Verhaltenstherapeutin Mila Plett-Perelshteyn

Tipps gegen Corona-Winter-Blues: Damit das Glückskonto im Plus bleibt

Bewegung an der frischen Luft tut sowohl dem Körper als auch der Psyche gut, weiß die Achimer Verhaltenstherapeutin Mila Plett-Perelshteyn.
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Bewegung an der frischen Luft tut sowohl dem Körper als auch der Psyche gut, weiß die Achimer Verhaltenstherapeutin Mila Plett-Perelshteyn.

Achim – Der Bedarf an Psychotherapie ist seit Jahren „konstant hoch“, sagt Mila Plett-Perelshteyn. Die Verhaltenstherapeutin hat sich 2014 selbstständig gemacht, seit 2017 praktiziert sie in Achim – und führt wie andere Therapeuten notgedrungen lange Wartelisten für Neupatienten. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie habe sich die Situation verschärft.

Bei einigen Patienten verstärke die Pandemie vorhandene Ängste. In den Therapiestunden stünden zudem ganz stark die Folgen der Corona-Kontaktbeschränkungen im Fokus: „Wem vorher schon das soziale Netz fehlte, der kann jetzt stärker in die Depression abrutschen“, weiß die Bremerin. Denn gerade für Menschen mit psychischem Leidensdruck sei es unter gewöhnlichen Umständen gesund, soziale Kontakte zu intensivieren. „Und nun können sie nicht mal alleine in ein Café gehen, um die belastende Situation zu Hause hinter sich zu lassen.“

Aber auch psychisch stabile Menschen werden in diesem Corona-Winter auf eine harte Probe gestellt. Reduzierte Kontakte bis hin zur Vereinsamung, Wegfall von Fürsorge für ältere Menschen, nicht ausgelastete Kinder und Eltern, die zwischen Beruf und Betreuung des Nachwuchses jonglieren müssen, gesundheitliche und finanzielle Sorgen – all dies belaste die Menschen. „Aber man sollte auch die Möglichkeiten der Krise nicht vergessen“, findet Plett-Perelshteyn. Viele Familien seien enger zusammengerückt. Die Menschen wüssten enge, echte Beziehungen wieder mehr zu schätzen. Um den Lockdown und trübe Tage gut zu überstehen, hat Plett-Perelshteyn folgende Tipps parat.

Sich nur so viel wie nötig mit aktuellen Infektionszahlen beschäftigen

Über die Tageszeitung, Rundfunk, Fernsehen oder Online-Medien werde man ohnehin intensiv mit dem Thema Corona konfrontiert, findet Plett-Perelshteyn. „Und wenn das Gehirn sich immer mit dem gleichen Thema beschäftigt, kann das Ängste schüren.“ In der Psychologie nennt man diesen Mechanismus „selektive Wahrnehmung“. Ein Beispiel: Manche Paare mit sehnlichem Kinderwunsch glauben, dass sie auf der Straße nur schwangeren Frauen begegnen – was den Druck, selbst Eltern zu werden, wiederum verstärke. Daher warnt die Verhaltenstherapeutin vor dem Tunnelblick.

Eine Tagesstruktur schaffen – und Entspannung einplanen

Auch wer gerade vom Lockdown betroffen ist und nicht arbeitet, sollte sich eine Tagesstruktur schaffen. So sei es empfehlenswert, morgens zu einer festen Zeit aufzustehen und sich alltagstauglich zu kleiden, statt den ganzen Tag im Pyjama herumzusitzen. Außerdem sei es sinnvoll, sich einen Zeitplan für die am Tag geplanten Aufgaben zu erstellen. „Dazu gehört aber ebenso, sich mal einen Gammeltag zu erlauben, beispielsweise am Wochenende“, sagt Mila Plett-Perelshteyn. Denn auch wer nicht arbeite, müsse sich erholen – „sonst nimmt man sich positive Erlebnisse“.

Überlegen, was man sich und anderen Gutes tun kann

Wenn der Besuch im Kino, Restaurant oder Fitnessstudio wegfällt, lohne es, sich nach anderen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Auch kleine Dinge könnten die Stimmung heben. So könne es beispielsweise Freude bereiten, einen Tee oder Kaffee in der Lieblingstasse an einem schönen Platz zu genießen. „Allgemein achtsamer sein für den Moment“, rät Plett-Perelshteyn. Wem der Restaurantbesuch fehle, der könne sich dort seine Lieblingsspeisen ins Haus bestellen und mit Freunden ein Online-Treffen vereinbaren. Wer Zweifel hat, sollte sich fragen: „Ist es besser sich so oder gar nicht zu treffen?“ Eine „Ganz oder gar nicht“-Einstellung sei wenig hilfreich.

Bewegung an der frischen Luft einplanen – und wenn es nur ein Spaziergang ist

„Bewegung ist wichtig für die psychische und körperliche Gesundheit“, sagt Mila Plett-Perelshteyn. Denn wer viel Zeit alleine in der Wohnung verbringe, laufe Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren. „Wer rausgeht, sieht, dass das Leben weitergeht.“ Moderate Bewegung helfe zudem, die Balance zu halten – auch wenn man sich, wie für diese Jahreszeit typisch, kalorienreicher ernährt. „Es ist zwar wichtig, sich etwas Gutes zu tun, aber es kommt auf das Ausmaß an.“

Gezielt Selbstfürsorge betreiben

Das Konzept der Selbstfürsorge bringt Plett-Perelshteyn ihren Patienten oft mit einem Kontovergleich näher: „Wenn Sie sich etwas Gutes tun, verdienen Sie Geld, wenn sie viel Energie in etwas stecken, geht Ihr Konto ins Minus.“ So könne man sich vorstellen, dass schon eine Tasse Tee oder ein Spaziergang sich mit fünf Euro auf dem Glückskonto auszahlt.

Selbstfürsorge beginnt bei der Basis: „Auch in dieser schwierigen Zeit sollte man darauf achten, genug zu schlafen und sich ausreichend zu bewegen.“ Darüber hinaus kann Selbstfürsorge auch heißen, dass man neue Dinge ausprobiert, zum Beispiel eine neue Sprache lernt, ein Bild malt oder sonst eine Tätigkeit, die Freude bereiten würde, in Angriff nimmt. Für Eltern sei es wichtig, sich trotz Kinderbetreuung Freiräume zu schaffen und Zeit für sich selbst zu nehmen. Denn die Pandemie-Situation sei „ein Langlauf und kein Sprint“.

Was tun, wenn die Schwelle zur Depression schon erreicht sein könnte?

„Soweit das möglich ist, Stress reduzieren“, sagt Plett-Perelstheyn. Manchmal trete dadurch bereits eine Besserung ein. Wem dies nicht helfe, der solle sich zunächst an seinen Hausarzt wenden. „Wenn der Arzt Sie gut kennt, ist er in der Lage zu sehen, wie schwerwiegend die Situation ist und welche Behandlung angemessen und notwendig wäre.“ Warnsignale für eine Depression seien laut dem Klassifikationssystem ICD-10 eine zwei Wochen am Stück bestehende niedergeschlagene Stimmung. Ein weiterer Indikator für eine sich anbahnende Depression: „Wenn Dinge, die Ihnen früher viel Freude bereitet haben, heute wirkungslos bleiben.“

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