Hägermann-Fotos: „Die Welt ist schon so bunt, zu bunt“

„Die Straße erzählt so viele Geschichten“

Willkommen im Kulturhaus Alter Schützenhof in Achim. - Foto: Hägermann

Achim - „no signs 03:14“ heißt die Fotoausstellung, die Bernd Hägermann noch bis zum 9. April in der Bremer Villa Ichon am Goetheplatz präsentiert. Der Titel beschreibt ein Foto, das eine Muslimin zeigt, auf deren Schleier zu lesen ist, dass 3 Minuten und 14 Sekunden kein Filmsignal kommt. Eine von vielen Momentaufnahmen.

Den Lesern des Achimer Kreisblatts wird Bernd Hägermann –- zumindest namentlich – bekannt sein als Reporter, der über Jahreshauptversammlungen, Vorträge, Vereins- und Schützenfeste oder auch Neueröffnungen und Jubiläen berichtet und besonders gut und gerne auch mit feiner Klinge Kunstausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen seziert.

Dabei frönt er neben dem Schreiben seiner wohl ersten Leidenschaft, der Fotografie, lichtet Versammlungen, Geehrte, Vorstände, Schützenkönige, erfolgreiche Schüler ab oder fängt Fußball- und Handballszenen ein.

Diese Zeitzungsfotos haben mit den Fotos, die er in seiner Ausstellung zeigt, allerdings herzlich wenig zu tun. Hier beweist er, dass er als Fotograf ein Künstler ist.

Porträts und Straßenfotos sind zu sehen. Die korpulente kranke Frau, der beim Planschen im Wasser das Glück ins Gesicht geschrieben steht, die von der Sonne und der Arbeit gegerbten Dachdecker, der Mann von Welt, der vermutlich ein Motorradfreak ist, oder die Muslima, die in Bassen auf der Gartenplantage arbeitet und deren Kopftuch im Wind flattert.

Bernd Hägermanns Fotografie arbeitet oft Charakteristika der Menschen heraus, wobei die Phantasie des Betrachters auch ganz andere Assoziationen und Interpretationen erlaubt.

Oft faszinieren ihn auch nur die Lichtverhältnisse, die Komposition von Schwarz, Weiß und Grau oder die Geometrie des Bildes. Zum Beispiel, wenn der Beschäftigte beim Bremer Kino schon etwas den Filmhelden auf den Plakaten ähnelt und die Kinotür einen Spalt weit geöffnet ist. Oder wenn hinter einer Leinwand Menschen mit zum Teil halb verdeckten Köpfen, meist alkoholischen Getränken und eher traurigen Gesichtern sitzen. Sie sehen Werder auf der Leinwand und haben wohl gerade ein erneutes Gegentor miterlebt.

Fast immer wissen die aus der Nähe Fotografierten, dass sie abgelichtet werden. Der eher leise, sanfte, sensible und freundliche Hägermann hat mit ihnen vorher darüber gesprochen.

„Der gute Fotograf ist nicht da, wo es knallt“

Er gehört nicht zu der Sorte Fotografen, die mit martialischer Ausrüstung und der Attitüde „Mein Gott bin ich wichtig“ auf sich aufmerksam machen wollen. „Wenn Du arrogant daher kommst, kannst Du’s gleich vergessen,“ sagt Hägermann.

So arbeitet er mit recht einfachen und kleinen Kameras und meist auch ohne Blitz. Er schafft Vertrauen zu den Menschen, die den Fotografen kaum noch und schon gar nicht als Stressfaktor wahrnehmen, nicht verkrampfen oder sich total verstellen. Gestellt, abgesprochen ist nichts. Regieananweisungen vom Fotografen gibt es nicht. Er beobachtet nur und stellt nie bloß.

Die Situation, den Gesichtsausdruck im richtigen Moment einzufangen, ist hier die Kunst, denn der in Mahndorf an der Grenze zu Uphusen beheimatete Künstler der Fotografie schießt keine Serienfotos, hasst den Winder, der zig Aufnahmen in der Sekunde ermöglicht. Hägermann erinnert diese Technik eher an ein Maschinengewehr, und auch sonst ist er schnell bei Bildern aus dem Militärischen.

Von guten Kriegsfotografen hat er sich die Aussage zu Herzen genommen: „Der gute Fotograf ist nicht da, wo es knallt“.

So ist es auch bei seinen Aufnahmen. Nicht so genante Promis, sondern einfache interessante Menschen und Situationen sind seine Motive. Er kann den ganzen Tag durch Bremen, Bremerhaven oder seine frühere Heimat Cuxhaven streifen auf der Suche nach Motiven. „Die Straße erzählt so viele Geschichten“, weiß er.

Manchmal erwischt er auch einfach die Gunst des Moments, wenn zum Beispiel der dicke Qualm aus dem Industrieschlot in Bremen durch das Herbstlaub eines hohen Baumes fegt oder wenn über einem originellen Drachen sich die Kondensstreifen zweier Starfighter am Himmel abbilden. Oder der Junge, der entkräftet aus der kalten Nordsee eilt. Toll auch, dass sich bei des Fotografen Erscheinen am russischen Schulschiff gerade der Bordhund blicken ließ.

„No signs 03:14“ bietet nur eine kleine Auswahl seiner Fotos, die alle schwarz-weiß sind. Hägermann hat nichts gegen Farbfotos, die er ja auch regelmäßig für diese Zeitung liefert, aber Schwarz-Weiß konzentriert sich für ihn mehr auf das Wesentliche. „Die Welt ist schon so bunt, zu bunt“, meint er.

Von Manfred Brodt

Mehr zum Thema:

Unglücksfähre "Sewol" vor Südkorea auf Lastschiff verladen

Unglücksfähre "Sewol" vor Südkorea auf Lastschiff verladen

Nach Anschlag in London: Polizei lässt Festgenommene frei

Nach Anschlag in London: Polizei lässt Festgenommene frei

"Schwung und Kraft": Vettel jagt Hamilton in Australien

"Schwung und Kraft": Vettel jagt Hamilton in Australien

Neue Bewegung in Aufarbeitung der Germanwings-Katastrophe

Neue Bewegung in Aufarbeitung der Germanwings-Katastrophe

Meistgelesene Artikel

Mehrere Verletzte bei Unfall auf der A27

Mehrere Verletzte bei Unfall auf der A27

Schlussstrich unter angebliche Sexaffäre

Schlussstrich unter angebliche Sexaffäre

Erst Stromausfall, dann kein Wasser

Erst Stromausfall, dann kein Wasser

Glockenspiel: Zwei Jahre Pause beendet

Glockenspiel: Zwei Jahre Pause beendet

Kommentare