Ausstellung zum denkwürdigen Datum vor 70 Jahren im Rathaus eröffnet

Im Keller bei Kriegsende

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Bibliotheksleiter Dr. Stephan Leenen begrüßt die Gäste der Ausstellung „70 Jahre Kriegsende in Achim“.

Achim - Von Lisa Duncan. Christa Rebers erinnert sich noch genau an die Tage vor Kriegsende. Nachts schlief sie mit ihren Geschwistern in einem weißen Gitterbett im Keller, wo sie gemeinsam mit der Familie tagelang ausharrte. „Uns hat ja keiner was erzählt, Nachrichten, weder Zeitung noch Radio, drangen nicht zu uns vor“, sagt die Achimerin, die damals zehn Jahre alt war. Eine Ausstellung zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren eröffnete die Stadtbibliothek Achim gestern gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Achim und dem Stadtarchiv.

Ähnliches hat Rebers‘ Schulfreundin Christa Willenbrock erlebt. Sie habe vom Keller aus manchmal gehört, wie die Engländer das Haus durchsuchten – und dann habe sich die Familie gefragt: „Sollen wir jetzt die weiße Fahne hissen oder nicht?“ Denn „der Feind“ könnte ja erst recht misstrauisch werden, wenn sie sich dieses unter Soldaten üblichen Zeichens der Kapitulation bedienten.

Beide Frauen besichtigten gestern die Ausstellung, die sich über das Rathausfoyer, den ersten und zweiten Stock und die Stadtbibliothek erstreckt. Neben filmischen Berichten von Zeitzeugen enthält die Schau Exponate, Fotos, Zeitungsartikel und andere Textbeiträge. Zusammengestellt hat das Bibliotheksleiter Dr. Stephan Leenen gemeinsam mit FSJ-ler Mikko Bank.

„Neben Exponaten des Stadtarchivs haben wir auch das Imperial War Museum in London angefragt“, erzählt Leenen einleitend. Die Ausstellungsstücke befassen sich mit umfassenden Phänomenen wie Flucht und Zwangsarbeit, aber auch mit Einzel-Ereignissen wie etwa der Bombardierung der Uphuser Brücke. Eine der fünf Stellwände im Erdgeschoss haben Schüler des Gymnasiums am Markt (Gamma), Leistungskurs Geschichte, erarbeitet.

Die Geschichtswerkstatt hatte zuvor die Achimer dazu aufgerufen, im Privatbesitz schlummernde Archivalien beizutragen. „So kamen wir zum Beispiel an diese Reiseschreibmaschine der Marke Olympia, die vermutlich ein englischer Soldat zurückgelassen hat“, erzählt Werner Esdohr. Der erinnert sich noch ganz gut an die Nachkriegszeit, als Besucher aus Bremen mit „AE“-Kennzeichen in Achim spazieren fuhren. Das Kürzel stand für „Amerikanische Enklave“. Bei einem anderen Exponat handelt es sich, wie vom Kreisarchäologen bestätigt, um das Abzeichen des einstigen NSDAP-Heims (gegenüber des heutigen Restaurants „Da Vito“). Ein Anwohner entdeckte das eiserne Emblem vor Jahren beim Umgraben im Garten. „Vermutlich hat es jemand abgerissen und weggeworfen als die Alliierten in Achim einmarschierten“, sagt Geschichtswerkstatt-Vorsitzender Karlheinz Gerhold.

Wie Hitlers Unrechtsstaat das aktuelle Zeitgeschehen auch heute noch berührt, zeigt sich an Dokumenten über den gerade verurteilten Oskar Gröning, der für viele Morde im Konzentrationslager Auschwitz verantwortlich war. Fassungslos stehen die Bremer Zeitzeugen Magda Ventzke und Manfred Stiering vor dem Exponat. Es fallen die Worte „Elterngeneration“ und „Kollektivschuld“. „Wir haben das so lange verdrängt, darum kann ich mir heute kaum noch vorstellen, dass ich das erlebt habe“, stellt Ventzke fest. Stiering erzählt, wie er mit Grundschülern den Luftschutzbunker seiner Kindheit in Rablinghausen besuchte – und die Kleinen, darunter viele mit Migrationshintergrund, alles ganz genau wissen wollten. Die beiden gehören einem Bremer Zeitzeugen-Projekt an, wo sich das Paar auch vor rund fünf Jahren kennen lernte.

Mit Zeitzeugen befassen sich auch drei Filme von Mark Sender, Redaktionsleiter bei Radio Weser TV/Bremer Umland, die zurzeit in der Bibliothek oder auf dem Kanal selbst am Montag ab 18.10 Uhr (auch online als Live-Stream) zu sehen sind.

Zur Vernissage ließ sich zudem ein Überraschungsgast blicken: David McAllister, ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident und EU-Abgeordneter (CDU), der das benachbarte Gymnasium zur „Europawoche“ besuchte, hängte noch einige Minuten in der Stadtbibliothek dran. In seiner mit persönlichen Geschichten ausgeschmückten Rede spannte er einen Bogen zur Europäischen Gemeinschaft. „Die Alternative zu Europa heißt Nicht-Europa. Und wozu das führt, haben wir im Zweiten Weltkrieg bitter erfahren müssen“, schloss McAllister.

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