Badener Jugendvilla: offener Treff für Jungen und Mädchen von 10 bis 14 Jahren

„Das ist schon ein bisschen Freestyle hier“

+
Wenn es das Wetter zulässt, halten sich die Besucher der Jugendvilla gern an der frischen Luft auf. Das weitläufige Gelände hinter der Lahofhalle lädt zu allerlei Aktivitäten ein. Unser Foto zeigt Julia Daher, Madeleine Köskeroglu, Abdallah Daher, Selin Köskeroglu und Kunsttherapeut Sven Dankleff (v.l.).

Baden - Den Container hinter der Badener Lahofhalle muss man ein bisschen suchen. Noch vor dem silbernen Flachdachbau mit dem Schriftzug „Jugendvilla“ fallen ein paar Teenager ins Auge, die auf dem riesigen Gelände mit Golfschlägern den Abschlag üben. Aufgeregt reden die Jugendlichen durcheinander. Mittendrin versucht Kunsttherapeut und -pädagoge Sven Dankleff, der für die Sozialpädagogische Familien- und Lebenshilfe (Sofa) arbeitet, die „Rasselbande“ im Zaum zu halten.

„Das ist schon ein bisschen Freestyle hier“, sagt Dankleff, der den Jugendtreff im Wechsel mit seiner Kollegin Deborah von Teubern betreut. Der Bremer ist immer montags am „Jungentag“ hier, mittwochs hat von Teubern die Aufsicht über eine aus Mädchen und Jungen gemischte Gruppe.

Dankleff, in Baden aufgewachsen, erinnert sich noch genau daran, wie es am Jugendcontainer einst aussah: „Während wir am Lahof Basi gespielt haben und geskatet sind, haben hier Punker drin gehaust.“ Auf die anarchistische Vergangenheit des Häuschens weisen drinnen noch Polizisten feindliche „A.C.A.B“-Sprühereien (steht für „All Cops are Bastards“) hin.

Auf Initiative der Stadt und des Vereins Sofa wurde der Container 2014 so gut wie möglich renoviert. Der Fußboden wurde gekachelt und die Fassade neu bemalt: Graffiti auf silbernem Grund. Der höchstens 15 Quadratmeter große Raum verströmt mit seinem gemusterten Teppich und der Sofa-Sitzecke Wohnzimmer-Atmosphäre. Zudem ist der Treff mit Kicker, Beamer, Kühlschrank und einem kleinen Backofen ausgestattet. „Hier war mal eine Bar drin, die nahm aber viel zu viel Platz ein, also haben wir sie entfernt“, so Dankleff. Mit der Wiedereröffnung im Sommer 2014 wurde der einstige „Jugendcontainer“ zur „Jugendvilla“ – ein Name, den die Teilnehmer sich gewünscht hatten.

Zweimal wöchentlich haben die Teenies hier in der Zeit von 15 bis 19 Uhr beispielsweise Gelegenheit, sich mit diversen Spielen zu beschäftigen. „Neben Outdoor-Sport wie Fußball und Basketball kann das auch mal eine Partie ‘Mensch-ärgere-dich-nicht‘ sein“, so Dankleff. „Wir probieren noch aufzurüsten für den Winter“, sagt Dankleff fast entschuldigend. „Wenn‘s kalt ist, gucken wir Filme oder spielen X-Box.“ Dafür könne der Raum noch ein weiteres gut erhaltenes Sofa gebrauchen. Derzeit dient eine Bierbank als flexibel aufstellbares Sitzmöbel. „Auch eine Küche wäre toll“, findet Dankleff. Manchmal backe man im Ofen Pizza oder Brezeln auf. Zum richtigen Kochen eigne sich das Gerät jedoch nicht.

Die zwölfjährige Alondra Daher, die in der Nähe des Badener Bahnhofs wohnt, besucht die Jugendvilla regelmäßig. „Weil es Spaß macht“, sagt sie. Oft sind auch ihre Brüder Abdallah und Nadir (beide 14) dabei. Die Zwillinge sind mit ihren langen dunklen Locken kaum voneinander zu unterscheiden. Der elfjährige Selin Köskeroglu skatet auch manchmal auf der Lahof-Anlage. Seine Schwester Madeleine (13) findet: „Zuhause ist es langweilig, da sind nur meine Geschwister, aber keine Freundinnen in meinem Alter.“ Mit Alondra könne sie am besten „Klatschspiele spielen und Witze reißen“. Als sie noch in Achim wohnte, habe sie oft das „Emma“-Mädchenmobil besucht. Auch für die Jugendvilla wünscht sie sich einen „Mädchentag“. „Das ist für den Fall angedacht, dass es uns gelingt, das Angebot auf drei Tage zu erweitern“, sagt Dankleff.

Gern erinnern sich die Teilnehmer an besondere Aktionen. Dazu gehörte ein Ausflug zum Bowlen im Rahmen der Jungenarbeit oder das Highlight diesen Sommer: Eine School‘s-Out-Party mit Graffiti, Fußball, Kickern, Häckisäck und Grillen.

Künftig könne sich das Sofa-Team eine Kooperation mit dem TV Baden vorstellen, etwa, um die Halle gelegentlich für Ballspiele zu nutzen. Der „Villa“ ein festes Programm aufzuerlegen, hält Dankleff aber für kontraproduktiv. Der Treff solle keine Fortsetzung des Schulunterrichts sein, sondern ein „Refugium, wo die Kids tun können, was ihnen Spaß macht“.

Dankleff, der als Graffiti-Künstler mit dem „Jugendkunstkommando“ die Bahnhöfe in Achim und Langwedel mitgestaltet hat, sieht sich als Unterstützer. Wenn nötig, wisse er, wie er sich Respekt verschaffen könne: „Ich habe ein dickes Fell.“ Nur in einem Punkt seien die Jugendlichen ihm eindeutig überlegen. „Den wichtigsten Soft Skill eines Sozialarbeiters beherrsche ich überhaupt nicht: Ich bin einfach superschlecht im Konsole spielen“, sagt er und lacht.

ldu

Mehr zum Thema:

Klein-Kanada im Karwendel: Mautstraßen im Tölzer Land

Klein-Kanada im Karwendel: Mautstraßen im Tölzer Land

Mercedes-AMG GT Roadster: Sturmwarnung aus Stuttgart

Mercedes-AMG GT Roadster: Sturmwarnung aus Stuttgart

Geheimdienst-Kontrolleure: Umgang mit Gefährdern neu ordnen

Geheimdienst-Kontrolleure: Umgang mit Gefährdern neu ordnen

Tim Wiese gibt Autogrammstunde in Apotheke

Tim Wiese gibt Autogrammstunde in Apotheke

Meistgelesene Artikel

Wartehäuschenbau unter keinem guten Stern

Wartehäuschenbau unter keinem guten Stern

Mit 2,24 Promille in einen Vorgarten

Mit 2,24 Promille in einen Vorgarten

Achimer Wolfgang Mindermann singt in der Elbphilharmonie

Achimer Wolfgang Mindermann singt in der Elbphilharmonie

Luther und Störtebeker zanken über Wohltaten

Luther und Störtebeker zanken über Wohltaten

Kommentare