Auch Langwedel kampflos eingenommen / Tote, Verletzte und Zerstörungen an Häusern auch durch deutsche Geschosse

Engländer erobern Daverden im Handstreich

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Eine von vielen Panzersperren.

Daverden - Von Harald Gerken. Vor 70 Jahren war für Daverden der Zweite Weltkrieg zu Ende, als am 19. April 1945 die Engländer das Dorf quasi in einem Handstreich eingenommen hatten. Es gab keine Kampfhandlungen beim Einmarsch, nur noch hastiges Flüchten in die Keller der Wohnhäuser oder andere Deckungen wie in den Wald oberhalb der alten Aller. Die jungen, teilweise noch nicht einmal 17 Jahre alten und kaum ausgebildeten Soldaten hatten nur wenige Waffen. Sie mussten sich teilweise mit zwei Mann einen Karabiner teilen und waren außer in den beiden Gaststätten Gütersloh und Jahn in einigen Scheunen untergebracht. Im Morgengrauen des 19. April bekam die untere Dorfkante am Rande der Marsch noch einmal heftig Artilleriebeschuss, um die Bevölkerung und die zur Verteidigung eingesetzten jungen Uniformierten in die Deckung zu zwingen. Das waren dann häufig die Keller in den Wohnhäusern oder ihre Deckungslöcher. Nachdem die Geschütze von der gegenüberliegenden Weserseite aus schwiegen, begann auch sogleich der Einmarsch mit gepanzerten Fahrzeugen von der Marschseite aus Eissel und mit Kettenfahrzeugen auf der Hauptstraße aus Richtung Langwedel. Das war in aller Frühe und auch zu erwarten gewesen, nachdem die Briten am Vortage nach der kampflosen Einnahme Langwedels am Ortsrand vor der Goldbachbrücke Halt gemacht und die nachrückenden Einheiten hatten aufschließen lassen.

Die meisten Gefallenen gab es unter den fliehenden Soldaten, als sie von den Salven der Maschinengewehre der aus der Marsch kommenden Panzerspähwagen getroffen wurden. Diejenigen von ihnen, welche Richtung Wald oberhalb der Alten Aller rannten, waren auf dem Wege dahin ein leichtes Ziel für die Maschinengewehre.

Nicht alle Gefallenen kamen aus der „Verteidigungslinie“ unten am Dorfrand oder am Weserdeich. Erbittert gewehrt hatte sich eine kleine Einheit in einer Flakstellung auf dem Kötnerholz („Wanners Eichen“). Diese Flak-Einheit hatte am Vortag von sich reden gemacht, als es ihr offenbar gelungen war, an nur einem Tag drei englische Tiefflieger abzuschießen. Jedenfalls wurden ihr diese Erfolge laut Tagebuch der Pastoren-Enkelin Tomma Krull zugeordnet. Als Daverden längst eingenommen war, schoss deutsche Artillerie aus mehreren Richtungen ins Dorf um die Engländer zu treffen. Zu dieser Zeit harrten die Jungs in der Flakstellung immer noch aus. Sie wurden schließlich in ihrer Stellung auf dem Kötnerholz in einem massiven Einsatz aufgerieben, auch unter Einsatz von Flammenwerfern.

Ob britische Soldaten bei der Einnahme Daverdens gefallen oder verwundet worden sind, ist nicht bekannt. In der Zivilbevölkerung gab es eine schwerverletzte Frau, die hinter einer Panzersperre Deckung gesucht hatte. Sie starb wenige Tage nach der schweren Splitterverletzung. Ein weiteres Todesopfer muss der deutschen Artillerie zugerechnet werden. Das aus nördlicher Richtung kommende Geschoss landete direkt im Lichtschacht eines Kellerfensters. Eine junge Mutter verblutete vor den Augen ihrer Kinder, nachdem ein Granatsplitter ihr die Halsschlagader durchtrennt hatte. Das war am Nachmittag, während die nachrückenden Briten bereits nach deutschen Soldaten in den Kellern suchten. Einen vergleichbaren Vorfall hatte es am Morgen bei den letzten Salven der Engländer aus Intschede gegeben. Da war ein Infanteriegeschoss im Kellerfensterschacht der Gastwirtschaft Gütersloh gelandet und hatte in dem vollbesetzten Keller mehrere deutsche Soldaten und den 14-jährigen Hausbewohner erheblich verwundet. Sie wurden von den Engländern gemeinsam in das kurz zuvor eingerichtete Notlazarett Dauelsen (Gaststätte Früchtenicht) gebracht.

Der Schaden aus den deutschen Geschützen war in der Summe nicht weniger beträchtlich als die Zerstörungen aus dem elf Tage währenden Beschuss von der gegenüberliegenden Weserseite. In den genannten elf Tagen war kaum ein Gebäude im unteren Dorf ohne Treffer geblieben. Die meisten Treffer erhielt die Kirche, vermutlich weil darin deutsche Verteidiger vermutet wurden. Man muss den Engländern zugute halten, dass keine Brandgeschosse zum Einsatz kamen, anders als bei den deutschen Geschossen, die völlig sinnlos auf das Dorf niedergingen und dabei häufig mit Brandzündern versehen waren.

An der Gesamtbilanz mit mehr als 50 beschädigten Häusern und weiteren Nebengebäuden hatten die deutschen Verteidiger einen nicht geringen Anteil. Allein die vier völlig niedergebrannten Wohnhäuser gingen auf ihr Konto.

In der nächsten Folge: Englische Panzer fahren vor dem Etelser Schloss auf.

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