Mehr Langzeiterkrankte und viele Vermutungen

Beschäftigte der Stadt häufiger krank als andere

Ab dem dritten Krankheitstag ist ein solches ärztliches Attest zwingend. In den ersten sechs Wochen der Krankheit zahlt der Arbeitgeber Lohn- und Gehalt wie gewohnt weiter. - Foto: dpa

Achim - Von Manfred Brodt. Rat und Verwaltung der Stadt Achim haben feierlich eine langfristige „Zielvereinbarung“ abgeschlossen und sich so versprochen, besonders wichtige Punkte zu erfüllen. Eins dieser Ziele lautet, den hohen Krankenstand der Beschäftigten der Stadt Achim zu senken. Nach Statistiken war und ist er nämlich fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt, was einen schon „vom Hocker haut“.

2013 zum Beispiel lag der Krankenstand der Achimer Stadtbeschäftigten bei 7,18 Prozent gegenüber 3,64 im Bundesmittel. 2014 verzeichnete man in Achim 7, Ende 2015 7,74 Prozent gegenüber den 3,6 im Bundesdurchschnitt.

Sofort schießen fast jedem natürlich Vorurteile und Pauschalurteile durch den Kopf, die diese Diskrepanz erklären könnten. Doch so einfach ist es nicht, wie unsere Recherche ergab, zumal jeder Einzelfall sicher gesondert zu betrachten ist.

„Äpfel und Birnen“ werden verglichen

Achims Erster Stadtrat Bernd Kettenburg, Vizechef in der Stadtverwaltung, macht uns so darauf aufmerksam, dass in den älteren von der Stadt selbst erstellten Statistiken „Äpfel mit Birnen“ verglichen würden. Die bundesweite Krankheitsquote aller Berufe beinhalte so zum Beispiel nur die Krankschreibungen durch einen Arzt, also ab dem dritten Krankheitstag in der Regel. Die Achimer Krankheitszahlen erfassten dagegen Krankmeldungen schon ab dem ersten Tag auch ohne ärztliches Attest. Ob die starke Differenz sich wesentlich aus diesen Kurzerkrankungen bis zu drei Tagen erklären lässt, bleibt allerdings dahingestellt.

Bei dem gleichen Basismaterial vergleichbarer Städte des Deutschen Städtetages mit Krankmeldungen ab dem ersten Tag liegt Achim „nur“ noch um etwa 0,7 Prozent über dem Durchschnitt. Das ist für Kettenburg die relevante Vergleichszahl.

Für diesen immer noch überdurchschnittlichen Wert bei der nur auf den öffentlichen Dienst beschränkten Betrachtung macht der zweite Mann der Achimer Stadtverwaltung insbesondere Langzeiterkrankungen verantwortlich, bei denen es sich um schwere Einzelschicksale handele, die nichts mit der Tätigkeit bei der Stadt zu tun hätten. Fünf Langzeiterkrankte bei 380 städtischen Arbeitern, Angestellten und Beamten sind das. Aus der Sicht Kettenburgs ein besonders hoher Anteil.

In den Grippemonaten war die Krankheitsquote bei der Stadt besonders hoch, aber Grippe hatte man auch in anderen Orten.

Frauen mit höherer Krankheitsquote

Auffällig sind die unterschiedlichen Krankheitsquoten bei den Geschlechtern. Ende 2015 lag sie bei den Männern bei 6,57 Prozent, bei den Frauen aber bei 8,2 Prozent. Doppelbelastung oder besonderer Stress in Kindergärten zum Beispiel?

Man weiß es nicht.

Einigermaßen gesichert erscheint, dass Erkrankungen bei Beschäftigten mit schwererer körperlicher, Wind und Wetter ausgesetzter Arbeit, Reinigungspersonal, Arbeiter am Bauhof oder im Abwasserbereich, schon mal öfter vorkommen. Zumal der Altersdurchschnitt der städtischen Beschäftigten nicht gerade niedrig ist. Kettenburg hatte einmal in einem Vortrag dargelegt, dass in fünf Jahren 45 Prozent der führenden Mitarbeiter der Stadt in den Ruhestand treten.

Das ist alles in einer zusammen mit der AOK erstellten Gesundheitsanalyse, die unter Verschluss gehalten wird, untersucht. Ein stetig arbeitendes Gesundheitsmanagement der Stadt arbeitet daran, die Arbeit durch technische Hilfsmittel und andere Maßnahmen weniger beschwerlich zu gestalten. Das sei alles Prävention, sagt Kettenburg, und wirke nicht schnell. Ob es aber mit der Erleichterung schwerer körperlicher Arbeit getan ist, bleibt zweifelhaft.

Menschen werden auch krank, weil sie überlastet, überfordert, gestresst oder auch nicht ausgelastet sind. Burnout ist ebenso denkbar wie Boreout, also Ausgebranntsein vor Überarbeitung oder auch Langeweile.

Vielleicht fällt es auch im öffentlichen Dienst leichter, sich krank zu melden, als in der Privatwirtschaft, wo man dafür Minuspunkte beim Chef sammeln könnte und den Kolleginnen und Kollegen damit Mehrarbeit aufbürdet. In der öffentlichen Verwaltung, zum Beispiel in Achim, bleibt die Arbeit dagegen oft einfach liegen.

Motivation und Betriebsklima

Allgemein bekannt ist, dass die Krankheitsquote hoch ist, wenn die Motivation, Zufriedenheit, Anerkennung der Mitarbeiter niedrig sind und umgekehrt. Schlechtes Betriebsklima kann krank machen.

Auch der Erste Stadtrat bestreitet solche Zusammenhänge nicht, hat aber keine Anhaltspunkte dafür, dass das bei der Stadt Achim eine wesentliche Rolle spielt.

Allerdings kennt auch Kettenburg das Bonmot: „Jede Führungskraft bringt ihre Krankheitsquote mit.“

Das hat natürlich mit Achim überhaupt nichts zu tun. Oder doch?

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