Birgit Cyriacks arbeitet ehrenamtlich mit Flüchtlingen / Arbeitsstelle vermittelt

Mit Menschlichkeit gegen den tristen Alltag

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Birgit Cyriacks engagiert sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Zwei der Männer, die sie im Magdeburger Viertel unter anderem mit Sprachübungen betreut, sind Salih Ahmed (links) und Malik Nesradin aus Eritrea.

Achim - Von Lisa Duncan. Eigentlich wollte Birgit Cyriacks was für die Achimer Tafel tun. „Aber ich hab mich einfach nicht gesehen, wie ich mit Gemüsekisten durch Achim fahre“, sagt die 59-Jährige. Im so genannten Ruhestand wollte die ehemalige Pharmareferentin ehrenamtlich tätig werden. Dass Timo von den Berg, Leiter der Freiwilligenagentur, ihr empfahl, sich für Flüchtlinge zu engagieren, sieht sie rückblickend als regelrechten Glücksfall. Denn bei der abwechslungsreichen Tätigkeit kann sie auch ihre beruflichen Kompetenzen gut einbringen.

Der 33-jährige Malik Nesradin und Salih Ahmed (19) aus Eritrea sind nur zwei der Bewohner aus dem Häuserblock im Magdeburger Viertel, in dem Cyriacks drei Wohngemeinschaften betreut. Seit Anfang Januar wohnen die beiden in Achim. Im Zuge ihrer Flucht haben beide eine Odyssee von Eritrea über den Sudan und Italien bis hin nach München und Friedland hinter sich.

In Achim-Nord wohnen sie zusammen mit vier weiteren Männern in einer 60 Quadratmeter großen Wohnung. Im selben Wohnblock sind aber noch weitere Flüchtlinge, auch aus dem Balkan, untergebracht.

Birgit Cyriacks gibt den Männern Nachhilfeunterricht in Deutsch. Zudem gibt sie Hilfestellung beim Ausfüllen von Formularen. „Der Behördendschungel ist ja sogar für uns manchmal undurchschaubar“, betont sie. Darüber hinaus begleitet sie bei Arztbesuchen, vermittelt Kontakte zu Sportvereinen und unterstützt bei der Suche nach einer Arbeitsstelle.

Arbeit – das läuft in der Regel auf ein unbezahltes Praktikum hinaus. Aber auch ein Minijob (unter 450 Euro) ist möglich, sofern der Arbeitgeber einen Vorrangigkeitsantrag stellt. Damit soll sicher gestellt sein, dass ein Flüchtling keinem in Deutschland geborenen Arbeitnehmer einen Arbeitsplatz wegnimmt. Bei Salih Ahmed hat es geklappt: Er arbeitet in Teilzeit als Zeitungsausträger beim Achimer Kreisblatt.

Zum Militärdienst

gezwungen

Birgit Cyriacks findet es schade für die Flüchtlinge, wenn sie nicht arbeiten können: „Sie bringen oftmals schon eine gute Qualifikation mit. Und es ist so trist, wenn sie zuhause sitzen und nur mit Essen und Schlafen Abwechslung in den Tag bringen können.“

Als Salih Ahmed seine erste Tour als Zeitungsausträger hatte, ist Cyriacks mitgegangen. „Zuerst sind wir das Ganze mit dem Auto abgefahren. Denn durch die Sprachbarriere und dadurch, dass die Flüchtlinge nicht ortskundig sind, ist es schwer für sie.“ Mittlerweile macht der 19-Jährige zwei Touren: mittwochs und sonntags.

Den Job findet der junge Mann zwar nicht erfüllend, aber okay. „Keiner kann die ganze Zeit im Haus bleiben, man muss Dinge sehen“, sagt Salih Ahmed auf Englisch. Was die Bezahlung betrifft, sei es nur ein besseres Taschengeld, erklärt Cyriacks, denn der Betrag werde auf die Leistungen, die er nach dem Asylbewerbergesetz erhält, angerechnet.

Noch etwas, das Birgit Cyriacks vermittelte: Ahmed spielt beim TSV Achim Fußball und Basketball. Dort ist er gern gesehen und hat mittlerweile als Fußballer einen Spielerpass, was ihn zur Teilnahme an Punktspielen berechtigt. In Eritrea war er ebenfalls im Schulteam, erzählt er mit Stolz in der Stimme.

Einen ganz anderen Tonfall bekommt er, wenn man ihn nach seinen Erinnerungen an das letzte Jahr, bevor er aus seinem Herkunftsland flüchtete, fragt. Da diente er beim Militär. „Wenn sie dich einmal eingezogen haben, kommst du da nie wieder raus“, sagt Salih Ahmed. Einen älteren Mitbewohner aus der Flüchtlings-WG im Magdeburger Viertel hätten sie 15 Jahre dort behalten, kann er nur andeuten, bevor der Gesprächsfaden wieder abbricht.

Malik Nesradin fällt es noch schwerer, über die Vergangenheit zu sprechen. In Eritrea fuhr er Lastwagen, aber hier in Deutschland müsste er sich die Lizenz ganz neu erwerben. Das ist teuer, deshalb sucht er übergangsweise nach einem Praktikum in einem handwerklichen Betrieb. Auch dabei hilft Birgit Cyriacks.

Obgleich die beiden Eritreer schon gut deutsch sprechen, reichen die Sprachkenntnisse noch nicht aus, um sich allein für einen Job vorzustellen. Deutsch ist neben tigrinia, arabisch und englisch die vierte Sprache, die sowohl Nesradin als auch Ahmed sprechen. Die Plätze für die Kurse an der Kreisvolkshochschule in Achim sind begrenzt, weiß Birigt Cyriacks. Nachdem beide ein Semester dort belegt hatten, bekommen sie von der Achimerin nun Unterricht mithilfe von Arbeitsblättern aus dem Goethe-Institut.

Was bringt Birgit Cyriacks dazu, sich so für zuvor fremde Menschen einzusetzen? „Ich habe immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden“, sagt sie. Als Pharmareferentin sei sie beruflich gut situiert gewesen und viel herumgekommen. „Außerdem sind meine Eltern selbst aus Pommern geflüchtet und sie haben mir immer erzählt, wie schlecht sie anfangs hier aufgenommen wurden. Dabei waren sie weiß und beherrschten die Sprache.“ Daran habe sie sich erinnert, als sie täglich die Bilder in den Nachrichten sah. „Und ich habe gedacht, dass man da helfen müsste.“

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