher, um das Fenster aufzuhebeln – wie auf unserem Symbolbild, das einen Einbrecher bei der „Arbeit“ zeigen soll.

Drei Einbrüche und einen Einbruchsversuch erlebte der Achimer Michael Schönfelder in seinem Haus nahe der Laurentiuskirche, wie er unserer Zeitung berichtet. Jedesmal fehlten hinterher Geld und Schmuck.

Achim - Der letzte Vorfall datiert auf den 1. Mai 2019. Der 69-Jährige wundert sich, dass darüber nichts in der Zeitung stand. Denn auch den Beamten helfe die Publikation in Verbindung mit einem Zeugenaufruf bei den Ermittlungen. Noch überraschter war Schönfelder, als er kürzlich bei einer CDU-Veranstaltung zum Thema Innere Sicherheit im Hotel Gieschen den Achimer Polizeichef Ingo Jans sagen hörte: „Achim ist sicher“. „Das ist es aus Sicht vieler Betroffener nicht“, glaubt Schönfelder.

Zuvor war in Schönfelders Haus am 6. Juli 2018 und 21. Juli 2017 eingebrochen worden, am 4. März 2014 war es beim Versuch geblieben. Über diese Vorfälle hatte unsere Zeitung berichtet.

Einbrüche in Achim: Schönfelder kein Einzelfall

Michael Schönfelder sagt, er sei kein Einzelfall: „Als Betroffener kommt man mit Bürgern ins Gespräch, da habe ich zwangsläufig von anderen Einbrüchen erfahren“ – deren Fälle die Polizei ebenfalls nur lückenhaft öffentlich gemacht hätte. Beispielsweise erzählte ihm Michael Rosenboom, dass sich Einbrecher am 6. Januar 2018 in seinem Achimer Computer-Shop zu schaffen gemacht hätten. Nicolle Rosenboom bekräftigt, dass die Täter Kundengeräte, Ware und Geld aus der Kasse mitgehen ließen: „Dabei hatten wir extra eine Kamera installiert.“ Die mutmaßlichen Einbrecher trugen Kapuzenpullis, seien aber nicht maskiert gewesen. Das Verfahren sei eingestellt worden, ohne, dass es zu einem Prozess kam.

Ähnlich erging es Rolf Sonntag vom Media Store Achim, der im Dezember 2017 und Januar 2018 Einbrüche zu beklagen hatte, berichtet der Geschäftsinhaber. „Besonders der Letzte war brutal. Da haben sie einen Gullideckel durchs Fenster geworfen und den kompletten Verkaufsstand leer geräumt.“ Zeugenaufrufe tätigte Sonntag lediglich privat – die Ermittlungen wurden eingestellt. Dazu der wirtschaftliche Schaden: „Bei zwei Einbrüchen hintereinander zahlt keine Versicherung.“

Diese Schilderungen kann Imke Burhop, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Verden/ Osterholz, nicht bestätigen: „Der Aufwand, Vorfälle von 2018 zu recherchieren, ist zu hoch, das kann ich nicht leisten.“ Zu den Vorfällen im Computer-Shop und Media Store erreichten unsere Zeitung in der Woche vom 8. bis 13. Januar 2018 keine Pressemitteilungen. Auch im Archiv des Polizei-Presseportals findet sich im Zeitraum vom 8. bis 20. Januar 2018 kein Vermerk.

Einen Ordner mit Zeitungsausschnitten und Behördenbriefen hat Einbruchsopfer Michael Schönfelder angelegt. Er zeigt Standbilder der Überwachungskamera vom Einbruch im Achimer Computer-Shop.

Ein weiterer, nicht berichteter Einbruch habe sich Pfingsten 2019 in der Englisch-Sprachschule „Helen Doron“ ereignet, sagt Thirza Wilczek, Leiterin der Sprachschule. Nach Angaben der Polizei-Pressesprecherin allerdings kein Einbruch im engeren Sinn, da das Gebäude nicht verschlossen gewesen sei. In den Polizeiakten sei der Vorfall daher nicht als Diebstahl geführt, und auch nicht an die Presse berichtet worden. Wilczek ist vom Vorgehen der Polizei enttäuscht. „Die hatten, glaube ich, kein Interesse, das aufzuklären. Sie gaben mir das Gefühl, ich wäre selber die Täterin.“ Kratzer an der Tür hätten die Beamten ignoriert. Die 3000 bis 4000 Euro Schaden, die der Britin durch den Diebstahl eines Whiteboard-Beamers entstanden sind, habe die Versicherung nicht erstattet.

Laut Imke Burhop geht die Auskunftspflicht der Polizei gegenüber Journalisten nicht so weit, „dass sämtliche polizeilichen Geschehnisse, die passieren, schriftlich mitgeteilt werden müssen“. Vielmehr sei die Behörde lediglich verpflichtet, auf konkrete Anfragen von Journalisten Auskünfte zu erteilen, sofern keine Gründe dagegensprechen. „Die grundsätzliche Linie der Polizeiinspektion Verden/ Osterholz ist es jedoch tatsächlich, gerade bei Einbruchsdiebstählen, die das Sicherheitsgefühl der Menschen stark beeinträchtigen, eine vollständige Information zu gewähren, häufig auch kombiniert mit Zeugenaufrufen. Nur in sehr wenigen Fällen weichen wir von diesem Grundsatz ab. Die Gründe basieren auf dem Pressegesetz und sind zum Beispiel taktischer Natur oder betreffen schutzwürdige private oder öffentliche Belange.“ 

Polizei: Presse gefährdet Ermittlungen

Aber was genau sind Gründe, die gegen eine Berichterstattung sprechen? „Unter die taktischen Belange fallen laufende Ermittlungsverfahren, deren Erfolg durch eine Berichterstattung erschwert oder sogar gefährdet würde.“ Bei Einbrüchen stünden freilich nur in äußerst seltenen Fällen schutzwürdige private Belange einer Veröffentlichung entgegen, räumt Burhop ein. Jeder Fall werde individuell betrachtet: Vor dem Hintergrund des Pressegesetzes und der Leitlinie der Polizeiinspektion Verden/  Osterholz könne es bei der Entscheidung für oder gegen eine Berichterstattung zu vielen Zwischenstufen kommen.

Einbruchsopfer Schönfelder sieht das kritisch: „Wenn die Polizei etwas aus ermittlungstaktischen Gründen zurückhalt, müssen wir als wachsame Bürger ein Auge darauf haben.“ Der Achimer betont jedoch, dass er die Arbeit, die die Beamten leisten, grundsätzlich schätzt: „Ich stehe hinter der Polizei.“

Auf die konkreten Beispiele angesprochen, sagt Burhop: „Bei einer ausbleibenden Berichterstattung hat es sich um Einzelfälle gehandelt. Für die Einhaltung unserer Maßstäbe zur Berichterstattung setzen sich die Leitung der Inspektion und der einzelnen Dienststellen fortwährend ein.“

Statistische Daten

Polizeichef Ingo Jans gab im Interview mit unserer Zeitung vom Juni 2019 einen Abwärtstrend an: „2016 haben wir 186 Einbrüche registriert, 2017 dann 107 und 2018 waren es lediglich noch 81. Auch in diesem Jahr setzt sich dieser erfreuliche Trend fort.“

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