Lebendiges Literatur-Intermezzo

Dichterschlacht auf öffentlicher Bühne

Das Achimer Publikum wählte Friedrich Herrmann zum Poeten des Abends. Seine Ansagen und Attitüden zu den Themen Macho-Wahnsinn und Einbrecher-Dialog bildeten eine überzeugende Einheit.
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Das Achimer Publikum wählte Friedrich Herrmann zum Poeten des Abends. Seine Ansagen und Attitüden zu den Themen Macho-Wahnsinn und Einbrecher-Dialog bildeten eine überzeugende Einheit.

Achim – Das sehr vielfältige, und vor allem kostenlose Kultur- und Musikangebot der „Achimer Sommerbühne“ unterhält seit Anfang Juli beinahe jeden Donnerstag und Freitag junge wie alte Achimer gleichermaßen. Beim jüngsten Termin stand Poetry Slam auf dem Programm und erstmals waren die Stuhlreihen im abgezäunten Bereich auf dem Bibliotheksplatz fast vollständig belegt.

Ganz anders als bisher: Denn viele Achimer haben offenbar noch nicht registriert, dass öffentliches Leben mit Kulturgenuss im Freien unter besonderen Voraussetzungen durchaus wieder möglich ist. „Ich weiß nicht, wie wir die Leute noch erreichen können“, beklagt Ulrik Borcherdt, Mitveranstalter und frisch gekürter Unternehmer des Jahres 2020. „Wir würden uns wirklich sehr freuen, wenn unsere Veranstaltungen besser besucht wären.“ Das Angebot sei erlesen und gespickt mit großartigen Künstlern. Auch wenn eine Band vielleicht zunächst nicht den Musikgeschmack des Einzelnen treffe, so biete das Live-Erlebnis doch immer enormen Unterhaltungswert, so der Veranstaltungsexperte von der Firma Solight.

Was noch nicht ist, kann ja noch werden, und tatsächlich lieferte die Dichterschlacht am Freitag einen vielversprechenden Start – vielfältig und facettenreich drangen die Redebeiträge der sechs „Kontrahenten“ von der Bühne, und für jeden Gast war etwas dabei. Wer nicht genau wusste, was sie oder ihn erwartete, erhielt vom Moderatorenduo Simeon Buß und Sebastian Butte in bekannt frecher und finessenreicher Manier eine kurze Einweisung.

Der Poetry-Slam-Modus ist ganz einfach: Hobby-Literaten präsentieren eigene Texte. Zitate müssen sie kennzeichnen, diese sind aber generell unerwünscht. Bei ihrem Sechs-Minuten-Vortrag dürfen die Teilnehmer nicht singen, aber ein Textblatt verwenden. Requisiten und Verkleidungen sind verboten. Eine aus dem Publikum willkürlich gewählte Jury bewertet im Anschluss die Beiträge der Kandidaten. Die drei erfolgreichsten Wort-Akrobaten bestreiten dann mit neuen Texten ein Finale. Ganz wichtig: Der Wettstreit dient allein dem Vergnügen.

Zum „Poetischen Clubabend“ begrüßten Simeon Buß (l.) und Sebastian Butte (r.) die sechs versierten „Slammer“ Nele Müller, Lennart Hamann, Friedrich Herrmann, Janina Mau, Lippi Punkstrumpf und Alexander Kaul (hinten von links).

Beeindruckend war die Qualität der Vorträge, die Impulsivität und die Show-Kunst der jungen Darsteller. Lennart Hamann aus Hamburg machte den Anfang mit einer Ode an langweilige Leute, deren Unterhaltungswert maximal eine Loose-loose-Situation für alle Beteiligten bereithalte. Janina Mau aus Ohlenstedt hatte ihre Erfahrungen beim Hausausbau in einen Text gegossen, mit einem Liebesbekenntnis an ihr Werkzeug und viel Kritik am verzerrten Rollenbild. Alexander Kau – ehemals Achimer Lokalmatador und heute Student in Oldenburg – versuchte die Jury im Publikum mit einer tiefsinnigen „Geschichte vom Anfang der Geschichten“ auf seine Seite zu ziehen. Die Bremerin Lippi Punkstrumpf schwadronierte über „Schein und Sein“ sowie „richtig und falsch“ oder „Verhalten und Unfairhalten“ und über das eigene Bild im gesellschaftlichen Kontext. Friedrich Herrmann aus Jena, seines Zeichens amtierender deutscher Meister im Slammen, überzeugte gestenreich und polemisch mit einem Pamphlet gegen Macho-Verhalten zwischen Alpha-Mentoring und Boss-Call. Nele Müller aus Münster verarbeitete in ihrem gefeierten Beitrag mit dem Titel „Rassismus-Porno“ eigene Erlebnisse bei Schützenfestbesuchen.

Nach der ersten Runde standen die Finalisten fest: Mit Lippi, Friedrich und Nele durften drei Poeten weitere Kostproben ihres Könnens abliefern. Das Applausometer kürte letztlich Friedrich Herrmann zum Sieger des Abends. Seine Erzählung „Dieb-Talk“ überzeugte das Auditorium. Darin stellte er sich vor, was wohl geschehe, wenn er einen Dieb in seiner Wohnung überrascht und ihn, statt sich klischeehaft verprügeln zu lassen, diesen zum Plausch und auf eine Tasse Tee einladen würde.

Am 29. und 30. Juli stehen bei der Veranstaltungsreihe der Unternehmergemeinschaft Achim, von Solight und vom Kasch weitere Highlights an: Die großartigen Musiker Björn Paulsen und Michael van Merwyk hoffen dann auf volle Ränge im City-Rund vor der Sommerbühne.

Von Ingo Schmidt

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