Ansiedlung „eine Nummer zu groß“

Achimer Bürger sieht in Amazon Gefahr für Landschaft und Arbeitsplatzniveau

Amazon plant in Achim ein Logistikzentrum von ähnlicher Größenordnung wie in Winsen. Der erste Versandhandel-Standort des Konzerns in Niedersachsen soll Ende dieses Jahres in Betrieb gehen. 1033 Pkw-Parkplätze und 84 Lkw-Stellplätze sind dort vorgesehen.

Achim - „Die Ansiedlung von Amazon wäre für Achim eine Nummer zu groß“, sagt Hans-Dieter Pöhls. Mit Blick auf den durchgesickerten Plan des Konzerns und der Stadt für ein Logistikzentrum im Gewerbegebiet Uesener Feld zählt der Achimer zig Ablehnungsgründe auf.

Die beabsichtigte „monströse“ Halle für den Versandhandel würde die Landschaft verschandeln; weitere Stichworte sind „riesiger Verkehrskollaps“, erhebliche Flächenversiegelung, weit geringere Steuereinnahmen als von der Stadt erhofft und Arbeitsplätze von „zweifelhafter Qualität“.

Offener Brief an den Bürgermeister

Hans-Dieter Pöhls ist besorgt.

In einem offenen Brief an Bürgermeister Rainer Ditzfeld, 1. Stadtrat Bernd Kettenburg, zugleich Co-Vorsitzender der von der Stadt Achim und der Kreissparkasse Verden getragenen Gesellschaft für Entwicklung und Vermarktung von Grundflächen, die Vorsitzenden der örtlichen Parteien und die lokale Presse hat Pöhls seine Bedenken ausführlich dargelegt. Er bittet die Entscheidungsträger, sich genau zu überlegen, ob sie einer „Mega-Ansiedlung“ von Amazon zustimmen wollen und listet dann die einzelnen Punkte auf.

Das im vorigen Jahr geplatzte Log4Real-Vorhaben im Uesener Feld mit einer 82.000 Quadratmeter großen und 15 Meter hohen Logistikhalle würde im Vergleich zur geplanten Amazon-Halle mit einer geschätzten Höhe von 45 Metern und der „gesamten Fläche“ von etwa 150.000 Quadratmetern, was 14 Fußballfeldern entspreche, schon fast wie ein Zwerg aussehen. „Das passt einfach nicht in unser plattes Land und würde eine absolute Landschaftsverschandelung bedeuten“, schreibt Pöhls, der Mitglied des Naturschutzbundes ist.

Straßen seien jetzt schon überlastet

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verkehrsanbindung. Bei voller Realisierung der Pläne von Log4Real wären nach Abwägung eines erfahrenen Verkehrsexperten alle 60 Minuten 50 Lastwagen angedockt und 50 Lastwagen abgedockt, berichtet Pöhls. „Das hätte unvermeidlich zu einem riesigen Verkehrskollaps auf der L156, der K23, den Auf- und Abfahrten der A27 sowie in den Wohn- und Gewerbegebieten der Stadt und in den Ortsteilen von Uesen und Baden geführt.“ Bei einer fast doppelt so großen Amazon-Lagerfläche ginge auf den schon jetzt morgens und am späten Nachmittag bis an den Anschlag belasteten Straßen gar nichts mehr.

„Fazit sollte nunmehr sein: Unverzüglich die Erstellung eines umfassenden Verkehrsgutachtens an eine neutrale, unabhängige Institution (ohne jegliche Schönfärberei) zu vergeben.“

„Wo gibt es Kompensationsflächen?“

Darüber hinaus führten die geschätzten 1000 Parkplätze für Mitarbeiter und Besucher, dutzende Lkw-Plätze an den Docks, Zu- und Abfahrtstraßen sowie die 50.000 Quadratmeter große Hallengrundfläche zu einer nicht hinzunehmenden Flächenversiegelung. „Wo gibt es dafür Ausgleichs- und Kompensationsflächen in Achim?“

Als nächstes bemängelt Pöhls die Qualität der Gewerbeansiedlung. Egal ob Coca-Cola oder Mercedes/Stute – die Stadt setze in jüngster Zeit zu sehr auf große Namen von Firmen, die überwiegend nur riesige Lager in Achim betrieben, bei denen aber Weiterverarbeitung und Wertschöpfung unterentwickelt seien. Pöhls stichelt: „Verkauft die Stadt Achim ihre Sahnestücke zu billig? Warum weicht man von seinen eigenen Vergabebestimmungen ab?“ Mit einem „gesunden Branchenmix“ könnten auch die Risken besser gestreut werden.

Streitigkeiten mit Gewerkschaften seien bekannt

Amazon sei hinlänglich als „effizienter Steuervermeider“ bekannt. Der US-amerikanische Konzern könnte zukünftig den in Achim erzielten Gewerbeertrag durch geschickte Änderung der Verrechnungspreise und/oder Anrechnung von Lizenzgebühren der Muttergesellschaft kräftig reduzieren, zum Schaden des Stadtkämmerers, erklärt der Achimer.

Dass Amazon in Achim bis zu 2000 Arbeitsplätze schaffen wolle, höre sich zunächst gut an. Doch in Winsen, wo noch in diesem Jahr ein Logistikzentrum in ähnlicher Größenordnung eingeweiht werden soll, seien gerade einmal 20 ausgebildete, qualifizierte Vollzeitkräfte vorgesehen. Das Gros der Jobs hingegen werde einfacherer Art, mäßig bezahlt und befristet sein. Zudem merkt Hans-Dieter Pöhls an: „Bekannt sind die lang andauernden Fehden zwischen Amazon-Management und Gewerkschaft Verdi hinsichtlich eines neuen Tarifvertrages beziehungsweise Erhöhung der Löhne sowie die vielen Streiks.“

mm

Anmerkung: In einer ersten Version dieses Artikels wurde Hans-Dieter Pöhls als „besorgter Bürger“ bezeichnet. Da dieser Ausdruck unter Umständen negativ konnotiert sein kann, wurde er ausgetauscht.

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