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Dorfhelferinnen in Achim und umzu: Weniger Höfe, dafür mehr Familien im Fokus

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Von: Lisa Duncan

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Seit 2014 ist die Badenerin Anette Claus (links) Einsatzleiterin für das Evangelische Dorfhelferinnenwerk in Achim, Oyten, Thedinghausen und Verden. Heike Hans arbeitet seit vielen Jahren als Dorfhelferin und half in diesem Rahmen auch schon bei Anette Claus auf dem Hof aus, als diese sich die Schulter gebrochen hatte.
Seit 2014 ist die Badenerin Anette Claus (links) Einsatzleiterin für das Evangelische Dorfhelferinnenwerk in Achim, Oyten, Thedinghausen und Verden. Heike Hans arbeitet seit vielen Jahren als Dorfhelferin und half in diesem Rahmen auch schon bei Anette Claus auf dem Hof aus, als diese sich die Schulter gebrochen hatte. © Duncan

Baden – Menschen, die den Haushalt vorübergehend nicht weiter führen und ihre Familie nicht betreuen können, sind dank des Evangelischen Dorfhelferinnenwerks Niedersachsen nicht auf sich allein gestellt. In Achim, Oyten, Thedinghausen und Verden nimmt Einsatzleiterin Anette Claus aus Baden seit 2014 Anfragen entgegen und vermittelt die Aufträge an die sieben dort angestellten Dorfhelferinnen.

„Manche Einsätze kann man planen, viele aber auch nicht“, sagt Anette Claus. Daher fielen die Arbeitszeiten ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit immer sehr unterschiedlich aus. „Es ist wie das Leben selbst“, ergänzt Heike Hans, die als langjährige Mitarbeiterin gerade in ihrem Wohnort Thedinghausen im Einsatz ist.

Voraussetzung, um sich eine Dorfhelferin in die Familie zu holen, ist laut Claus ein ärztliches Attest. Üblicherweise werde die Hilfe nach einer Operation, Reha-Maßnahme, bei Problemen in der Schwangerschaft oder nach einer Geburt für einige Wochen in Anspruch genommen. Finanziell getragen wird der Einsatz je nachdem von der Krankenkasse, Rentenberatung oder Berufsgenossenschaft. „Die Hilfe ist nur vorübergehend“, betont Claus. Eine dauerhafte Haushaltshilfe sei nicht vorgesehen. Sechs Wochen bis maximal sechs Monate kann eine Dorfhelferin Haushalten unter die Arme greifen. Manchmal sei das Jugendamt als Träger involviert, weil ohne Hilfe das Kindeswohl gefährdet sein könnte. Dann könne der Aufenthalt in einer Familie auch verlängert werden.

Einst als landwirtschaftliches Hilfsangebot gedacht, sind die Dorfhelferinnen mittlerweile überwiegend in Familien tätig. Heike Hans ist seit 1983 Dorfhelferin, „anfangs fast nur in der Landwirtschaft, aber das hat sich in den letzten zehn Jahren stark gewandelt, weil auch junge Frauen jetzt oft berufstätig sind“. Statt eine Großfamilie und deren Mitarbeiter auf einem Hof versorgen zu müssen, stünden jetzt kleinere Haushalte im Fokus. „Wir hatten letztes Jahr nur zwei Einsätze in der Landwirtschaft“, fügt Claus hinzu. Auch die Tatsache, dass Krankenkassen die Leistungen der Dorfhelferinnen zunehmend anerkennen, spielt laut Anette Claus eine Rolle.

Heike Hans stieg als 22-Jährige in den Beruf ein. Qualifiziert hat sie sich neben einer hauswirtschaftlichen Ausbildung in der Säuglingspflege, Kindererziehung, Betreuung und Versorgung von Menschen mit erhöhtem Zuwendungsbedarf sowie in der Alten- und Krankenpflege, damals noch am Dorfhelferinnenseminar in Fischerhude. Seit 1997 erfolgt die Ausbildung am Seminar in Loccum. Im September beginnt wieder ein neues Seminar, an dem Interessierte auch berufsbegleitend teilnehmen können. „Der Beruf ist ideal für Frauen nach der Phase der Familienplanung“, sagt Anette Claus.

Weil sie überall im Landkreis und manchmal auch darüber hinaus eingesetzt werden, sollten Dorfhelferinnen über ein eigenes Auto verfügen und zeitlich flexibel sein. Viele Dorfhelferinnen arbeiten wie Heike Hans in Teilzeit (etwa 20 Stunden pro Woche), es gibt aber laut Claus auch Vollzeit-Dorfhelferinnen, deren Aktionsradius sich über ganz Niedersachsen erstrecken kann, weil nicht durchgängig in Wohnortnähe Hilfe benötigt wird. Wenn mal Not an der Frau ist, kooperiert Claus etwa auch mit den Nachbarstationen in Rotenburg und Bruchhausen-Vilsen.

Heike Hans, die abzüglich einer Kindererziehungspause seit etwa 30 Jahren Dorfhelferin ist, schätzt die Vielfalt der Menschen und Orte, die sie über ihren Beruf kennengelernt hat. Durch die lange Berufserfahrung und die eigene Familienzeit ist ihr der Umgang mit Kindern vertraut, „und ich weiß, wo ich im Tagesablauf Prioritäten setze“.

Hans lässt sich zudem regelmäßig fortbilden. Zuletzt besuchte sie ein Seminar für den Einsatz in Familien mit Migrationshintergund, die das Angebot der Dorfhelferinnen inzwischen immer häufiger in Anspruch nehmen. „In anderen Kulturen herrschen ja auch andere Essgewohnheiten“, erläutert Hans. „Morgens gibt’s Torte oder es wird für die Nachbarn gleich mitgekocht“, zählt sie Beispiele auf, die für sie zunächst ungewohnt waren. Damit sich nicht gleich zu Beginn des Einsatzes Spannungen wegen kultureller Missverständnisse anbahnen, sei es hilfreich, über solche Dinge Bescheid zu wissen.

Corona habe sich bei den Dorfhelferinnen insofern ausgewirkt, dass operationsbedingte Familienaufenthalte zuerst wegen verschobener OP-Termine weitgehend wegfielen. Dafür häuften sich laut Hans in der Pandemie die Geburten: „Ich hatte viele Kindereinsätze, auch wegen Mehrlingsgeburten“, erzählt sie. Darunter auch ein Einsatz bei Drillingen. „Das kann man allein gar nicht bewältigen“, schildert Heike Hans die enorme Belastung. Zum Glück sei der Vater der kurdischen Familie zu dieser Zeit zu Hause gewesen, sodass sie die Kinder mit ihm quasi umschichtig in die Krippe bringen und abholen konnte. Mit Corona geht selbstverständlich auch bei den Dorfhelferinnen die Einhaltung der AHA-Regeln einher – nur, wenn es um die Pflege von und den Kontakt mit kleinen Kindern geht, werde zeitweise auf den Mundschutz verzichtet.

Bisweilen sei es ihr schwergefallen, die Familien nach ein paar Wochen zu verlassen, gibt Heike Hans zu: „Man ist schon manchmal sehr vertraut, aber es ist wichtig, dass man auch lernt, sich klar abzugrenzen“, erzählt die 60-Jährige.

Weitere Info und Kontakt

www.dhw-nds.de

Einsatzleiterin für den Bereich Achim, Oyten, Thedinghausen, Verden, Dörverden: Anette Claus, Tel. 04202/ 70216

Einsatzleiterin für den Bereich Ottersberg, Langwedel, Kirchlinteln: Antje Müller, Tel. 04205/ 1774

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