Bierden feiert 60 Jahre Fassenacht

Als der Karneval vom Rhein an die Weser kam

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Déjà-vu – der Name ist diesmal zu 60 Jahren Karneval Programm.

Es war ein besonderer Abend vor 60 Jahren: Die Sportlerinnen des TSV Bierden waren im Gasthaus Meyer zum Essen, Bockwurst mit Kartoffelsalat, an einem gemütlichen Abend, als jemand in der Fastnachtszeit die Juxidee kam, man könne doch ein Prinzenpaar küren.

Gesagt, getan. Schnell wurden ein Turntisch mit Krepppapier und Laken hergerichtet, zwei Stühle auf ihn gestellt und auf den so geschaffenen Thron der flugs zum Prinzen ausgerufene und mit Schärpe geschmückte Hermann Knüppel sowie Adele Radecke als frisch ernannte Prinzessin gesetzt. Büttenreden und rheinische Karnevalsklänge schufen so in Bierden erstmals etwas Fassenacht.

Für den damaligen ersten Vorsitzenden Willi Meyer, der lange Zeit im Rheinland verweilt hatte, war es Anlass, den Karneval nach Bierden zu importieren. Er sagte zu den Bierdenern: „Was die können, das können wir auch.“ Es war die Geburtsstunde des Bierdener Karnevals.

Bereits 1957 gab es wieder ein Prinzenpaar und ein kleines Programm. Verbürgt ist auch der Karnevalsabend 1958 mit Musik, Büttenreden und selbst gefertigten Kostümen aus Krepppapier. 1959 blieben die Narren noch einmal unter sich, um dann mit einem 90-minütigen Programm sich der Öffentlichkeit zu stellen und den großen Durchbruch zu erzielen.

Büstenhalter und Männerbeine: das Besenballett.

Drei Punksitzungen, Kinderkarneval, Seniorenkarneval und ein Rosenmontagsball waren Jahr für Jahr große gesellschaftliche Ereignisse, zu denen die Menschen in Scharen kamen. Mit Musik, Tanz und Witz erhellten die Närrinnen und Narren den grauen Alltag ihrer Mitmenschen und nahmen Vorgänge in der großen Welt, im kleinen Achim oder im Privaten auf die Schippe.

Das Achimer Kreisblatt schwärmte: „Das närrische Herz der Stadt schlägt wieder in Bierden“, „Rheinische Fröhlichkeit an die Weser importiert“ und „Einmal im Jahr liegt Bierden am Rhein“. Bestimmt kein norddeutsches Understatement.

Das Motto von 1968 könnte auch für all die anderen Jahre stehen: „Nicht nur an der Isar, am Main und am Rhein auch in Bierden kann man fröhlich sein.“

So erinnern auch das „Bierden Helau“, das „Alaaf“ oder die Raketen an die närrischen Hochburgen. Sicher ist in den 60 Jahren viel passiert, was erzählenswert, aber längst vergessen ist. In den 60er Jahren zum Beispiel war der große Saal so prächtig geschmückt, dass die ganze Dekoration kurz vor der Sitzung wieder herunterkrachte. Die Männer hatten es zu gut gemeint. Die Dekoration war zu schwer.

1991 sagten die Karnevalisten ihre Prunksitzung ab, da wegen des ersten Irakkriegs gegen Saddam Hussein niemand zum Lachen zumute war.

In den beiden letzten Jahrzehnten hat der Bierdener Karneval allerdings sein Hoch längst überschritten. Aus drei Prunksitzungen ist eine geworden. Tanz- und Musikformationen erfreuen weiterhin, aber Büttenredner müssen meist schon von auswärts importiert werden. Statt lokaler Spitzen bieten sie allgemeine Witze unterschiedlichen Niveaus.

Der Seniorenkarneval ist längst gestrichen. Den Rosenmontagsball gibt es auch nicht mehr, dafür aber nach wie vor den ungebrochen beliebten Kinderkarneval.

Der hier im Norden schon spärliche Karnevalsfrohsinn ist in Bierden nicht ganz verloren gegangen. Die Jecken leiden vielmehr wie auch andere Vereine und Organisationen unter Mangel an Aktivisten und Idealisten.

Zum Glück gibt es aber in Bierden noch einige, die die Tradition aufrechterhalten und sich jetzt zum Jubiläum ein besonderes Programm mit Rückblick auf die vergangenen 60 Jahre haben einfallen lassen. Der schönste Lohn für diese Ehrenamtlichen und humoristischen Künstler wäre ein großes und dankbares Publikum in der närrischen Session am nächsten Wochenende.

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