Bilanz von Schuldnerberater Heiko Meyer / Dreimal monatlich Gespräche in Achim

Immer mehr Arme und Alte geraten in die Schuldenfalle

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Seit rund zwei Jahren bietet Heiko Meyer (links) im Achimer Rathaus eine kostenlose Schuldnerberatung an.

Achim - Wer Heiko Meyer zu einem Beratungstermin aufsucht, hat meist einen konkreten Anlass. „Der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür oder wegen Schulden beim Energieversorger wird morgen der Strom abgestellt“, zählt der ehrenamtliche Schuldnerberater beispielhaft auf. Dreimal monatlich mimt er im Achimer Rathaus und im Bürgerzentrum (Büz) den Wegweiser aus der Schuldenfalle. Das seit knapp zwei Jahren bestehende, kostenlose Angebot werde gut angenommen, sagt Meyer.

Zu den Mandanten des 76-Jährigen zählen Menschen aus Achim und Umgebung. Der Aktionsradius reicht bis Verden und Syke – zwei Städte, deren Amtsgerichte über eigene Insolvenzabteilungen verfügen. Pro Quartal hat Heiko Meyer durchschnittlich etwa 50 bis 60 Beratungsfälle.

Zunehmend von Überschuldung betroffen sind Menschen, deren Einkommen sich am Rande des Existenzminimums bewegt. Von den „Big Six“ der häufigsten Überschuldungsgründe (Arbeitslosigkeit/reduzierte Arbeit, Scheidung/Trennung, Krankheit, Konsumverhalten, gescheiterte Selbstständigkeit und Einkommensarmut) spielte die Einkommensarmut 2014 (10,5 %) doppelt so häufig eine Rolle wie noch im Jahr 2007 (4,9 %). Die Zahlen stammen aus dem iff-Überschuldungsreport 2015. Arbeitslosigkeit stellte 2014 mit 26,8 % nach Angaben des Instituts für Finanzdienstleistungen immer noch den häufigsten Überschuldungsgrund dar.

Ein weiterer Trend: „Die Armut der Alten nimmt zu“, so Meyer. Nach Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform ist die Überschuldung von Senioren im Zeitraum von 2013 bis 2015 um 35 % auf 150000 gestiegen. Das deckt sich auch mit Heiko Meyers eigenen Beobachtungen.

Trennung oder Scheidung war nach dem iff-Report 2015 zu 9 % Auslöser für die finanzielle Misere. Hier seien Frauen weitaus häufiger betroffen als Männer. Das gelte insbesondere, wenn Kinder im Spiel sind.

Auch existentielle Ängste wie Obdachlosigkeit oder drohende Obdachlosigkeit seien in den Beratungen immer wieder Thema.

Doch es muss nicht so weit kommen: „Wir versuchen das im Vorfeld zu regeln“, sagt Meyer. Oftmals könne man über ein Darlehen des Jobcenters und/oder ein Gespräch mit dem Vermieter die Räumung erstmal vermeiden.

Nächster Schritt: Mithilfe von Rechnungen und anderen Unterlagen überlegt Meyer gemeinsam mit dem Mandanten, wie die Überschuldung entstanden ist.

Das fängt oftmals damit an, die Akten zu ordnen. Manchmal bekommt Meyer statt eines Aktenordners lose Blätter in einer Plastiktüte auf den Tisch. Auch ungeöffnete Briefe stellen keine Seltenheit dar. Wer seinen Lebensunterhalt über SGB- II-Leistungen („Hartz IV“) bestreitet, für den können schon nichtbezahlte Rundfunkbeiträge schnell zum Problem werden. Auf Basis der Unterlagen erstellt Meyer Einsparmodelle: „Vielleicht hat jemand schlecht gewirtschaftet, fährt zwei Autos oder besitzt eine Vielzahl von Kreditkarten.“ Internet-Käufe, bei denen der Bezahlvorgang mit einem Mausklick erledigt werden kann, seien dabei nicht unwesentlich: „Verschuldung wird heutzutage leicht gemacht“, findet Meyer.

Anschließend werden die Gläubiger aufgelistet und angeschrieben und auf Antworten mit aktuellen Forderungen gewartet. In einem Gespräch mit Schuldner und Gläubiger versucht der Rechtsexperte Regelungen zu finden, die für beide Parteien annehmbar sind, beispielsweise Ratenzahlung. Erst wenn die Mehrheit der Gläubiger den Vergleichsvorschlag ablehnt, rät Meyer dazu, die Privatinsolvenz zu beantragen.

Wenn Heiko Meyer einen Fall übernimmt, dann bedeutet das Arbeit über einen längeren Zeitraum: Drei Termine und die dazugehörige Aufarbeitung seien das Minimum. Trotzdem stellt der Sozialarbeiter und Jurist fest: „Es macht mir Spaß.“ Meyer sucht die Herausforderung, die Arbeit sei vielseitig und beschere ihm immer neue Gesprächspartner. Heiko Meyers Beratungszeiten sind: 1. Dienstag (14-18 Uhr) und 3. Mittwoch im Monat (9-13 Uhr) im Rathaus (Raum 150), 2. Mittwoch (heute, 10-13 Uhr) im Büz.

ldu

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