Bernd Kettenburg zu Innenstadt, Lieken, Amazon und Achim-West

Erster Stadtrat: „Wir brauchen hier einen langen Atem“

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Vizeverwaltungschef Bernd Kettenburg arbeitet in Achim an vielen „Baustellen“, meist mehr im Hintergrund. 

Achim - Seit bald sechs Jahren ist Bernd Kettenburg Erster Stadtrat in Achim, das heißt Vizechef der Stadtverwaltung nach dem Bürgermeister.

Er zieht in zentralen Fragen Achims die Fäden. Auf seinem Besuchertisch im Rathaus steht ein Schild: „Ik snack platt, du ok?“ Wir sprachen mit ihm über Persönliches und Aktuelles auf Hochdeutsch.

Sie kamen vor sechs Jahren als Kirchlintelner und Fachdienstleiter des Kreises. Was sind Ihre Eindrücke von Achim?

Ich hatte schon länger Kontakt zu Achim. Mein Patenonkel lebte hier, und seit meiner Kindheit war ich hier bei Onkel und Tante und habe im alten Achimer Freibad gebadet. Verwandtschaftliche Kontakte bestehen bis heute. 1981 hatte ich außerdem im Achimer Rathaus unter dem damaligen Stadtdirektor Dr. Petri ein halbes Jahr meine Fremdausbildung als Beamtenanwärter gemacht. Achim war mir nicht unbekannt. Die Stadt hat eine sehr starke Entwicklung genommen und ist bei der Geburtenrate mit Vechta an der Spitze Niedersachsens. Achim hat den demografischen Wandel umgedreht und die Prognosen widerlegt. Die Kehrseite des Booms im Wohnungsbau und des Einwohnerzuwachses ist, dass der Bedarf besonders an Kindertagesstätten und Schulen enorm ist. Als städtischer Geschäftsführer der EVG, Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft für Firmengrundstücke, begeistert mich zudem die hohe Attraktivität Achims als Standort für alle Bereiche der Wirtschaft, wie aktuelle Entwicklungen bei der Desma, Automotive oder der Ansiedlung eines Studienganges der Leibniz-Fachhochschule belegen.

Noch einmal persönlich: Ist es für Sie ein Vorteil oder Nachteil, dass Ihr Wohnort nicht am Arbeitsort ist?

Das hat zwei Seiten. Es erlaubt einem, neutral zu bleiben, denn ich wohne nicht in Baden oder Uphusen und habe da keine besonderen Interessen. Man kann nach der Arbeit auch gut abschalten. In Luttum fragt mich niemand nach Achim. Auf der anderen Seite wäre der Kontakt zu den Menschen hier enger, wenn ich mein Privatleben hier führen würde. Aber mein Arbeitsfeld liegt ja auch mehr im Rathaus und nicht in der Außendarstellung.

Diese Woche kam die Nachricht, dass der Bauantrag für das Logistikzentrum von Amazon genehmigt ist. Kommt der Onlineriese nun nach Achim?

Ja, zu 80 Prozent. Aber auch für dieses Projekt gilt, dass die Baukosten angesichts der guten Auftragslage gestiegen sind. Der Bauherr und Entwickler Garbe und Amazon mit den Entscheidungszentren in Hamburg, Luxemburg und Seattle müssen sich jetzt noch über die veränderten finanziellen Rahmenbedingungen unterhalten und dazu einigen. Aber ich gehe davon aus, dass es klappt. Mit der neuen Straßenanbindung zur A27 in Achim-Ost ist rechtlich alles klar.

Und wann ist es zu 100 Prozent klar?

Wegen des nötigen Straßenbaus und der dabei zu beachtenden Vegetationszeit sollte die Entscheidung bis Februar 2020 gefallen sein.

An anderer Stelle in Achim ist auch der Turm der Lieken-Brotfabrik gefallen. Ist hier nicht eine Riesenchance versäumt worden, mit einem Einkaufszentrum einen Kundenmagneten zu schaffen?

Das glaube ich nicht. Von den Investoren Will und Skrabs war vorrangig ein Vollsortimenter geplant, und nur nebenher ein Fachmarkt zum Beispiel für Textilien und Elektronik. Was soll ein weiterer Vollsortimenter in Achim? Die dezentrale Versorgung in Achim ist da doch gut. In fast allen Ortsteilen gibt es Verbrauchermärkte. Das ist in Verden zum Beispiel ganz anders. Ein solcher Vollsortimenter schadete natürlich auch der Achimer Innenstadt. Als Steuerzahler wäre er uninteressant und würde nur einen fünfstelligen Betrag erbringen. Alle Supermärkte und Discounter in Achim zusammen zahlen jetzt keinen sechsstelligen Betrag an Steuern in Achim.

Die Fußgängerzone in Achim baut aber doch auch ohne Magnet ab. Kein Neubau der Kreissparkasse, Flaute am Bibliotheksplatz, an Obernstraße und Herbergstraße.

Wir brauchen hier einen langen Atem. Ich habe es von Anfang an nicht verstanden, dass in der Obernstraße und Herbergstraße im Erdgeschoss nur Geschäfte sein dürfen. Das halte ich nicht für zielführend. Wir brauchen Menschen in der Stadt, egal, warum sie kommen. Also Dienstleistungen und Gastronomie sollten auch im Erdgeschoss der Häuser zulässig sein. Die bedauerliche Insolvenz der Bäckereikette Garde führt dazu, dass sie das zentrale Haus am Bibliotheksplatz nicht lange pachtet, und das eröffnet dort neue Möglichkeiten. Und die Gaststätte Feuerwache wird wieder mit Leben erfüllt. Der Neubau der Kreissparkasse am Schmiedeberg-Kreisel war auf einem guten Weg, bis zum Vertrag. Umso bedauerlicher, dass die Sparkasse sich da eine Pause verordnet hat wegen der Explosion der Baukosten. Nach dem neuen Zeitplan haben wir den Neubau für 2023 ins Auge gefasst.

Ein letztes Gigathema: Das geplante Gewerbegebiet Achim-West am Bremer Kreuz mit neuem Autobahnanschluss. Wird das noch was?

Den Planfeststellungsantrag für die neue Straße mit insgesamt 18 Aktenordnern haben wir beim Kreis abgeliefert. Ich denke, dass wir bis zum dritten, vierten Quartal 2020 eine Entscheidung bekommen. Parallel arbeitet das Straßenbauamt des Landes daran, den Antrag für den neuen Autobahnanschluss Achim-West zu erstellen.

Mit Brücke über eine dann achtspurige A1?

Mit einer Brücke über eine mögliche achtspurige A1 bei Vitakraft und einem Tunnel unter einem möglichen dritten Bahngleis von Langwedel bis Sebaldsbrück.

Haben Sie denn auch das nötige Kleingeld für dieses Projekt von über 100 Millionen Euro?

Es geht immer noch darum, eine Finanzlücke von 23 Millionen Euro zu schließen. Wir sind da mit dem Bund und dem Land im Gespräch über eine höhere Förderung, da wir EU-Fördergelder wie andere zum Beispiel strukturschwache Gemeinden für dieses Projekt ja bisher nicht bekommen.

Und was zahlt Bremen?

Der alte Senat hat ja beschlossen, mit Achim in eine gemeinsame Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft zu gehen und mit Achim auf Augenhöhe zu kooperieren. Das bedeutet inklusive den bis zu elf Millionen Euro für Straßenbaumaßnahmen auf Bremer Gebiet insgesamt maximal 25 Millionen Euro.

Und daran glauben Sie?

Das muss natürlich alles noch von der gerade neu gewählten Bremer Bürgerschaft beschlossen werden, möglichst bis zum Jahresende, da in Bremen Haushaltsplanungen für die kommenden zwei Jahre anstehen. Die Summe muss ja nicht auf einmal gezahlt werden, sondern in Raten nach dem Baufortschritt. Außerdem wird es für Achim und Bremen ja Erlöse bei der Ansiedlung der Firmen geben durch Landverkauf und Steuereinnahmen.

Bekommen Sie denn überhaupt das Land für die Flächen?

Wir sind in Gesprächen mit dem Landvolk und den zahlreichen Grundstückseigentümern. Fast zwei Drittel der Fläche werden zudem von einem Pächter genutzt, mit dem wir in sehr intensiven Gesprächen stehen

Wollten Sie nicht einmal einen privaten Investor für dieses Jahrhundertprojekt gewinnen?

Ja, das wollten wir, aber das hat sich vorerst zerschlagen. Wir hatten Gespräche mit Interessenten, aber diese sahen das in erster Linie als Geldanlage und erwarteten Renditen von acht Prozent und mehr. Wenn wir jetzt einen privaten Investor noch dazu nehmen würden, dann könnte die gemeinsame Gesellschaft von Achim und Bremen keine Fördergelder von Bund und Land bekommen. Ein privater Investor als Mitgesellschafter ist also ausgeschlossen. Wir prüfen aber weitere Möglichkeiten, auf anderen Wegen privates Geld von Interessierten aus der Wirtschaft in das Projekt zu bekommen.

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