Alkoholkranke gestalten Karwochen-Gottesdienst in der Laurentius-Kirche mit

„Ein Leben ohne Konflikte und Niederlagen gibt es nicht“

Über Abgründe in ihrem Leben, aber auch das Sich-selbst-Wiederfinden, Zuversicht und die Stärkung in der Gruppe berichteten Alkoholkranke jetzt im Gottesdienst. - Archivfoto

Achim - Um „die Angst vor dem Verlieren“ ging es in diesem besonderen Karwochen-Gottesdienst. Zum Thema hatten Angelika, Wolfgang und Rainer sehr persönliche Erfahrungen beizusteuern, von denen sie zahlreichen Zuhörern in der St. Laurentius-Kirche berichteten.

Alle drei sind trockene Alkoholiker und hatten sich gemeinsam mit dem Achimer Pastor im Ruhestand Jürgen Sonnenberg voller Einsatz und Freude auf ihren „Auftritt“ vorbereitet. Dabei war natürlich auch eine Menge Lampenfieber zu bekämpfen und zu überwinden.

Speziell an Alkoholkranke und deren Angehörige, Freunde und Interessierte richtete sich dieser Gottesdienst in der etwa zu einem Drittel gefüllten, großen Achimer Kirche.

Das Leben sei nun mal mehr als nur Liebe, Glück und Zufriedenheit, hatte Sonnenberg gleich zu Beginn deutlich gemacht. Auch Zweifel, Irren, Hassen, Versagen, Angst und Aufhören von Angst gehörten dazu. Eine Leben ganz ohne Konflikte und Niederlagen gebe es für niemanden.

Gerade der Anspruch auf Perfektion und die Angst, den Anspruch nicht erfüllen zu können, sei ihr zum Verhängnis geworden, berichtete dann Angelika. Die innere Leere auch nach großen Feiern habe sie mit Alkohol auszugleichen versucht.

Heute sei die große Angst vor dem Versagen nicht mehr der übermächtige Feind. Sie habe gelernt, dass man es nie allen recht machen könne und akzeptiere sich jetzt „so wie ich bin“. Grundsätzlich finde sich immer eine Lösung, sei sie überzeugt. Von der Anonymen-Alkoholiker-Gruppe in Achim fühle sie sich getragen, und die regelmäßigen Treffen hätten es ihr ermöglicht, „nun schon mehrere 24 Stunden lang trocken zu bleiben“.

Nach außen wirkte er auf Viele zufrieden und ausgeglichen, aber innerlich wollte er am liebsten ständig vor sich selbst davonlaufen und kam nie wirklich zur Ruhe, schilderte Wolfgang seine Erfahrungen. Als eine jahrzehntelange Beziehung platzte, „stand ich vor einem Scherbenhaufen“. Auch er sei in der Selbsthilfegruppe jetzt auf gutem Wege, langsam wirklich zu sich selbst zu finden.

In den Augen anderer hatte er viel erreicht, fiel abends aber nach der Arbeit oft kaputt ins Bett, schilderte Rainer sein Leben. Da blieb auch kaum Zeit, eine stabile Beziehung aufzubauen. Seit fast zehn Jahren sei er in der Selbsthilfegruppe aktiv, und es habe auch Rückfälle gegeben. Dennoch fühle er sich wohl unter diesen Menschen, die wie eine Familie für ihn seien. Und vielleicht ergebe sich auch die ersehnte engere Beziehung.

„Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen“, zitierte Pastor Sonneberg in seiner Predigt ein äthiopisches Sprichwort. Leider fühlten sich heute viele

Als Verlierer dastehen will niemand

Menschen dazu gedrängt, manchmal auch mit lauten Worten etwas nach außen darstellen zu müssen, das gar nicht sie selbst seien.

Vor allem als Verlierer dastehen wolle niemand, denn Verlierer würden in unserer Gesellschaft nicht für voll genommen. Kein Mensch aber könne wirklich alles. Wer versage, reagiere dann entweder mit wütendem Aufschrei oder ziehe sich in die innere Emigration zurück, wobei Alkohol und andere Drogen nicht weit seien.

Der Umkehrschluss von „Keiner kann alles“ laute jedoch „Jeder von uns hat irgendeine bestimmte Begabung“. Es gelte zu erkennen, was man kann und was nicht sowie „sich selbst so anzunehmen, wie mich Gott in die Welt gestellt hat“. In dieser Richtung bewege sich auch die Arbeit der AA-Gruppe.

Ein vorösterliches Abendmahl rundete den speziellen Gottesdienst ab. Neben dem gemeinsamen Gesang hatte zwischendurch Andreas Stodte aus Uesen mit seinem beeindruckenden Gitarrespiel – unter anderem eine Version von „What A Wonderful World“ – den Abend in der Kirche bereichert. - la

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