Kabarettist Tretter zur Selbstinszenierung

Auch IS steht auf Selfies

+
Betont selbstverherrlichend tritt Mathias Tretter zum Klang von Richard Wagners „Ouvertüre zum Fliegenden Holländers“ auf die Bühne.

Achim - Von Ingo Schmidt. Mathias Tretter befindet sich auf bestem Wege zur göttlichen Selbsterhebung, der sogenannten Apotheose, denn der große Saal im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) war gerade groß genug für das große Publikumsinteresse. Am Sonntag präsentierte sich der Kabarettist als ein würdiger Vertreter seiner Zunft beim letzten Kabarett-Abend im Kasch vor der Sommerpause. In seinem Programm „Selfie“ beleuchtet er aktuelle gesellschaftliche Ereignisse unter dem Aspekt der heutigen medialen Möglichkeiten.

Komik ist das Make-up der Hässlichen - gut aussehen und lustig sein, das ginge nicht, und Unschöne lustige suchten ihr Glück in der Partei, lernten die Zuhörer. So erklärt Mathias Tretter seinen beruflichen Werdegang.

Dennoch selbstbewusst, bei Wagners Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, betrat er die Bühne. „Ich hätte auch Mozart wählen können“, erklärt der gebürtige Franke, aber als Österreicher einzumarschieren, sei immer noch nicht besonders populär. Dagegen böten Selfies heute eine vielfach willkommene Gelegenheit, sich mit ausgestreckten rechtem Arm abzulichten.

Katarrh und explodierende Hoden

Der Künstler erklärt weiter: „IS bedeutet Islamisten Selfie“. Die Gotteskrieger würden doch nicht Köpfe abschlagen, wenn sie das nicht hochladen könnten. Im europäischen Mittelalter hätte es ausgereicht, jemanden einfach zu töten; die Islamisten müssten dies nun regelrecht inszenieren. Ein wenig paradox: Vereinnahmen IS-Kämpfer doch moderne, mediale Errungenschaften, die sie eigentlich verteufeln.

Und was passiere eigentlich, wenn alle Ungläubigen eliminiert seien, mit all den praktischen Innovationen - dann hätte der IS nur noch Erdöl, aber nichts, wo er es hineinfüllen könnte. „Sie hätten Katarrh, aber keine Arznei.“ Und überhaupt glaube er nicht, dass die Attentäter tatsächlich Sprengstoffgürtel trügen. Das seien ihre Hoden die explodieren, wegen der sexuellen Unterdrückung im Islam.

Tretter thematisiert die neuen Medien mit ihren Möglichkeiten zur Selbstdarstellung und ihre Folge. Ein Vorteil sei zum Beispiel weniger unnützes Geschwätz, das nicht mehr laut artikuliert werde, sondern stillschweigend im Smartphone lande. Weitreichend sei inzwischen der Einfluss sprachkritischer Jugendlicher. Ökonomisch wie Kleinkinder würden sie auf Präpositionen, Akkusativobjekt und dergleichen grammatikalische Feinheiten verzichten. Nicht ohne Stolz präsentiert Tretter anschließend sein analoges i-Paper mit Faltdisplay und dem Post eines Jugendlichen: „Voll fett der Opa, den lade ich Abi-Feier“. Anschließend liefert Tretter „Klassiker für junge Leute“. Nahezu genial und in nur anderthalb Minuten präsentiert er Goethes Faust I sprachlich auf das Wesentlichste reduziert.

Und auch einen Kommentar zum aktuellen Böhmermann-Eklat konnte sich der Wahl-Leipziger nicht verkneifen: Bei steigenden Flüchtlingszahlen, Klimaerwärmung, stetig schrumpfenden Ressourcen, Zika-Virus und 45 ungelösten Konflikten auf der Welt solle man nicht über Schmähgedichte debattieren. Das wäre ja so, als würde man im dritten Stockwerk eines brennenden Wohnhauses stehen und mit einem Hamster schimpfen, weil der die Tapete angeknabbert habe.

Rasant, mitreißend und absolut sehenswert präsentiert Mathias Tretter seine Beobachtungen einer sich beobachtenden Gesellschaft. Abwechslungsreich schlüpft er dabei in unterschiedliche Charaktere und treibt gesellschaftliche Auswüchse parodistisch auf die Spitze. Mit wiederkehrenden Elementen verknüpft er unterschiedliche Sachverhalte und vereint sie zum zentralen Thema: Dem Zwang zur Selbstdarstellung durch soziale Medien, ohne aber etwas von sich preiszugeben.

Ein schönes Programm - und lustig.

Mehr zum Thema:

Auto in Menschengruppe: 73-Jähriger stirbt in Heidelberg

Auto in Menschengruppe: 73-Jähriger stirbt in Heidelberg

Bayern deklassiert HSV mit 8:0 - Auch Leipzig und BVB siegen

Bayern deklassiert HSV mit 8:0 - Auch Leipzig und BVB siegen

Wellinger und Eisenbichler jubeln bei Skisprung-WM

Wellinger und Eisenbichler jubeln bei Skisprung-WM

Premiere von "O sole mio" in Weseloh

Premiere von "O sole mio" in Weseloh

Meistgelesene Artikel

Schwerer Unfall: 24-Jähriger lebensgefährlich verletzt

Schwerer Unfall: 24-Jähriger lebensgefährlich verletzt

„Einer hat da wohl nicht mitgedacht“

„Einer hat da wohl nicht mitgedacht“

25-Jährige im Bus der Linie 711 belästigt

25-Jährige im Bus der Linie 711 belästigt

Bernhard Böden „Achimer Unternehmer des Jahres 2017“

Bernhard Böden „Achimer Unternehmer des Jahres 2017“

Kommentare