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Upcycling: Marion Kienzle aus Achim näht Taschen aus Fahrradschläuchen

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Von: Lisa Duncan

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Typische Handbewegung: In ihrem Atelier haucht Marion Kienzle Fahrradschläuchen neues Leben ein.
Typische Handbewegung: In ihrem Atelier haucht Marion Kienzle Fahrradschläuchen neues Leben ein. © Duncan

Achim – Robuste, langlebige Stoffe haben es Marion Kienzle schon lange angetan. „Herrenkleidung fand ich immer viel cooler zu nähen als Frauenkleidung. Die hat nicht so viel Firlefanz und Glitter“, erzählt die gelernte Damenschneiderin. Vor rund zehn Jahren entdeckte die Achimerin einen besonders haltbaren Werkstoff für sich: Fahrradschläuche. Ideal, um daraus Taschen zu fertigen, fand sie durch Herumexperimentieren heraus.

Das Prinzip des Upcyclings – vermeintliche Abfallprodukte werden wiederverwertet und, indem daraus etwas Neues entsteht, sogar aufgewertet – setzt sie damit konsequent um. Das Hobby mündete vor acht Jahren in der Selbstständigkeit: Kienzle gründete mit „MK-Design“ ihre Ein-Frau-Firma.

Die gebürtige Bremerin, die teilweise in Baden aufwuchs und seit rund 20 Jahren wieder in Achim wohnt, unterhält ein kleines Atelier im Dachgeschoss ihres Einfamilienhauses in Bierden. Dort verarbeitet sie Fahrradschläuche und andere Materialien zu kleinen Unikaten: Handtaschen und Shopper, darunter eine Tasche mit „Achim“-Logo oder der Aufschrift „Abgefahren“ sowie Kulturbeutel, Etuis und Portemonnaies.

Die Taschen sind auch mit Applikationen und Aufschriften – hier „Achim“ oder „Abgefahren“ – zu haben.
Die Taschen sind auch mit Applikationen und Aufschriften – hier „Achim“ oder „Abgefahren“ – zu haben. © -

Den Rohstoff für das Taschendesign holt sie sich kartonweise aus einem Fahrradladen in der Nachbarschaft („Fahrradies“). Darüber hinaus bezieht sie Autogurte von der Achimer Autoverwertung Behnke und Malzsäcke von einer Bremer Brauerei.

Die Schläuche zu verarbeiten, erfordere viel Aufmerksamkeit. „Ich schneide sie zunächst auf und wasche sie. Das ist erst mal eine unschöne Arbeit, weil Dreck und Talkum entfernt werden müssen“, erzählt Kienzle. Herkömmliche Nähmaschinen eigneten sich nicht für die Verarbeitung, denn sie könnten aufgrund der Beschaffenheit des Gummis kaputtgehen. Kienzle nutzt daher eine Profi-Maschine.

Schwarz überwiegt in der Farbgebung – das liegt in der Natur der Sache. „Es gibt auch bunte Fahrradschläuche, aber die sind zum Upcycling nicht geeignet. Sie färben ab und werden schnell brüchig“, plaudert Kienzle aus dem Nähkästchen. Die Kunststoffbahnen verziert sie mit selbst designten, maschinengestickten Motiven. Klitzekleine Stücke verarbeitet sie zu „MK-Design“-Labels. Logos, Flicken und Unebenheiten fügt sie bewusst mit ein. Das kommt bei Kunden gut an: „Mancher hat sich schon beschwert, dass auf seiner Tasche kein Flicken drauf ist“, sagt sie und lacht.

Eine Weile verdiente sich Kienzle mit Auftragsarbeiten für Maschinenstickerei ein wenig Geld dazu. Schnell wurde ihr aber klar, dass sie lieber eigene Designs entwerfen will. Erstes Feedback sammelte sie, als sie aus Stoffresten genähte Sachen auf einem kleinen Markt im Awo-Seniorenzentrum an der Leipziger Straße anbot. Dabei suchte sie auch im Internet nach Inspiration und sei dabei „durch Zufall“ auf Fahrradschläuche gestoßen. Sie begann, das Material zu verarbeiten. „Die erste Tasche kam gleich gut an“, sagt die 58-Jährige.

Fürs Nähen interessiert hat sich Marion Kienzle übrigens schon als Kind: „Meine Mutter hatte immer hochwertige Kleidung, das hat mich geprägt“, sagt Kienzle. Als Jugendliche nähte sie schon Kleidungsstücke und fand daran genug Gefallen, um in einer kleinen Schneiderei in Bremen in die Lehre zu gehen. Später studierte sie Design an der Hochschule für Künste und fasste anschließend beruflich Fuß bei der Modemarke Dornbusch in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen), wo sie für die „Camel Collection“ Hemden und Sweat-Shirts nähte. Eine interessante berufliche Phase folgte, in der Kienzle auf Messen und zu Kooperationspartnern in Frankreich, Italien und der Türkei reiste.

Außer Taschen näht Marion Kienzle Portemonnaies oder Etuis – auch mit anderen Stoffen aus zweiter Hand.
Außer Taschen näht Marion Kienzle Portemonnaies oder Etuis – auch mit anderen Stoffen aus zweiter Hand. © -

Dann zog es die Familie aus privaten und beruflichen Gründen wieder zurück nach Achim. Zunächst arbeitete Kienzle in Bremen für das „Forum Mola-Kunst“, ein kleines Museum zur Kultur der Kuna-Indianer in Panama. Sie gab Nähkurse für Kinder und Erwachsene und führte Besucher durchs Museum. Kinder konnten einen Nähmaschinenführerschein machen oder mithilfe von Drucktechnik und Upcycling etwas Eigenes herstellen. „Das kam unheimlich gut an“, berichtet Kienzle.

Als das Museum 2018 schließen musste, entschloss sich Kienzle dazu, frei zu arbeiten. Neben vereinzelter Präsenz auf Kunsthanderwerkermärkten, etwa auf dem Etelser Schlossgartenfest, begann sie, ihre Produkte auf Facebook und Instagram zu bewerben. „Ein Stand ist viel Aufwand. Außerdem gucken die Leute im Sommer, wenn viele Messen und Märkte stattfinden, nicht nach Schwarz“, so Kienzle. Über Bilder und kleine Videos, die sie auf den Social-Media-Plattformen hochlud, baute sie sich einen bundesweiten Kundenstamm auf. Inzwischen hat sie ihre eigene Website mit lizensiertem Web-Shop – 2019 rechtzeitig vor Ausbruch der Corona-Pandemie eingerichtet.

Seit 2015 gibt Kienzle Kurse beim Kunstverein Achim für Kinder und Erwachsene, unter anderem in freier Maschinenstickerei und Drucktechniken. Aus Fahrradschläuchen stellen die Kursteilnehmer nur kleine Dinge, Schmuck oder Schlüsselanhänger, her. Bei den Erwachsenen sei das Interesse zwar groß, auch Taschen aus dem Kunststoffmaterial zu schneidern, doch hier krankt es, wie erwähnt, am Gerät: „Haushaltsmaschinen halten das auf Dauer nicht aus.“

Kienzle aber ist begeistert von dem Material: „Die Schlauchtaschen fühlen sich toll an, sind außerdem abwaschbar und regendicht.“ Beachten sollte man nur, sie nicht über längere Zeit in der Sonne liegen zu lassen. „Ich mag das Ausprobieren und Experimentieren. Und dann entsteht etwas Neues“, beschreibt sie die Vorliebe fürs Upcycling. Sie ist stets offen dafür, ihr Näh-Repertoire zu erweitern. Kürzlich lernte sie einen Motorradverkäufer kennen – und stellte auf Nachfrage fest, dass Motorradschläuche verschiedene, teilweise transparente und farbige Schichten haben.

Weitere Info im Internet

https://www.marionkienzle.de/

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