Ein atheistischer Missionar für das Leben vor dem Tode

Kabarettist Mathias Tretter zeigt im Kasch Weg zur gewaltfreien Welt

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Provokant und wortgewandt richtet sich Mathias Tretter gegen die Amateurkultur. Alle können alles machen: So werde Pop heute durch Helene Fischer verkörpert, einem „trällernden Eintopf in Hotpants auf der Suche nach musikalischer Ausdruckskraft“.

Achim - Von Ingo Schmidt. Kriegsbemalung oder „Comingout“? Etwas skurril, mit rotem Lippenstift geschminkt, präsentierte Kabarettist Mathias Tretter im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) sein aktuelles Programm „Pop“. Im Zwiegespräch mit Alter-Ego Ansgar wetterte er gegen Populismus und Amateurkultur.

Im ausverkauften großen Saal machte der frischgebackene Gewinner des deutschen Kleinkunstpreises öffentlich, was Zuschauern augenscheinlich war: Tretter braucht mit Mitte 40 eine Brille. Vor diesem Hintergrund stellt er sein Äußeres insgesamt auf den Prüfstand und entdeckt dabei seine weibliche, weiche Seite. „Null oder eins, Frau oder Mann, ist denn so ein duales System noch zeitgemäß?“, fragt Tretter.

Das Verschwimmen der Geschlechterrollen werde immer offensichtlicher. Aufgefallen sei ihm das zuletzt beim sogenannten „Windowing“ mit seinem Freund Ansgar beim Christopher-Street-Day in Berlin. Im Doppelripp-Unterhemd und mit Dosenbier bewaffnet hätten sie auf dem Fensterbrett gelegen und dem bunten Treiben zugeschaut.

Aber während Tretter sich neu zu erfinden sucht, denkt Ansgar epochal und plant die Gründung einer Partei. Eine populistische Gruppierung solle das sein, rechts von der AfD aber zugleich links von den Grünen. Eine Partei der Atheisten, als eine warme Gemeinschaft der Gottlosigkeit, die sogenannte PoP – Partei ohne Pardon.

In einem Zeitalter der Amateure sieht Ansgar seine Chance gekommen. Schließlich finde man Amateure heute in den höchsten Ämtern. „Alle können alles machen – das ist Pop“, erklärt der promovierte Philosoph und fordert: „Tretter, wir brauchen kreative Gestalten wie dich. Du verkörperst unsere Partei.“

Ansgar sieht im Atheismus die Lösung, denn noch kein Selbstmordattentäter habe sich bisher auf Unglaube berufen. Im Namen des Atheismus sei noch kein Krieg geführt, noch nie ein Pogrom verübt, keine Frau verbrannt, kein Ministrant belästigt, noch nie ein Kondom verboten und noch kein Vollidiot zum US-Präsidenten gewählt worden. Er wolle als erster atheistischer Missionar Gelassenheit und Lebensfreude verkünden mit einem Glauben an ein Leben vor dem Tode.

Am Erfolg habe er gar keinen Zweifel: Er müsse nur die Russen überzeugen, dann stehe einem Wahlsieg nichts im Wege.

Schlussendlich lässt sich Ansgar in der Paulskirche in Laugenstadt an der Gollach beim Stiftungsfest zum Vorsitzenden küren und hält eine feurige Dankesrede, in der er sein Parteikonzept vorstellt: Er würde Cannabis legalisieren und die öffentliche Sicherheit an Schützenvereine übertragen, weil diese bestens ausgerüstet und überall stationiert seien. So bräuchte sich die Bundeswehr nur noch der Brauchtumspflege widmen.

Mit dem Gesang eines russischen Männerchores endet der Abend ohne Zugabe, denn „nach einem kyrillischen Chor kann eigentlich nichts mehr kommen“, bemerkt Mathias Tretter und verlässt unter Applaus die Bühne.

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