Achim-Baden als Sprachinsel

Professor aus den USA untersucht besonderes Platt

Natürlich war auch der Badener Reiner Aucamp (r.) einer der plattdeutschen Probanden, deren Sprachbild Professor Björn Köhnlein beim Besuch an der Weser unter wissenschaftliche Aspekten unter die Lupe nahm.
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Natürlich war auch der Badener Reiner Aucamp (r.) einer der plattdeutschen Probanden, deren Sprachbild Professor Björn Köhnlein beim Besuch an der Weser unter wissenschaftliche Aspekten unter die Lupe nahm.

Achim-Baden – Irgendwie ist die Welt doch ein Dorf. Das muss man jedenfalls glauben, wenn man mit Professor Björn Köhnlein spricht. Der 44-Jährige mit deutschen Wurzeln ist Sprachwissenschaftler an der Columbus State University in Ohio. Dort beschäftigt er sich mit der Erforschung der Lautlehre deutscher Dialekte.

Der jüngste Forschungsauftrag von Björn Köhnlein, der seit zwei Jahren läuft und mit Finanzmitteln in Höhe von stolzen 436 000 Dollar ausgestattet ist, beschäftigt sich bei strenger wissenschaftlicher Herangehensweise mit Plattdeutsch.

Dabei fiel dem Professor in Amerika ein Fachbuch von Ursula Feyer in die Hände, die zuvor Mitarbeiterin des deutschlandweit renommierten Linguisten und Ethnologen Professor Dietrich Westermann (1875 bis 1956) aus Baden war. Feyer hatte in ihrer Ausarbeitung festgestellt, dass der Ort Baden eine besondere niederdeutsche Sprachinsel ist.

Da die Badener Sprachvariante über Bücher oder andere Schriftstücke schlecht zu begreifen ist, setzte sich Wissenschaftler Köhnlein kurzerhand in den Flieger nach Deutschland – erstmals vor fünf Jahren. Bürgermeister Rainer Ditzfeld verwies den Suchenden an Reiner Aucamp. Das Badener Urgestein, selbst Plattschnacker, war dem Besucher aus den USA seinerzeit bei seinen Recherchen und bei diversen Kontaktaufnahmen und Gesprächen mit Plattdütschen behilflich. Jetzt ist der Forscher aus Amerika wieder da.

„Hier in Baden ist Plattdeutsch tatsächlich noch in einer ursprünglichen und nahezu unverfälschten jahrhundertealten Form vorhanden. Diese besondere Dialekt-Ausprägung, speziell mit Blick auf die Wortendungen, gibt es anderswo nicht mehr“, sagt Köhnlein mit Blick auf die Analyse der beim ersten Besuch gemachten Interviews. „Wenn man das Badener Platt genau unter die Lupe nimmt und mit anderen Varianten vergleicht, kann man einiges über die Entwicklung des Niederdeutschen und auch anderer Sprachen und Dialekte ergründen.“

Auf den Spuren von Dietrich Westermann traf der Gast auch Joost Meyerholz (l.). Dieser war mit dem Linguisten verwandt, nach dem auch eine Straße benannt ist.

Und darum war er in den vergangen Tagen zusammen mit Kontaktmann Reiner Aucamp unterwegs, um von rund 20 plattdeutsch aufgewachsenen Zeitgenossen vorgegebene Worte und Sätze aufzunehmen. Zum Beispiel „sitten“ (sitzen) im Vergleich zum hochdeutschen Wort „Sitten“, oder „main“ (mähen) im Vergleich zum gleichnamigen Fluss. Aus den verschiedenen Betonungen, kaum hörbar, lassen sich linguistische Erkenntnisse ableiten.

Reiner Aucamp nennt die Namen einiger Probanden: Heinz Kuhlmann, Joost Meyerholz, Ada Weber, Hans-Hermann Mindermann, Rolf Elmers, Elsa Diekmann, Angelika Nixdorf, Dietrich Wilkens oder Alma Gätje. Dazu kamen aus Vergleichsgründen noch Personen aus den Nachbarorten. Die Tonaufnahmen, im Fachjargon Audiodaten, werden jetzt an der Universität in Ohio mithilfe modernster Technik in Spektogramme und Diagramme umgewandelt und ausgewertet. Dank spezieller PC-Programme erfolgt eine Analyse der Sprachgeschwindigkeit, der Silbenabstände und anderer Parameter auf Millisekunden genau. „Ich habe etliche aufschlussreiche Gespräche geführt. Die Gesprächspartner haben teilweise gar nicht gemerkt, dass sie im Dienste der Wissenschaft standen“, sagt Björn Köhnlein abschließend.

Eine Lösung für den dauerhaften Erhalt der sich im Rückzug befindenden Sprache, die noch vor wenigen Jahrzehnten von (fast) allen Norddeutschen gesprochen wurde, hat der Professor übrigens nicht. Er meint: „Schade, dass Vielen ihre Muttersprache in jungen Jahren von den Eltern oder der Schule abgewöhnt worden ist.“ Er selbst spricht kein Platt.  

Von Dieter Sperling

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