„Ein Morgen vor Lampedusa“ / Im Ratssaal ergreifender Rückblick auf die Flüchtlingstragödie

Lesung verleiht dem Schrecken eine Stimme

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Szenische Lesung aus der Perspektive von Flüchtlingen.

Achim - Eine ergreifende Rückblende zu den Ereignissen des 3. Oktober 2013 vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa gab‘s am Sonntagabend im Rathaussaal. In jener Nacht havarierte ein 15 Meter langes Fischerboot mit 545 Menschen an Bord, von denen 366 ihr Leben verloren.

Die Grundlage der Lesung bildeten Aufzeichnungen des Italieners Umberto Riccó. Seine gesammelten Augenzeugenberichte von Inselbewohnern, Fischern, Flüchtlingen, Rettungstauchern und Politikern schaffen ein einzigartiges Zeitdokument, das durch die rollenspielartige Darbietung eine beklemmende Authentizität gewinnt. Der Bremer „Freundeskreis Garten der Menschrechte“ führte die Lesungen stellvertretend für den Autor in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek durch. Mit der Projektgruppe „Unser Herz schlägt auf Lampedusa“ kämpft Umberto Riccó mit Deutschen und Italienern aus Hannover gegen das Vergessen. Unterbrochen werden die Passagen durch Bildprojektionen, untermalt mit eigens komponierten Liedern von Francesco Impastato. Die Bilder spiegeln das Leben der Gestrandeten, sie zeigen überfüllte Kähne und Menschen in Todesangst.

Unerschrocken und nüchtern schlüpften die fünf Lesenden in die Rollen realer Akteure und berichteten unter anderem aus der Perspektive eines Flüchtlings: Von seinen Beweggründen und, wie er mehrere Tausend Dollar zahlte, um auf einem Seelenverkäufer die gefährliche Seereise antreten zu können. Er erzählt von Benzin im Trinkwasser, damit auf der Überfahrt nicht so viel getrunken wird, von einem Motorschaden eine halbe Seemeile vor der rettenden Insel und von einer von einem Flüchtling angesteckten Decke, um die Aufmerksamkeit entfernter Fischer zu gewinnen.

Die Fischer hörten Schreie, die sie zunächst für Möwen hielten, und entdeckten anschließend hunderte im Wasser treibende Köpfe. Sie berichteten von ihrer Hilflosigkeit angesichts der Menge, vom Schrecken und ihrer Angst, von der alarmierten Küstenwache, die viel zu spät eintraf und nichts unternahm, weil sie auf Anweisungen wartete. Während dessen glitten den Helfern entkräftete Menschen aus den Händen, die sich selbst aufgegeben hatten und vor ihren Augen versanken.

Aus Furcht vor Strafe fuhren Fischer vorbei, ohne zu helfen: So hatten bereits einige ihre Lebensgrundlage verloren, weil sie als Helfer wegen Begünstigung illegaler Einreise verurteilt worden waren. Taucher beschrieben, wie sie das versunkene Schiff am Meeresgrund aufspürten mit Ertrunkenen, die sich in den Armen lagen oder die Hände hilfesuchend von sich streckten. Einige traumatisierte Fischer fahren bis heute nicht mehr auf das Meer hinaus und viele Inselbewohner können das Leid nicht mehr ertragen. „Europa ist eine Festung im Meer voller Leichen“, wird ein Augenzeuge zitiert.

Die Situation vor Lampedusa hat sich nicht verändert. Die Insel bekommt beschämende Gesellschaft durch die Ereignisse vor den griechischen Inseln Kos und Lesbos.

Für eine Debatte standen Vertreter aus der Flüchtlingsarbeit bereit: Der ehrenamtliche Helfer Bruno Kroehn, Ralf Vogt als Mitarbeiter des Landkreises sowie Jutta Mischendahl-Pape von der Caritas Verden. Ralf Vogt betonte, dass die Aufnahme unter den aktuellen Bedingungen immer noch sehr gut funktioniere und versprach notwendige Verbesserungen. „Alle arbeiten derzeit am Limit“, sagte der Behördenvertreter. Während Bruno Kroehn davor warnte, die Ehrenamtlichen dauerhaft zu belasten: „Die bleiben einfach irgendwann weg, wenn es ihnen zu viel wird.“

Die Spendeneinnahmen aus der Veranstaltung kommen vor Ort einer mehrsprachigen Bibliothek für Flüchtlinge zugute, zur Unterstützung ehrenamtlicher Lesepaten in Kindergärten und Schulen.

sch

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