Binta Dunker bekocht Flüchtlinge an griechisch-mazedonischer Grenze / Junge Achimerin erlebt viel Leid, aber auch Dank

„Menschen nicht verhungern lassen“

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Binta Dunker.

Achim - Von Michael Mix. „Es nimmt mich doll mit, ich denke jeden Tag daran. Man fragt sich, was vor allem mit den kleinen Kindern passiert.“ Binta Dunker war in den vergangenen Monaten in zwei Flüchtlingslagern in Südeuropa, zuletzt eine Woche lang in einem unwirtlichen Camp an der Grenze von Griechenland zu Mazedonien. Die 21-jährige Achimerin kochte dort „fast rund um die Uhr“ für Kinder, Frauen und Männer aus Afrika und Asien. Eine Menge Leid hat sie hautnah erlebt und sagt deshalb: „Das eigene, vergleichsweise luxuriöse, gesicherte Leben kommt einem komisch vor.“

Binta Dunker, die Psychologie in Bremen studiert, ist seit langem bei den Pfadfindern aktiv. Sie leitet den Stamm der Wikinger in Achim und kam über Wiebke Maiwald, eine Mitstreiterin aus Westerstede, dazu, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Nicht nur vor Ort, sondern insbesondere da, wo die Not erheblich größer ist. „Ende September fuhr ich mit meinem Bruder Kio und Charlotte Zabel, die auch aus Achim kommt, an die serbisch-kroatische Grenze, um Flüchtlinge mit Kleidung und Decken zu versorgen“, berichtet sie.

Die dort gesammelten Erfahrungen hätten sie nicht mehr losgelassen. „Das viele Leid, das man sieht. Die Geschichten, die einem Menschen erzählen und dabei oft weinen.“

Und dennoch oder gerade deshalb entschloss sich Binta Dunker, „noch mal runterzufahren“. Diesmal mit ihrer Pfadfinderfreundin Wiebke Maiwald nach Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Unter dem Motto „Solidarity Kitchen“ wollten die jungen Frauen zusammen mit sechs weiteren Helferinnen und Helfern dort Gestrandete bekochen. In Göttingen, an Maiwalds Studienort, riefen sie die Bevölkerung auch über das Internet dazu auf, Linsen, Reis, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Kaffee und andere Grundnahrungsmittel für die Versorgung von Flüchtlingen in einem Lager im Nordwesten Griechenlands zu spenden.

Mit großem Erfolg: „Unser ganzer Bully wurde voll bis unters Dach.“ Gaskocher, Riesentöpfe und Geschirr für die Massenverpflegung, die sie von der niedersächsischen Pfadfinder-Organisation gestellt bekamen, passten gerade auch noch in die beiden Fahrzeuge, mit denen sich die acht jungen Leute Ende November auf den langen Weg über den Balkan machten.

Dabei erwies es sich als „hilfreich, dass viele Leute zusätzlich noch Geld gespendet hatten. Die insgesamt 10000 Euro verwendeten wir für Benzin- und Mautkosten, aber auch für die Anschaffung von Gaskartuschen und eines Generators, um nachts, also unabhängig vom Tageslicht, für die Neuankömmlinge kochen zu können.“ Der Betrag reichte sogar noch aus, um von Bauern nahe des Camps Gemüse dazu zu kaufen.

Als Binta Dunker dort mit ihrer Gruppe nach zweitägiger „abenteuerlicher Fahrt“ samt Kielriemen-Wechsel in Budapest eintraf, bot sich ihnen ein „erschütterndes Bild“. An Bahngleisen nahe der Grenzstadt Idomeni hausten Tausende Flüchtlinge in Zelten oder auch unter freiem Himmel, weite Flächen waren von Müll übersät. Für Menschen aus Iran, Pakistan, Nepal, Bangladesch, Marokko, Kongo, Somalia die Endstation. „Die Grenzbeamten ließen nur Afghanen, Iraker und Syrer durch, die eindeutigen Kriegsflüchtlinge.“ Alle anderen könnten in Griechenland Asyl beantragen – „mit mäßigen Erfolgsaussichten“. Die allermeisten, weiß Dunker, müssen wohl oder übel in ihre Heimatländer zurückkehren.

Angesichts dieser Situation verwundert es nicht, dass entlang des Stacheldrahtwalls Spannungen aufkamen. „Viele Flüchtlinge waren wütend, dass es nicht weiterging und lieferten sich Auseinandersetzungen mit der Polizei“, beobachtete die Achimerin. Rund eine Woche nach ihrer Abreise wurde das Lager dann aufgelöst und in ein Stadion in Athen verlegt.

Den in Idomeni vertretenen großen Organisationen, wie UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das Rote Kreuz und „Ärzte ohne Grenzen“, stellt Dunker kein gutes Zeugnis aus. „Die haben es nicht geschafft, den Flüchtlingen eine warme Mahlzeit zu bereiten.“ Eine Aufgabe, die in privater Initiative geleistet wurde. „Wir fingen morgens mit der Ausgabe von Tee und Kaffee an und kochten dann praktisch durch, um die in langer Schlange oft eine Stunde Wartenden mit Suppe und einfachen Gerichten zu versorgen“, erzählt die 21-Jährige.

Und auch von der „großen Hilfsbereitschaft von Flüchtlingen“. Etliche, freute sie sich, schnippelten mit Gemüse, schleppten Wasser heran oder kontrollierten die Warteschlangen, damit sich niemand vordrängelt.

Viele zeigten sich laut Binta Dunker dankbar. „Manche tanzten mit uns sogar fröhlich ums Feuer, was übrigens ständig entfacht wurde, um es bei nächtlichen Temperaturen kaum über dem Gefrierpunkt warm zu haben.“

Auf der anderen Seite erlebte die Helferin aber auch viele frustrierte Flüchtlinge und Schockierendes: „Einige haben sich den Mund zugenäht, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen.“

An den Ursachen der Flucht, wie politischer Verfolgung, religiöser Unzufriedenheit oder der wirtschaftlichen Situation in der Heimat, könne sie nichts ändern, sagt Binta Dunker. „Man kann aber dazu beitragen, dass Menschen nicht erfrieren oder verhungern.“

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