Interview mit Wirtschaftsforscherin Claudia Kemfert

„Bahn und Digitalisierung viel stärker fördern“

Professorin Claudia Kemfert leitet die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
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Professorin Claudia Kemfert leitet die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Achim – Warum wächst ausgerechnet in Zeiten der Digitalisierung der Bedarf an Gewerbeflächen? Und sind weitere riesige Areale in herkömmlicher Form angesichts der Klima- und Umweltkrise überhaupt noch vertretbar? Dazu äußert sich im Interview Professorin Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Die gebürtige Delmenhorsterin, die an ihrem Arbeitsort in Berlin und mit ihrer Familie in Oldenburg wohnt, kennen viele aus dem Fernsehen. Denn Kemfert ist mit ihrem Sachverstand in Fragen zukünftigen, nachhaltigen Wirtschaftens und ihrem sympathischen Auftreten bei den Medien eine begehrte Interviewpartnerin. Einen kleinen Teil ihrer knappen Zeit stellte die Wissenschaftlerin nun dem Achimer Kreisblatt zur Verfügung.

Frau Professorin Kemfert, der Bedarf an Gewerbeflächen steigt vielerorts rasant an, auch und gerade im Bremer Speckgürtel. Woran liegt das?

Insbesondere ist die Logistik und der Güterverkehr noch immer viel zu stark auf den umwelt- und klimaschädlichen Straßenverkehr konzentriert. Wir benötigen aber eine viel schnellere und deutlichere Verlagerung der Transporte von der Straße auf die Schiene. Der Verkehrssektor muss in den kommenden 15 Jahren emissionsfrei werden, dies kann mit einer weiteren Zersiedelung und zu starken Konzentrierung auf den Straßenverkehr nicht gelingen. Weitere Flächenversiegelungen lösen in der Tat die Verkehrsprobleme nicht, sie verschärfen die Umwelt- und Klimaprobleme.

Vor wenigen Jahren hieß es noch, die Digitalisierung werde dazu führen, dass Unternehmen weniger Platz benötigten, Gewerbeareale eingespart und damit der Flächenfraß eingedämmt werden könnten. Warum ist es anders gekommen?

Aus zwei Gründen: Erstens, die Digitalisierung ist nicht in ausreichendem Maße vorangekommen. Und zweitens, und das ist entscheidend: Der Schienenverkehr wurde nicht ausreichend ausgebaut und Umwelt- und Klimaschäden werden nicht in ausreichendem Maße eingespreist.

Wie beurteilen Sie das Projekt „Achim-West“? Ist ein 90 Hektar großes Gewerbegebiet und der Bau von weiteren Logistikhallen zeitgemäß? Welche Art von Betrieben sollte sich südlich des Bremer Kreuzes ansiedeln?

Dazu liegen uns keine ausreichenden Erkenntnisse vor.

Sehen Sie praktikable Alternativen zur jetzigen Wirtschaftsform? Muss nicht angesichts von massiven Umwelt- und Klimaproblemen umgesteuert und ein Schulterschluss von Ökonomie und Ökologie erreicht werden? Welchen Einfluss hat das Verbraucherverhalten?

Ja, es muss umgesteuert werden und vor allem der Schienenverkehr und Digitalisierung viel stärker gefördert sowie Umwelt- und Klimaschäden eingepreist werden. Es muss gelingen, dass es zu einer viel stärkeren Verlagerung von der Straße auf die Schiene kommt, die Digitalisierung unnötige Verkehre überflüssig macht. Weitere umwelt- und klimaschädliche Flächenversiegelungen sollten vermieden werden.

Die Fragen stellte Redakteur Michael Mix.

Bürgermeister Rainer Ditzfeld würde das Projekt „Achim-West“ gerne verwirklichen. archiv

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