Die Boller Wasserschöpfmühle

Schon früh drehten sich an der Grenze zu Bremen die Flügel von Windmühlen

Die Wasserschöpfmühle in Bollen eingezeichnet auf einer Karte aus dem Jahre 1744. REPRO: Pöttker
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Die Wasserschöpfmühle in Bollen eingezeichnet auf einer Karte aus dem Jahre 1744. REPRO: Pöttker

Achim-Bollen – Schon 2010 diskutierte der Bollener Ortsausschuss über geplante neue Windanlagen in der Marsch als Erweiterung des schon vorhandenen Windparks in Bremen-Mahndorf. Man erinnerte sich daran, dass Bollen schon frühzeitig als Windkraft-Standort der Stadt Achim vorgesehen war. Dieser Wunsch scheiterte damals am Einspruch der Hansestadt, denn dort war man der Meinung, „Windräder gehören hier nicht hin“, diese „Windmühlen“ verschandelten die Landschaft.

Später hatte sich der Wind in Bremen gedreht, und in der Mahndorfer Marsch befinden sich seit fast 20 Jahren die Generatoren am Netz. Nun ist man auf Achimer Seite am Zug, und der Windpark Bremen- Mahndorf wird auf Bollener Gebiet nach langer Planung erweitert. Mit einem Rotordurchmesser von rund 150 Metern und einer Gesamthöhe von 241 Metern stellen die Giganten die bestehenden Anlagen sowohl in der Höhe als auch von der Leistung in den Schatten. In diesen Tagen werden mehrere Schwertransporte durch Uphusen zum Bauplatz geleitet. Für die bis zu 84 Meter langen Spezialtransporte mussten die Autobahnausfahrten Uphusen erweitert, Verkehrsschilder und Ampeln versetzt und von der Heerstraße eine Abfahrrampe neu erstellt werden.

Aber auch in der Vergangenheit drehten sich hier schon Windmühlenflügel, allerdings mit bescheidenen Segelflügeln und einer Spannweite von 12 bis 15 Metern. Und es gab auch damals zwischen den Dörfern Uphusen und Bollen sowie Mahndorf diesbezüglich Reibereien, wie in den Gerichtsprotokollen nachzulesen ist.

Neben der Uphuser Heerstraße wurde eine Rampe für die Schwertransporte erstellt.

Eine der wohl ungewöhnlichsten Windmühlen im Gohgericht Achim stand vor langer Zeit in der Boller und Uphuser Feldmark.

Die Marsch zwischen Uphusen und Bollen war durch ihre tiefe Lage in fast jedem Winter durch Überschwemmungen der Weser bedroht und somit für den Ackerbau auf dem an sich recht fruchtbaren Boden erst sehr spät oder nur mit Einschränkungen bestellbar. Deshalb entschlossen sich die beiden Dorfschaften im Jahre 1744, dem Übel durch den Bau einer Wasserschöpfmühle abzuhelfen. Diese besondere Mühlenart war eigentlich nur in Ostfriesland anzutreffen und anstatt des Mühlsteinantriebes förderte sie mit einem sogenannten Schneckengang, der nach dem Prinzip der archimedischen Schraube arbeitete, das Wasser aus den tief liegenden Ländereien in Kanäle oder Siele.

Platzsuche für Mühle schon damals alles andere als einfach

Aber was den Uphusern und Bollern recht war, das konnte den benachbarten Mahndorfer Bauern überhaupt nicht billig sein, denn die Mühle sollte direkt an dem Abzugsgraben zu ihrem Grund und Boden aufgestellt werden. Sie schlugen deshalb vor, die Mühle doch unmittelbar hinter dem Deich zu platzieren. Mit diesem Aufstellungsort war man aber seitens der Obrigkeit überhaupt nicht einverstanden. Man setzte die Mühle weiter in die Marsch hinein. Daraufhin setzten sich die Interessenten der drei benachbarten Dorfschaften zusammen und schlossen am 16. September 1744 einen Vergleich, bei dem vor allem die noch strittigen Fragen besprochen und in einem sogenannten Holzungsprotokoll schriftlich festgehalten wurden. Nach diesen Verträgen hatten sich dann alle Beteiligten zu richten, sie besaßen sozusagen Gesetzeskraft.

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Die Mühle tat über Jahrzehnte ihre Pflicht und schöpfte die Gräben der Marsch leer. Überschwemmungen gab es immer noch, aber das Land wurde schneller wieder entwässert und trockengelegt.

Nach ungefähr 70 Jahren muss die Wasserschöpfmühle dann ihren Dienst versagt haben. Die Boller und Uphuser Bauern trugen sich nun mit großen Ideen für den Neubau einer komfortablen Wasserschöpfmühle, diesmal sogar mit einem Mahl- und Graupengang, wobei sich die geschätzten Baukosten auf rundweg 3 000 Thaler belaufen sollten. Das entsprach etwa dem Wert von zehn mittleren Bauernhäusern.

Die Wasserschöpfmühlen wurden auch als Kokerwindmühlen bezeichnet.

Das Schreiben der Bauern vom 19. November 1817 erreichte die Provinzialregierung in Stade, und man trug Folgendes vor: „Die unglückliche Lage unserer Ländereyen nach welcher wir bey hohem Weserstande gar keinen Abzug haben, zwingt uns zu einiger Sicherung unseres Ackerbaues, eine sehr kostbare Schöpfmühle mit einem Aufwande anzulegen, der die Summe von 3 000 Thalern erreichen dürfte und von 28 Bauleuten getragen werden muss. Eine große Erleichterung dieser unvermeidlichen Ausgabe würde uns daraus erwachsen, wenn Euer Hochwohlgebohren gnädig gestatten wollten, dass wir mit dieser Anlage die Vorrichtung eines Kornmahl- und Graupenganges zu unserem eigenen Bedürfnis und zum Handel nach Bremen machen dürften. Die Lage dicht bey der Weser eignet sich ganz zu einer solchen Anlage. Der Bau würde dadurch nicht kostbarer. (...) Für unsere beiden Ortschaften würde durch diese Anlage aber einem umso wesentlicheren Bedürfnisse abgeholfen, als wegen der niedrigen Lage die Einwohner von Bollen in Winters Zeiten oftmals nicht aus der Marsch herauskommen und sich dann wegen der Bäckerei in gewisser Verlegenheit befinden.“

In Stade stand man dem Problem zunächst etwas ratlos gegenüber und forderte deshalb einen gutachterlichen Bericht des Gohgerichtes an. Am 11. Dezember 1817 stand der Bericht, und man zählte die einzelnen Mühlen mit Entfernungen auf und befand, dass die Wege zwischen einer und drei Stunden durchaus im zumutbaren Bereich lagen. Es wurde kein Mangel an Getreidemühlen festgestellt, vielmehr hätten die vorhandenen Mühlen nicht genug zu tun. Diese Nachricht wurde am 16. Dezember 1817 von Stade bestätigt und anschließend den Uphuser und Boller Bauern bekannt gegeben.

Fünf Jahre später versuchte die Boller Dorfschaft noch einmal im Alleingang, die Erlaubnis dafür zu bekommen, einen Roggen- und Weizengang „in der zum Abzuge des Wassers erbauten Windmühle bei Bollen“ anzulegen. Damit ist die Wasserschöpfmühle aus den Akten verschwunden. Irgendwann in den nachfolgenden Zeiten wird sie dann überflüssig und baufällig geworden sein, nach dem Abriss versank das als Fundament ausgeführte Mühlenkreuz aus massiven Eichenbohlen im Lehm und Kleiboden der Marsch und geriet somit in Vergessenheit.

Eine ähnliche Wasserschöpfmühle gab es noch in den Wümmewiesen der Sagehorner und Oyter Feldmark.

Von Rainer Pöttker

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