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Flaggenexperte wird zum Mysterymacher

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Von: Dennis Bartz

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„An guten Tagen schreibe ich sechs Seiten“, sagt Autor Jörg Karaschewski. Er hat kürzlich einen Mystery-Thriller veröffentlicht.
„An guten Tagen schreibe ich sechs Seiten“, sagt Autor Jörg Karaschewski. Er hat kürzlich einen Mystery-Thriller veröffentlicht. © Bartz

Bierden – Er ist der führende Flaggenforscher Deutschlands und weltweit mit anderen Vexillologen vernetzt. Acht Fachbücher hat der Bierdener Jörg Karaschewski diesem Nischenthema gewidmet – bereits beim Schreiben seines Erstlingswerks wusste er, dass er damit weder reich noch berühmt werden würde. „Flaggenbücher liest kaum jemand, da braucht man als Autor schon eine gewisse missionarische Ader.

Die meisten Leser kenne ich inzwischen persönlich“, sagt der 54-jährige Familienvater, der es als Flaggenexperte aber immerhin zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht hat.

Kurz vor Weihnachten ist nun sein neuestes Werk erschienen, und der Bierdener Autor betritt damit ein für ihn völlig neues Genre: „Die fehlende Kirche“ ist ein Mystery-Thriller und erzählt die Geschichte des amerikanischen Journalisten David Shriner, der für eine Artikelserie über das Schicksal der alten St. Ansgarii Kirche in Bremen recherchiert.

Er will herausfinden, warum die evangelische Kirche sich damals weigerte, das geschichtsreiche Gebäude, das im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört worden war, wieder aufzubauen. Stattdessen wundert er sich: Wieso wurden alle baulichen Reste in den 1950er-Jahren so rigoros entfernt?

Gemeinsam mit Kollegin Julia Mindermann folgt Shriner verschiedenen Spuren und stößt dabei auf Überraschendes: „Alte Symbolik führt beide hin zu geheimnisvollen Kräften, während in der Stadt eigenartige Phänomene auftreten“, heißt es dazu erklärend im Klappentext des 206 Seiten starken Buches. Hat der Abriss der Kirchenruine womöglich etwas in Gang gesetzt, das die normale Vorstellungskraft sprengt? Und welche Rolle spielen sogenannte Ley-Linien?

„Die geheimnisvollen Energieströme, die die Welt umspannen sollen, gehören eher in den Bereich der Parawissenschaften“, erklärt Karaschewski. Ansonsten lade sein Thriller dazu ein, Bremen auf besondere Art zu erkunden: „Fast alles, was ich beschreibe, gibt es in der Stadt tatsächlich. Mir hat geholfen, dass ich sieben Jahre in einer Bank am Marktplatz gearbeitet hatte.“

Denn so habe er beispielsweise eine Eule und eine Fledermaus am Eingang der Liebfrauenkirche entdeckt, ebenso Pentagramme in der Ostkrypta des St. Petri Doms, an anderer Stelle Geisterabbildungen. „Das hat mich überrascht, und ich hab das für meine Geschichte in einen sinnhaften neuen Zusammenhang gebracht“, betont Karaschewski.

Die ersten Leserreaktionen seien durchweg positiv, freut sich der Autor, der bereits Ideen für weitere Bücher hat. „Das Schreiben macht mir Freude, und ich muss zum Glück nicht davon leben. Ich würde auch gerne Lesungen halten – bei meinen Flaggenbüchern hat sich das thematisch nicht angeboten“, sagt der Vater von drei Kindern und lacht.

Achim ist angenehm überschaubar und ruhig. Ich habe alles, was ich brauche und komme schnell nach Bremen. Außerdem haben wir hier sehr gute Schulen.

Autor Jörg Karaschewski

Der erfahrene Banker, der inzwischen Finanzierungen für Wind- und Solarparks verhandelt, ist vielen Achimern auch bekannt als Administrator der 3 200 Mitglieder starken Gruppe „Achim – Gestern und Heute“, die er im Mai 2016 gegründet hat. Sie ist Zeugnis der ausgeprägten Heimatliebe zu „seiner“ Kleinstadt, in der er selbst aufgewachsenen ist und eine Familie gegründet hat: „Achim ist angenehm überschaubar und ruhig. Ich habe alles, was ich brauche und komme schnell nach Bremen. Außerdem haben wir hier sehr gute Schulen.“ Er habe nie daran gedacht, die Stadt zu verlassen: „Ein Karaschewski klebt an seiner Scholle.“

In Achim lässt es sich gut leben, davon ist Karaschewski trotz der von Einheimischen hin und wieder geäußerten Kritik überzeugt: „Wir haben hier ein reges Vereinsleben, ein eigenes Hallenbad, ein Freibad, die Weser und viel Grün. Natürlich könnte in der Fußgängerzone mehr Leben sein, aber für welche Kommune gilt das nicht?“

Er habe die Gruppe „Achim – Gestern und Heute“ auch deshalb gegründet, um dort den Wandel der Stadt zu zeigen. Karaschewski sammelt und postet dort regelmäßig alte Fotos, Postkarten sowie Bilder von Dokumenten und anderen Gegenständen mit Achimer Geschichte. „Das alles gehört zu meinem ,Beuteschema‘, genauso wie alte Benzinfeuerzeuge, Autokennzeichen, natürlich Flaggen und Schnickschnack“, betont Karaschewski.

Die Beiträge hätten ihn selbst schon oft in seine Kindheit und Jugendzeit entführt: „Zum Beispiel die Fotos ,meines‘ alten Edeka-Ladens Hein in Bierden. Da war ich als Kind immer mit 50 Pfennig in der Tasche einkaufen. Als ich die Fotos zum ersten Mal gesehen habe, stand mir vor Freude fast das Wasser in den Augen“, berichtet der Ur-Bierdener.

Ähnlich erging es ihm, als er ein Bild der alten Texaco-Tankstelle entdeckt hatte, die es damals auf dem Grundstück gegenüber des heutigen Lidl-Marktes gab. „Dort habe ich meinen weißen VW Golf I oft betankt, und das für unter eine Mark pro Liter“, erinnert sich Karaschewski.

Der Mystery-Thriller „Die fehlende Kirche“ von Autor Jörg Karaschewski umfasst 206 Seiten und ist zum Preis von 8,99 Euro im Buchhandel erhältlich, ISBN 978-3-754-34377-7, außerdem als E-Book bei iTunes und Kindle.
Der Mystery-Thriller „Die fehlende Kirche“ von Autor Jörg Karaschewski umfasst 206 Seiten und ist zum Preis von 8,99 Euro im Buchhandel erhältlich, ISBN 978-3-754-34377-7, außerdem als E-Book bei iTunes und Kindle. © Bartz

Sei Ausbruch der Pandemie habe er seine Gruppe für andere Themen wie Veranstaltungsankündigungen und Hinweise von Cafés und Restaurants geöffnet: „Schließlich leiden die besonders unter der Coronakrise, ich helfe, wo ich kann.“ Ansonsten habe dort Werbung aller Art jedoch keinen Platz.

Genauso wenig wie Störenfriede, die sich oft in Gruppen dieser Art tummeln: „Wir zwei Administratoren, Uwe Schröder und ich, liegen auf einer Linie und sind rigoros. Wenn jemand herumzickt und andere beleidigt, fliegt er raus. Masse ist nicht alles, die Qualität geht vor.“

Damit in der Gruppe immer viel Leben ist, postet er dort beinahe täglich eigene Beiträge und sorgt nebenbei dafür, dass ihm der Stoff nicht ausgeht. Er ist bei E-Bay aktiv, geht zu Haushaltsauflösungen und stöbert auf Flohmärkten – immer auf der Suche nach spannenden Relikten aus Achim.

Wer etwas für ihn hat, meldet sich bei Karaschewski per E-Mail an joerg@karaschewski.de: „Damit meine Sammlung nicht zu groß wird, spende ich regelmäßig Stücke an das Stadtarchiv, das Kreisarchiv und die Geschichtswerkstatt.“

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