„Beschäftigung hat eine sehr große Integrationskraft“

Achimer Leiharbeitsfirma vermittelt viele Flüchtlinge

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Hans-Erwin Raphael und seine Frau Christiane (Mitte) beschäftigen bisher 15 Flüchtlinge in heimischen Unternehmen. Viele weitere könnten folgen, wenn es nach dem Achimer Personaldienstleister geht.

Achim - Noch bis zum letzten Jahr hatte Hans-Erwin Raphael mit seiner Zeitarbeitsfirma große Schwierigkeiten, freie Stellen seiner Kunden zu besetzen. Doch seit 2016, nachdem die Vorrangprüfung im Integrationsgesetz abgeschafft wurde, kann er aus dem Vollen schöpfen und Bedarfe erfolgreich bedienen. Bis dahin musste bei der Stellenbelegung mit Flüchtlingen erst geprüft werden, ob nicht ein Deutscher den Platz annehmen könne.

Husen Abdaleh Sadil arbeitet seit einer Woche bei einem Oytener Automobilzulieferer und montiert Aschenbecher in Fahrzeugkonsolen. Er wurde durch einen Bekannten auf den Jobservice aufmerksam. „Die Arbeit ist nicht einfach, macht aber Spaß“, erklärt der junge Somalier.

Weitere Arbeitserlaubnis beantragt

In Zukunft könnten zahlreiche Stellen in Industrie, Handwerk, Lager und Logistik im Fachbarbeiter- wie auch im Helferbereich mit Flüchtlingen besetzt werden, sagt Raphael. Die meist jungen Männer der privaten Achimer Vermittlungsagentur stammen aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Syrien, Tschetschenien und der Elfenbeinküste und finden Beschäftigung als Produktionshelfer, Monteure, Kommissionierer, Staplerfahrer oder Handelsfachpacker.

„Für weitere Flüchtlinge aus Gambia und Somalia habe ich eine Arbeitserlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragt“, erklärt der Agentur-Chef.

Viele weitere Stellen könnten vermittelt werden

„Im Moment könnte ich noch viele weitere Stellen vermitteln.“ Eine wichtige Voraussetzung für eine Vermittlung sei der vorherige Besuch eines Deutsch- und Integrationskurses. Ferner der Eintrag „Erwerbstätigkeit gestattet“ im Aufenthaltstitel. Ist dies gewährleistet, stehe einer Vermittlung nichts mehr im Wege. Die Angestellten der Personal Service GmbH erhielten Bezahlung nach dem Tarifvertrag für Leiharbeiter und Qualifizierungsmaßnahmen.

Die Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur im Landkreis Verden (ALV), den ehrenamtlichen Flüchtlingspaten und der Koordinierungsstelle des Landkreises funktioniere ganz hervorragend, nur in wenigen Punkten wünscht sich der Unternehmer weniger komplizierte Verfahren: „Wenn ich einen Mehraufwand durch meine Vermittlung beim kommunalen Jobcenter geltend machen möchte, erhalte ich viele Wochen später einen Fragebogen, in dem ich mich in unverhältnismäßigem Aufwand erklären soll“, beklagt Raphael. Dabei sei ein Mehraufwand obligatorisch: Das beginne bei Erläuterungen zum Gebrauch der Toiletten und reiche bis zur Hilfe beim Ausfüllen von mehrseitigen Fertigkeitsabfragen für jeweilige Einsatzbereiche oder Behördenbesuche.

Ärger mit unsinnigem Bürokratismus

Es sei auch vorgekommen, dass nach nur drei Tagen im Betrieb die Arbeiter zur Abgabe einer Gehaltsbescheinigung aufgefordert worden seien, obwohl nur monatlich abgerechnet werde. „Das verstört die jungen Leute, die oft nicht verstehen, was die Behörde von ihnen verlangt“, erklärt Raphael. Auch entstehe ein Finanzierungsengpass, weil Unterhaltsleistungen sofort entfielen, sobald der Arbeitsvertrag mit der Agentur geschlossen sei, aber erst nach vier Wochen Gehalt fällig werde.

Aber grundsätzlich zeichnet der ehemalige Deutschlehrer, der in Achim seit 2005 eine Zeitarbeitsagentur betreibt, ein positives Bild und äußert sich begeistert: „Das macht richtig Spaß mit diesen jungen Leuten zu arbeiten.“ Grundtugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit seien vielfach vorhanden. Etwa ein Drittel seiner Klienten bringe er auf diese Weise dauerhaft in Arbeit: „Ein 48-jähriger Syrer, der in seiner Heimat eine Stickerei mit sieben Angestellten betrieben hatte, wurde als Produktionshelfer erst befristet und seit Ende letzten Jahres sogar unbefristet eingestellt“, berichtet Geschäftsführer Raphael. Das sei für den Familienvater enorm wichtig gewesen. Die Personaldienstleister hatten ihm einen Staplerführerschein finanziert.

„Eine erfolgreiche Integration kann nur über die erfolgreiche Vermittlung in Arbeit funktionieren“, meint Raphael. „Beschäftigung hat eine große Integrationskraft.“ Und der Bedarf ist offensichtlich vorhanden.

sch

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