Brigitte und Günter Bode managen MS-Kontaktgruppe in Achim und Verden

„Immer Leiden ist auch langweilig“

Gemeinsam sind sie ein gutes Team: Brigitte und Günter Bode sind seit vielen Jahren in der MS-Kontaktgruppe des Landkreises Verden aktiv.
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Gemeinsam sind sie ein gutes Team: Brigitte und Günter Bode sind seit vielen Jahren in der MS-Kontaktgruppe des Landkreises Verden aktiv.

Achim - Von Lisa Duncan. Brigitte und Günter Bode sind ein eingespieltes Team: Sie macht die Büroarbeiten, er wirbt Spenden ein. Ihren Mann bezeichnet die Vorsitzende der Multiple Sklerose (MS) Kontaktgruppe Landkreis Verden daher auch als ihre „rechte Hand“. Bode hat seit ein paar Jahren Multiple Sklerose und weiß aus Erfahrung, dass man sich im Internet regelrecht krank lesen kann. Lieber möchte sie mit den Gruppen in Achim und Verden „vor Ort das Ganze mit Leben füllen“, und anderen Betroffenen zur Seite stehen.

Vieles hat sich seit der Diagnose geändert. Zum Beispiel musste die Achimerin ihren Beruf aufgeben: „In meinem ersten Leben war ich Zahnarzthelferin“, formuliert sie fast reflexhaft. Bis Brigitte Bode zu ihrem heutigen Selbstbewusstsein wieder zurück fand, war es ein langer Weg.

Als die Beschwerden anfingen, schöpfte sie noch keinen Verdacht: Mal konnte sie nicht gehen, bekam Spritzen und die Symptome gingen wieder weg. Doch dann kam der Tag, als sie nach der Arbeit einen Krampfanfall erlitt. Die Ärzte testeten erstmals gezielt, Epilepsie war die naheliegende Vermutung, „aber es war nur MS“, musste Brigitte Bode feststellen. Was das auslöste? „Man denkt, die Welt geht unter und sieht sich schon im Rollstuhl.“ Brigitte Bode fiel emotional in ein tiefes Loch, hoffte insgeheim, es sei alles nur ein böser Traum und morgen wieder vorbei. „Aber dann dachte ich mir: Immer Leiden ist auch langweilig.“ Der Richtungswechsel hin zu positiveren Gedanken gelang. Ohne ihren Mann Günter und die Familie als Auffangbecken wäre das nicht so leicht gegangen, bekennt sie.

Doch selbst belügen möchte sich Bode auch nicht: „Ich würde nicht sagen, ich bin immer top drauf und alles ist super.“ Günter Bode kennt die guten und schlechten Tage seiner Frau und kann damit umgehen. In der Kontaktgruppe findet sie zudem eine andere Form des Verständnisses, ohne sich ständig erklären zu müssen. „Wenn jemand ganz unten ist, sind wir da und hören zu.“ Einst gegründet von Anneliese Laborius, besteht die Achimer Gruppe bereits seit 35 Jahren.

Wie bei Brigitte Bode führt die Diagnose auch bei anderen meist in die Frührente. Denn die Konzentrationsfähigkeit, die im Berufsalltag gefordert ist, ist bei MS nicht immer gegeben. Wenn sie davon erzählt, wie die Kündigung bei ihr vonstatten ging, wird die sonst lebenslustige Frau ein wenig bitter. „Nach 18 Jahren hätte mein Chef wenigstens mit mir reden können“, findet sie. Stattdessen begründete der Chef die Kündigung mit einer Geschäftsumstellung.

Die Kontaktgruppe ist nicht nur das offene Ohr bei Schwierigkeiten und Diskriminierungen im Alltag. „Es geht auch ums Zusammensein“, erklärt Bode. Als „Kohl-Roll-Gang“ tritt die Gruppe etwa in den Wintermonaten zur gemeinsamen Kohltour an. Für Teamleader gibt es jährlich zwei Wochenendseminare in Papenburg. Für alle 75 Mitglieder im Landkreis Verden bietet die Gruppe Vorträge mit Übungen an. In Rollenspielen werden Alltagssituationen nachgestellt und geübt. Auch Wochenendfahrten stehen auf dem Programm. „Dabei sind schon viele Freundschaften entstanden“, stellt Brigitte Bode fest.

Ein Highlight war 2014 etwa die Fahrt nach Rügen gemeinsam mit einer MS-Gruppe aus Stralsund – inklusive eines Besuchs beim berühmten Baumwipfelpfad mit atemberaubendem Blick über die Insel. Das gelang dank der Zusammenarbeit mit einem örtlichen Busunternehmen, auch wenn das Ein- und Aussteigen mit den vielen Rollstuhlfahrern etwas chaotisch abgelaufen sei, erzählt Bode lachend. Treten die Schübe nicht so oft auf, sei vieles möglich, von der Hippotherapie über den Segeltörn bis hin zum Klettern.

Eifrig schmiedet Brigitte Bode schon neue Pläne für Unternehmungen. „Es ist wie ein spannendes offenes Buch, jede Seite, die ich umschlage, bringt etwas neues.“ Das Funktionieren der Gruppe ist für die Verdenerin ein Beweis, dass es ein Leben mit Multipler Sklerose gibt. „Noch ist ja alles gut“, äußert sich Bode dankbar, dass die Schübe sie nicht so häufig ereilen.

Dass die Gruppe so abwechslungsreiche Aktivitäten anbieten kann, ermöglichen auch die Spenden von Einzelpersonen und Unternehmen, betont Günter Bode, der das „Klinkenputzen“ im Verein übernimmt. Unbezahlbar auch die Unterstützung durch den Künstler Johannes Maisenbacher. Er entwarf das Titelbild des Flyers. Es zeigt eine zerbrechliche Figur mit Brille auf einem kleinen Rädchen stehend. „Trotz Handicap scheut sie sich nicht, erhobenen Hauptes zu gehen“, interpretiert es Günter Bode. Doch im Grunde könne jeder etwas anderes darin entdecken, das Konterfei soll nur neugierig machen.

Die Multiple Sklerose Gruppe im Landkreis Verden möchte „Kontakt-“ und nicht „Selbsthilfegruppe“ genannt werden. „Selbst helfen muss sich jeder selbst“, findet Brigitte Bode. Was die Bodes bieten, sei eben Kontakt mit Gleichgesinnten, sagen sie und versprechen: „Wir sind nicht die schnellsten, aber die lustigsten.“ Brigitte und Günter Bode sind erreichbar unter Tel. 04202/7471.

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