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Die Bahn, die Stadt und die Bäume in Achim

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Von: Michael Mix

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Weitgehender Kahlschlag herrscht am Bahndamm entlang der Straße An der Eisenbahn vor. Die Bahn erntete für die massiven Fällungen viel Kritik.
Weitgehender Kahlschlag herrscht am Bahndamm entlang der Straße An der Eisenbahn vor. Die Bahn erntete für die massiven Fällungen viel Kritik. © Mix

Achim – Bäume sind für den Klimaschutz enorm wichtig, das weiß inzwischen fast jedes Kind. Dennoch werden immer wieder welche gefällt, auch solche, die aufgrund ihres Stammumfangs in Achim durch eine Satzung eigentlich geschützt sind. Im vergangenen Jahr kreiste die Säge im Stadtgebiet besonders häufig. Heiko Haase, Baumschutzbeauftragter der Verwaltung, legte am Montag in der Sitzung des Ratsausschusses für Bauunterhaltung und Umwelt die „Baumschutzstatistik“ für 2021 vor.

Der Kahlschlag an der Bahnstrecke blieb dabei allerdings außen vor, was Michael Schröter (Grüne) bemängelte und darüber hinaus forderte, dass die Verwaltung die Politik viel früher über solch erhebliche Eingriffe in die Natur informieren müsse.

114 Leute hätten im vergangenen Jahr beantragt, insgesamt 223 Bäume von der Satzung zu befreien, berichtete Haase. 2020 hatte die Stadt nach seinen Angaben 144 Antragsteller für 336 Exemplare registriert, 2019 103 für 453. Für 165 Bäume habe die Verwaltung im vorigen Jahr die Schutzsatzung mit der Maßgabe aufgehoben, Ausgleichspflanzungen vorzunehmen. 58 hätten ohne diese Auflage beseitigt werden dürfen. 16 Anträge auf Baumfällungen seien abgelehnt worden.

Des Weiteren erfolgte laut Haase im vergangenen Jahr bei 16 Bäumen ein Kronenschnitt über das neue Förderprogramm der Stadt für ortsbildprägende Bäume. „Die bereitgestellten Fördermittel in Höhe von 10 000 Euro wurden somit voll ausgeschöpft.“ Auch für dieses Jahr lägen bereits mehrere diesbezügliche Anträge vor.

Im Januar und Februar, merkte Haase an, habe es viele Sturmschäden an Bäumen in Achim gegeben. Außerdem hätten Bürger zu Beginn dieses Jahres verstärkt Borkenkäferbefall gemeldet.

Am augenfälligsten sind jedoch die Baumfällungen entlang des Schienenstrangs in der Stadtmitte. Die hat der Schutzbeauftragte zwar auf dem Schirm, aber nicht in die Excel-Tabelle eingearbeitet. „Als weitere Einzelmaßnahme, die programmbedingt nicht in der vorliegenden Statistik ausgewiesen werden kann“, seien 326 Befreiungen für den Böschungsbereich im Straßenverlauf An der Eisenbahn erteilt worden, ließ Haase den Ausschuss wissen. Worüber dessen Vorsitzender Schröter den Kopf schüttelte. „Es ist eine unredliche Statistik, wenn die Bahnbäume nicht enthalten sind.“

Am Bahndamm und auf anderen Grundstücken der DB in Achim werde es Nachpflanzungen geben, kündigte Heiko Haase an. Vorgesehen seien 80 Obstbäume, 2,50 Meter hoch und mit einem Stammumfang von 20 bis 25 Zentimetern. In die Erde gebracht werden sollen zudem 700 Stück Weißdornhecke und 3 500 Sträucher verschiedener Art, jeweils mit einer Höhe von 60 bis 100 Zentimetern. Die Pflanzungen wolle das Verkehrsunternehmen zum Teil noch in diesem Frühjahr vornehmen, aber auch im kommenden Herbst oder erst im Frühling 2023.

„Ist denn dabei das von der Bahn geplante dritte Gleis für den Streckenabschnitt berücksichtigt?“, fragte Hans-Michael Paulat (CDU). Das sei erst für 2035 konzipiert, antwortete Steffen Zorn, Leiter des Fachbereichs für Bauen und Stadtentwicklung im Rathaus. Aber klar, die Bäume lebten dann im Regelfall noch längst. Zorn bezweifelte allerdings, ob das Vorhaben überhaupt in die Tat umgesetzt wird. Denn dieses wäre kostspielig und aufwändig. Für den Bau des dritten Gleises mitten durch Achim käme die Bahn nicht drumrum, Spundwände in den steilen Abhang entlang der Strecke zu setzen.

Wenig später war Steffen Zorn in Sachen Schröter-Kritik noch mal gefordert. Die Bahn, die Stadt und die Bäume – diese Überschrift könnte über dem Antrag der Grünen-Fraktion stehen, die von der Verwaltung eine bessere „Transparenz“ im Hinblick auf Planungen oder Maßnahmen im Umweltbereich verlangt. Die Ratsmitglieder, schreibt Schröter an Bürgermeister Rainer Ditzfeld, gelte es, darüber „rechtzeitig und vollständig“ in Kenntnis zu setzen. Der Grünen-Fraktionschef verweist auf das Umweltinformationsgesetz.

Den Antrag begründet er mit den jüngsten Rodungen entlang der Bahnstrecke und auch des Radschnellwegs, die in dieser Weise nie wieder passieren dürften. „Bei größeren und schwerwiegenden Maßnahmen ist in Ausschusssitzungen so rechtzeitig vorab zu informieren, dass Änderungen in den geplanten Genehmigungen noch möglich sind“, fordert Schröter.

Eingriffe in die Natur würden von der Bevölkerung zunehmend kritisch gesehen, erläuterte er in der Sitzung. Das führe zu vermehrten Anfragen an die Ratsmitglieder, die jedoch häufig nicht ausreichend informiert seien. „Zudem ist es fraglich, ob der genehmigte Umfang der Maßnahmen immer angemessen ist.“ Es sehe an der Bahnstrecke beispielsweise „eher nach einem Kahlschlag als nach einem Eingriff mit Augenmaß“ aus. Anfragen zur Genehmigung der Fällungen und der Krähen-Umsiedlungen seien von der Verwaltung nicht beziehungsweise unzureichend und viel zu spät beantwortet worden.

Fachbereichsleiter Zorn gelobte Besserung und versprach künftig mehr Fingerspitzengefühl der Verwaltung in derlei Fragen. „Für die massiven Fällungen entlang der Bahnstrecke ist jedoch die Deutsche Bahn verantwortlich“, betonte er und fügte hinzu: Die Verwaltung werde bis zur nächsten Sitzung des Ausschusses eine Stellungnahme zum Antrag erarbeiten.

Petra Geisler (SPD) rügte das „wiederholt schlechte Verhalten der Bahn“. Aber auch die Stadt habe bei solchen Maßnahmen „einen gewissen Einfluss“. Und der Nabu als größte Naturschutzinstitution in Achim sei von der Verwaltung bei dem Thema geradezu abgebügelt worden, kritisierte die Sozialdemokratin. Isabel Gottschewsky (CDU) richtete den Blick unterdessen in die Zukunft: „Die Kommunikation läuft das nächste Mal hoffentlich besser.“

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