Knut Bergmann schenkt ein und teilt aus: Weinqualität im Staatsbankett oft niveaulos

Blick in die Weinkeller des Kanzleramts

Der ehemalige Mitarbeiter des Präsidialamtes, Knut Bergmann, liefert einen Blick auf die Weinkultur im Staatsbankett und beginnt im Nachkriegsdeutschland der 1950er-Jahre. Fotos: Schmidt

Achim - Von Ingo Schmidt. Weine auf deutschen Staatsbanketten der Nachkriegsgeschichte nimmt Knut Bergmann in seinem Buch „Mit Wein Staat machen“ unter die Lupe. Bei seiner Lesung am Freitagabend in der Buchhandlung Hoffmann führte der Autor seine rund 30 Gäste hinter die Kulissen von Schloss Bellevue und in die Weinkeller des Bonner und Berliner Kanzleramts. Dabei beleuchtete er ein Stück deutscher Kulturgeschichte aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive.

Bei seinen Recherchen habe er einige Mühe gehabt und sei vielfach auf Unverständnis gestoßen, berichtete der Politikwissenschaftler. Dabei sei die gesellschaftliche Relevanz von Speis und Trank im historischen Bankett stets hoch gewesen und in der Kunst vielfach aufgegriffen und dokumentiert. „Das Tafelzeremoniell hat Rangordnungsunterschiede dargestellt und galt als Form der Herrschaftssicherung“, weiß der Önologie-bewanderte Redenschreiber des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Während heute beim Staatsbankett allen Teilnehmern das Gleiche serviert werde, kannte man im Mittelalter deutliche Differenzierungsmerkmale: Wer bei einem Festakt beispielsweise, welches Gericht verzehren durfte oder wie es angereicht wurde, sei auch immer Zeugnis der sozialen Rangordnung gewesen.

Umso verwunderter zeigte sich Bergmann darüber, dass aus der jüngeren Geschichte wenig überliefert ist und sucht nun mit seinem Werk eine Lücke zu schließen. „Die Weinkultur im Bankett ist sehr abhängig von den Personen, die jeweils an der Macht waren“, weiß der Kommunikationsexperte vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Berlin. So habe sich Bundespräsident Karl Carstens beispielsweise nicht als Weinkenner ausgezeichnet. Dabei habe der „brillanteste und nüchternste“ Jurist laut Biografie nach einer Weinprobe in Burgund den größten Rausch des Lebens erreicht. „Daraus resultierte allerdings im Bankett eine bemerkenswerte Neigung zu jungen Jahrgängen“, berichtet Bergmann. „Er ließ keine besonderen Weine auftischen“.

Konrad Adenauer wäre das hingegen nicht passiert. 1954 wollte kein Staatschef nach Deutschland reisen. Als es gelang, Äthiopiens Regent Haile Selassie zu überreden, während einiger Staatsbesuche einen Abstecher in die junge Bundesrepublik zu machen, wurde aufgetischt. Theodor Heuss wiederum habe das Pathos der Nüchternheit postuliert, und Winston Churchill etwa habe es etwas übertrieben: Das Haus Champagne Pol Roger benannte sogar ein Edel-Cuvée nach dem britischen Staatsmann. Anhand solcher Anekdoten bewegte sich der Redner durch die Epochen und hatte, sehr zur Freude seines gewogenen Auditoriums, Kostproben des Rebensaftes im Gepäck.

So servierte Bergmann einen Rheingau-Riesling vom Berg Königin Viktoria der Hochheimer Kellerei Joachim Flick. Während einer Weinreise im Jahr 1845 der Ururgroßmutter Königin Elisabeths überzeugte offenbar die Qualität dergestalt, dass Victoria sich den Wein im Anschluss nach Hause liefern ließ. Der Winzer war schlau genug, um den Berg umzubenennen und dort ein Denkmal zu errichten. Das Bauwerk schmückt heute noch das klassizistisch geprägte Etikett. Ob Kiesinger und Erhard, Heinemann und Brandt, Scheel und Schmidt, Kohl und von Weizsäcker oder Rau und Schröder – Knut Bergmann lieferte Informationen und Zitate zu jeweiligen Vorlieben. Über Angela Merkel werde berichtet, sie bevorzuge schwere Rotweine mit großartigem Abgang. „Ein herausragender Abgang als Parteivorsitzende ist ihr auch im vergangenen Jahr gelungen“, bemerkte Bergmann. Im Übrigen sei der Jahrgang 2018 ein überaus guter und der Begriff Union habe auch irgendwie mit Winzergenossenschaft zu tun. Man dürfe gespannt sein, was im CDU-Keller noch so entstehe.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Hohe Wahlbeteiligung in Israel beim Kopf-an-Kopf-Rennen

Hohe Wahlbeteiligung in Israel beim Kopf-an-Kopf-Rennen

Erneut erreichen Hunderte Migranten Griechenland

Erneut erreichen Hunderte Migranten Griechenland

Fotostrecke: Kapino muss Training vorzeitig abbrechen

Fotostrecke: Kapino muss Training vorzeitig abbrechen

Fahrer oft betrunken: Viele Unfälle mit E-Scootern in Berlin

Fahrer oft betrunken: Viele Unfälle mit E-Scootern in Berlin

Meistgelesene Artikel

Alles, was die Kartoffel hergibt

Alles, was die Kartoffel hergibt

Schwer verletzt: Traktor überrollt 17-Jährige bei Ernteumzug

Schwer verletzt: Traktor überrollt 17-Jährige bei Ernteumzug

Auto stürzt in Verden in die Aller - Frau geht einfach nach Hause

Auto stürzt in Verden in die Aller - Frau geht einfach nach Hause

Vorschlag beim Thänhuser Abend: Sex statt Bio

Vorschlag beim Thänhuser Abend: Sex statt Bio

Kommentare