Neuer Vorwurf, aber Landkreis gibt Entwarnung

„Chrom-Grenzwert bei Windpark-Zuwegung in Achim 14-fach überschritten“

Bei der Zuwegung für den Windpark Bollen verwendete Recyclingstoffe gefährden nach Ansicht eines Bremer Aktivisten die Umwelt. archiv
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Bei der Zuwegung für den Windpark Bollen verwendete Recyclingstoffe gefährden nach Ansicht eines Bremer Aktivisten die Umwelt. archiv

Achim – Bei einem Teil der Zuwegung zum „Windpark Bollen“ habe der Investor WPD umweltgefährdende Schlacken verbauen lassen, behauptet Stephan Hagemann. Der Landkreis Verden hatte das verwendete Befestigungsmaterial allerdings als unbedenklich eingestuft (wir berichteten). Doch Hagemann gibt sich damit nicht zufrieden und legt nach. Er habe von einem Wegstück mit bräunlich-schwarzem Untergrund nahe der Bollener Landstraße eine Misch-Probe gezogen und an ein Umweltlabor mit der Bitte um Überprüfung geschickt.

Nun lägen die Ergebnisse vor. „Insbesondere die Überschreitung des Chrom-Wertes gibt Anlass zur Besorgnis“, teilt der Bremer in einem Schreiben an diese Zeitung mit.

690 Milligramm des Stoffes pro Kilogramm habe das von ihm beauftragte Institut festgestellt, berichtet das Mitglied der Bürgerinitiative „Nachbarschaft Bultensee“, die sich gegen den Bau von Windrädern an der Grenze zur Gemeinde Oyten richtet. Dabei betrage die Obergrenze beim „uneingeschränkten Einbau von Böden / Recyclingbaustoffen“ lediglich 50 Milligramm. „Hier liegt eine fast 14-fache Überschreitung des Grenzwertes vor“, sagt Hagemann. Schlacken mit über 600 Milligramm Chrom pro Kilo müssten auf einer Deponie entsorgt werden.

Überhaupt hält es der Aktivist für problematisch, das Abfallprodukt der Stahlindustrie zu verwenden. Schlacke etwa bei nicht befestigten Straßen, also in ungebundener Deckschicht wie bei Feldwegen, einzubauen, sei auf Grund der erheblichen Staubbelastung abzulehnen, habe ihm ein Umweltingenieur bestätigt.

Weiter liegt hier für Stephan Hagemann „der Tatbestand einer Rechtsverletzung durch unerlaubten Umgang mit gefährlichen Abfällen, (§ 326 StGB), Gewässerverunreinigung gemäß § 324 und Bodenverunreinigung gemäß § 324a vor“. Wenn die LD-Schlacken über mechanische Belastung und Abriebvorgänge fein vermahlen, teilweise sogar als Feinstaub, in die Umwelt und über den Atemtrakt in die Lunge gelangten, könne Chrom eine toxische Wirkung entfalten. Das chemische Element bilde nach Freisetzung im alkalischen Milieu der sogenannten Schlackeneluate Oxyanionen mit hoher Sickerwassermobilität. Es bestehe der hinreichende Verdacht einer Grundwassergefährdung.

Aber der Einsatz von „Sonderabfällen“ in Feld und Flur scheine ja gewollt zu sein, merkt Hagemann mit einer Portion Sarkasmus an und fügt hinzu: „Biokartoffeln aus Bollen – guten Appetit!“

Der Landkreis Verden weist die Kritik zurück und sieht keine Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften. Mit den vorgelegten Gutachten habe WPD nachgewiesen, dass alle Grenzwerte eingehalten werden, stellt Melanie Winter-Lücking vom Fachdienst für Wasser, Abfall und Naturschutz auf Nachfrage zunächst mal fest.

Nach dem Ende der Arbeiten für die Zuwegung zum Windpark lägen nun die aktuellsten Prüfberichte sowie eine gutachterliche Stellungnahme vor. Auch diese Unterlagen seien von der zuständigen Abfallbehörde in Verden geprüft worden. „Die vorgelegten Werte weisen weiterhin für das Material typische Bestandteile auf, alle zu prüfenden Parameter liegen unterhalb der Grenzwerte“, lässt Winter-Lücking wissen.

Die Schlacke und andere verwendete Receyclingstoffe dürften lediglich für den offenen Wegebau genutzt werden. „Das Material ist sowohl technisch geeignet wie auch aufgrund der im Eluat nachgewiesenen geringen Konzentrationen als umweltverträglich einzustufen“, urteilt die Mitarbeiterin des Landkreises Verden.

Zu den von Hagemann geäußerten „Bedenken“ sagt Winter-Lücking unter anderem Folgendes: Die Bestandteile, die der Prüfbericht des von ihm eingeschalteten Umweltlabors dokumentiere, seien keineswegs überraschend. Auch der Chrom-Wert von 690 Milligramm pro Kilo ist für LD-Schlacke laut der Abfallexpertin „durchaus nicht untypisch“.

Aber ihre weiteren Ausführungen zu dem Thema klingen zumindest für Laien kompliziert und etwas schwammig. „Um diesen Wert zu beurteilen, müssen sowohl die Herstellung der Schlacke wie der Chrom-Wert genauer betrachtet und die passenden Regelwerke zur Beurteilung herangezogen werden.“

Bei der Herstellung von Stahl könne beim Linz-Donawitz-Verfahren Schlacke als Nebenprodukt entstehen. Da dies unter sehr hohen Temperaturen von 1 600 Grad Celsius geschehe, sei dieser Prozess ähnlich dem der Bildung von magmatischen Gesteinen. Auch in diesen könnten Schwermetalle in natürlicher Form vorhanden sein. Und ähnlich wie in den Gesteinen seien die Elemente fest in das Kristallgitter der Schlacken eingebunden. „Eine Lösung ist somit aus dem Feststoff erheblich erschwert“, sagt Winter-Lücking. Dies verhindere eine Auslaugung der Schwermetalle in die Umwelt.

Um zu beurteilen, wie gefährlich Chrom im Feststoff ist, komme es auf die Oxidationsstufe dieses Übergangsmetalls an. Während das sechswertige Chrom toxisch sei, handele es sich beim dreiwertigen Chrom um ein essenzielles Spurenelement. Es müsse deshalb ausschließlich der Chrom-VI-Wert und nicht der Gesamt-Chrom-Wert ermittelt werden. Bei der LD-Schlacke trete aufgrund des Herstellungsprozesses nur das dreiwertige Chrom auf.

Nach diesem Exkurs in die Untiefen der Chemiewelt gibt Melanie Winter-Lücking hinsichtlich der Zuwegung für den Windpark Bollen Entwarnung. „Grundsätzlich können LD-Schlacken auf Basis umfangreicher human- und ökotoxikologischer Untersuchungen gemäß der europäischen Chemikalienrichtlinie REACH als nicht gefährliche Substanzen bei der europäischen Chemikalienagentur ECHA in Helsinki registriert werden.“ Auch das Umweltbundesamt habe LD-Schlacken als nicht wassergefährdend im Sinne der Verordnung für Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen eingestuft. „Die laut Kreislaufwirtschaftsgesetz zu prüfenden Anforderungen des ordnungsgemäßen und schadlosen Einsatzes werden erfüllt.“

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