Angehörigengruppe in der Achimer Fachstelle bietet Möglichkeit des Erfahrungsaustausches

„Corona hat der Sucht Feuer gegeben“

Loslassen ist das Schlüsselwort für die Angehörigen von Suchtkranken, sagt Heike Gronewold.
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Loslassen ist das Schlüsselwort für die Angehörigen von Suchtkranken, sagt Heike Gronewold.
  • Sandra Bischoff
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Achim – „Angehörige von Suchtkranken werden häufig vergessen“, sagt Heike Gronewold, Leiterin der Fachstelle Sucht und Suchtprävention. Um diesen Menschen einen geschützten Austausch zu ermöglichen, hat sich im November vergangenen Jahres die Angehörigengruppe für Verwandte und Freunde von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen gegründet.

Der Impuls dazu kam von Antje und Angelika, die ihre Nachnamen nicht öffentlich machen möchten. Die beiden trockenen Alkoholikerinnen, die sich aus einer Selbsthilfegruppe kennen, sind der Meinung, dass Angehörige ebenso leiden wie die Betroffenen. „Wir haben den Bedarf immer wieder gesehen“, sagt auch Gronewold. Denn im gesamten Landkreis gebe es lediglich eine Gruppe für diesen Personenkreis – Al-Anon in Verden. Die richte sich allerdings nur an Angehörige Alkoholkranker. Das Angebot in der Achimer Fachstelle ist hingegen offen für alle Suchterkrankungen – egal ob Alkoholiker, Drogenabhängige oder Spieler. „Wir dachten, wir starten einfach mal und schauen, wie die Resonanz ist.“ Und die war gut: Sechs bis acht Teilnehmer kamen pro Sitzung. „Sie alle waren mehrmals dabei, und einige hatten schon kleine Erfolgserlebnisse“, sagt Antje.

Wichtig ist den Frauen das Prinzip der Anonymität. „Wir reden nicht über Dritte und was gesprochen wird, verlässt diesen Raum nicht“, erläutern sie das Prinzip. Die Teilnehmenden diskutieren nicht, sie geben sich auch keine Ratschläge. „Dafür muss man sich professionelle Hilfe beim Therapeuten holen.“ Vielmehr profitierten die Besucher von den Erfahrungen der anderen Gruppenmitglieder. „Ziel ist es zu lernen, die Probleme der Suchterkrankten bei ihnen zu lassen und diese nicht zu den eigenen Problemen zu machen.“

Loslassen lautet das Stichwort. Und das sei oft nicht einfach. „Nicht umsonst spricht man bei Angehörigen von Suchtkranken von einer Co-Abhängigkeit, auch wenn dies nicht als Krankheit anerkannt ist. Aber Alkoholismus ist eine Familienkrankheit, weil sich die Sucht auf das soziale Umfeld aller Angehörigen auswirkt“, sagt Fachstellenleiterin Gronewold.

Antje kennt das aus eigener Erfahrung. Sie stieß damals zur Verdener Gruppe Al-Anon, weil sie wissen wollte, wie sie ihrem alkoholabhängigen Mann helfen könne, trocken zu werden. „Du kannst keinen anderen Menschen ändern, fang’ bei dir an“, bekam sie zu hören. „Viele Angehörige sind aber der Ansicht, dass sie selber gar keine Hilfe benötigen“, sagt sie. Dabei sei der Druck, der auf ihnen laste, die Krankheit des Partners unter den Tisch zu kehren, in den meisten Fällen sehr hoch. „Man schleicht in diese Rolle hinein, wie der Kranke in die Sucht schleicht.“ 

Wegen des Corona-Kontaktverbots mussten die Treffen über Wochen ausfallen. Mittlerweile finden sie unter Einhaltung der Hygieneregeln wieder statt. Aber nur zwei Teilnehmer hätten bisher den Weg in die Fachstelle gefunden, bedauern die Initiatorinnen. Dabei sind sie sich sicher, dass zurzeit viele Angehörige Hilfe benötigen. „Die Corona-Zeit hat der Sucht ordentlich Feuer gegeben“, sagt Angelika.

Dass die Hemmschwelle, sich anderen anzuvertrauen, oft hoch ist, wissen die Frauen. Deshalb sind sie auch telefonisch ansprechbar. „Viele rufen für den ersten Kontakt bei uns an, dann fällt der Schritt, einen Gruppenabend zu besuchen, nicht mehr so schwer.“

Das eigene Selbstbewusstsein stärken, seine Bedürfnisse artikulieren, sich selbst wieder in den Fokus nehmen – das ist das, wobei die Gruppe helfen will, sagen Heike Gronewold und die beiden Initiatorinnen. „Man bekommt Verständnis, kann Druck ablassen und man holt sich die Energie wieder, die man für den anderen verpulvert hat.“

Die Angehörigengruppe für Verwandte und Freunde von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen trifft sich immer mittwochs von 19 bis 21 Uhr in der Fachstelle Sucht und Suchtprävention an der Feldstraße 2 in Achim. Telefonisch erreichbar sind die Initiatorinnen Angelika unter 0176 / 74 79 96 85 und Antje unter 04202 / 919 54 90.

Von Sandra Bischoff

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