Gestorben wird weiterhin

Der Beerdigungsverein Baden hat sich aufgelöst

Vor dem Ehrenmal auf dem Badener Friedhof, der im Vereinsgeschehen zwangsläufig eine große Rolle spielte, postiert sich der letzte Vorstand des Beerdigungsvereins. Von links: Albert Bischoff (2. Kassenwart), Heinrich Düsing (Beisitzer), Bernd Witthuhn (Vorsitzender), der 2. Vorsitzende Johann (Jan) Meyer und Beisitzer Ernst-Hermann Priehs. Es fehlen: Kassenwart Björn Meyer, Schriftführer Ulf Zwilling und die beiden Dauer-Kassenprüfer Peter Ruhnau und Jürgen Scheeler. Im Hintergrund ist die alte Leichenhalle zu sehen.
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Vor dem Ehrenmal auf dem Badener Friedhof, der im Vereinsgeschehen zwangsläufig eine große Rolle spielte, postiert sich der letzte Vorstand des Beerdigungsvereins. Von links: Albert Bischoff (2. Kassenwart), Heinrich Düsing (Beisitzer), Bernd Witthuhn (Vorsitzender), der 2. Vorsitzende Johann (Jan) Meyer und Beisitzer Ernst-Hermann Priehs. Es fehlen: Kassenwart Björn Meyer, Schriftführer Ulf Zwilling und die beiden Dauer-Kassenprüfer Peter Ruhnau und Jürgen Scheeler. Im Hintergrund ist die alte Leichenhalle zu sehen.

Achim-Baden – Diese Sorgen möchte wohl manch ein Vereinsvorstand gerne haben. Zuletzt rund 500 Mitglieder und ordentlich Geld auf der Kante. Doch bei einem der ältesten Badener Vereine, über 100 Jahre alt, sieht die Sache anders aus. Er hat sich zum 31. Dezember 2021 aufgelöst. Und es liegt nicht am ungewöhnlichen Vereinszweck – nämlich dem Ableben der Mitglieder –, sondern stetig sinkende Mitgliederzahlen, die andauernd niedrigen Zinsen, juristische Probleme und auch Schwierigkeiten, den überalterten Vorstand weiterhin langfristig besetzen zu können, machten diesen Schritt unausweichlich.

Die Rede ist vom Beerdigungsverein Baden.

Dessen letzter Vorsitzender Bernd Witthuhn erläutert: „Der Beerdigungsverein wurde wohl als Folge der schlechten wirtschaftlichen Lage nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1920 gegründet. Auch in Badenermoor gab es übrigens seinerzeit einen eigenständigen Beerdigungsverein, der im Jahre 1938 mit allen Pflichten und Rechten vom Beerdigungsverein Baden übernommen wurde.“

Zu seinen Blütezeiten hatte der Verein rund 2300 Mitglieder. Diese hohe Zahl resultiert aus der Tatsache, dass es für jede Familie quasi eine Zwangsmitgliedschaft gab. „Man musste eintreten, wenn man unter die Erde kommen wollte“, weiß Bernd Witthuhn, dessen Vater Manfred schon als Vorsitzender fungierte. „Es war Mitgliedern bei Androhung einer Strafe verboten, Nichtmitgliedern bei einer Beerdigung zu helfen“, sagt Vereins-Vize Johann Meyer. Auf eine weitere Historie weist der 2. Kassenwart Albert Bischoff hin. „Nur Badener durften Mitglied sein. 1931 betrug das Eintrittsgeld in den Verein eine Mark, aber nur für Personen, die in der Gemeinde Baden lebten. Zugezogene mussten innerhalb eines Jahres beitreten und dann 20 Mark zahlen.“ Der Verein war stets um Sparsamkeit bemüht. So war es in den Anfangsjahren laut Satzung beispielsweise verboten, außerfamiliäre Gäste zu bewirten, um die Kosten niedrig zu halten.

Viele Regelungen verloren aber im Lauf der Zeit ihre Gültigkeit. Bis 2012 war die Mitgliederzahl auf rund 850 gesunken. Nichtsdestotrotz erfüllte der Beerdigungsverein, im Kern ein kleiner Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, im Ort eine wichtige Funktion. Denn Bestattungen waren damals wie heute eine teure Angelegenheit, wobei die Zuwendungen im Sterbefall bis 1965 zum Teil aus Sachleistungen bestanden. Beisitzer Ernst-Hermann Priehs erinnert sich: „Bis Mitte der 60er-Jahre wurden die Beerdigungen vom Trauerhaus zum Friedhof mit einem Pferdegespann durchgeführt, dem in der Regel die Trauergemeinde folgte. Zudem gab es einen Leichenbitter, der zur Beerdigung einlud. Das Sterbegeld verteilte dieser an die Sargträger, die Leichenfrauen und den Sargtischler.“ Beisitzer Heinrich Düsing fügt an: „Bis 1930, als der Badener Friedhof angelegt wurde, wurden die Beisetzungen in Achim durchgeführt. Noch heute gibt es auf dem dortigen Friedhof an der St.-Laurentius-Kirche einige Badener Familiengrabstellen.“

Den Vereinsunterlagen sind für das Jahr 1965 folgende Beträge zu entnehmen: Für den Sargtischler 165 DM, die Leichenfrauen erhielten 24 DM, der Leichenbitter 25 DM und die Sargträger je sieben DM. Der Jahresbeitrag betrug damals sechs Mark (zuletzt waren es zehn Euro). Seit dem Bau der Kirche im Jahr 1931 wurde auch die gleichzeitig errichtete und direkt nebenan liegende Leichenhalle – ein Häuschen ohne Kühlraum – für die Aufbahrung genutzt. Spätestens seit Beginn der 70er-Jahre übernahmen Beerdigungsinstitute die Aufbahrung und den Transport der Särge, und es wurde vom Verein ein Sterbegeld von 400 DM und später 600 DM gezahlt. Zuletzt betrug die Auszahlung 400 Euro.

Jahreshauptversammlungen des Vereins waren stets nur schwach besucht, schließlich wollte sich niemand unnötig mit dem Thema Tod und Sterben befassen. Dennoch waren die Aufgaben des Vorstands nicht zu unterschätzen. So galt es, ein Vermögen im sechsstelligen Bereich zu verwalten. Dieses Kapital wird nun unter Einhaltung vorgeschriebener Fristen zum Januar 2023 an die Mitglieder ausgeschüttet, die bereits angeschrieben wurden. „Zwischen 270 und 290 Euro dürften an jedes Mitglied fließen“, so Kassenwart-Vize Bischoff. Ganz wenige, die nicht ausfindig gemacht werden konnten, haben noch dieses Jahr Zeit, ihre Ansprüche geltend zu machen. Ansonsten geht die Restsumme laut Versammlungsbeschluss an die Kirchengemeinde Baden.

Der Auflösung des Vereins zum Trotz: Gestorben wird in Baden auch weiterhin.  

Von Dieter Sperling

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