Atempause für Eltern, Lehrer und Schüler unter Druck

Erich-Kästner-Schule bietet seit sechs Jahren Beratungsangebot für die inklusive Schule

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Zum BASIS-Beratungsangebot an der Erich-Kästner-Schule treffen sich die Akteure regelmäßig, um ihre Erfahrungen auszuwerten, v.l.: Gabriele Kruse (Abteilungsleiterin der Fachstelle Frühe Hilfen im Landkreis Verden), Sozialpädagogin Andrea Specker, Anke Kastenschmidt (Schulleiterin der Erich-Kästner-Schule) und Förderschullehrkraft Silke Rott-Wetzel.

Achim - Von Lisa Duncan. Schüler sind unterschiedlich: Während der eine vielleicht keine ganze Schulstunde still sitzen kann, benötigt der andere mehr Zeit für seine Aufgaben und wird zum „Klassenstörer“.

So kann die inklusive Beschulung von Kindern zur Zerreißprobe werden. Im Landkreis Verden baut die Schul-Inklusion seit sechs Jahren auf einem Fundament auf, das in dieser Form in Niedersachsen einzigartig ist. BASIS steht für „Gemeinsames Beratungsangebot der Niedersächsischen Landesschulbehörde und des Landkreises Verden zur Stärkung der inklusiven Schule“ und ist am Förderzentrum Erich-Kästner-Schule Achim angesiedelt.

„Beratungen zur inklusiven Schule gibt es in Niedersachsen zwar flächendeckend“, sagt Schulleiterin Anke Kastenschmidt, „aber in diesem Umfang nichts Vergleichbares.“ In BASIS arbeiten Förderschullehrkräfte und Diplom-Sozialpädagogen des Amtes für Jugend und Familie des Landkreises zusammen, um Kindern und Jugendlichen, die in ihrem Verhalten als schwierig erlebt werden, weiterhin den Besuch ihrer Schule zu ermöglichen und sie besser in die Klassen- und Schulgemeinschaft einzubinden, heißt es auf der Internetseite der EKS.

Die Beratung ist präventiv und freiwillig und richtet sich gezielt an Schulen und Eltern mit Kindern, deren Entwicklung im sozial-emotionalen Bereich verzögert zu sein scheint. „Wir haben gemerkt, dass wir es in diesem Bereich mit den bisherigen Ressourcen nicht schaffen“, so Kastenschmidt. Gerade an den staatlichen Schulen gehe dieses Klientel unter, weiß Kastenschmidt, die Förderschullehrer an alle 13 Schulen im Landkreis entsendet.

Privatschulen können Bedarf nicht decken

Die privaten Einrichtungen, wie etwa die Stiftung Waldheim und die Janusz-Korczak-Schule, könnten den Bedarf allein nicht decken – zumal sie Jugendliche beschulen, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf bereits festgestellt ist.

In anderthalb Jahren entwickelte die EKS-Schulleiterin daher gemeinsam mit Gabriele Kruse, Leiterin des Bereichs Frühe Hilfen im Fachdienst Jugend und Familie des Landkreises Verden, das BASIS-Konzept. „Wir haben uns erst mal andere Beratungsangebote angeschaut, in denen Jugendhilfe und Schule kooperieren“, sagt Jugendamtsleiterin Kruse. Dabei habe man sich zum Ziel gesetzt, die Kinder weiter wohnortnah zu beschulen. „Im besten Fall kommt es gar nicht zu einer Begutachtung“, so Kruse.

Für die Beratung ist immer ein Förderschullehrer und ein Sozialpädagoge im Tandem, manchmal bei den Eltern, manchmal in der Schule, unterwegs. „Dazu gehört eine Hospitation in der Klasse und Gespräche mit den Lehrkräften und Eltern“, sagt Förderschullehrkraft Silke Rott-Wetzel. Geht das Kind noch in die Grundschule, bleibt es als Gesprächspartner außen vor. Ältere Kinder werden von den Beratern befragt.

„Der Schwerpunkt liegt darauf, zu gucken, was das Kind kann und wie man die Problematik mithilfe dieser Fähigkeiten überwinden kann“, erläutert Anke Kastenschmidt. Die Berater beobachten Stärken in schulischen wie außerschulischen Situationen und versuchen sie von einem auf den anderen Bereich zu übertragen. Wichtig: Die Kinder und deren Familien sind den Beratern vorher nicht bekannt. „Denn aus der Außenperspektive, dem neutralen Standpunkt, lassen sich besser Lösungsansätze finden“, sagt Andrea Specker, Sozialpädagogin bei BASIS.

Landkreisweit betreut BASIS etwa 200 Fälle

Insgesamt arbeiten vier Sozialpädagogen und sieben Lehrkräfte mit unterschiedlichen Stundenkontingenten für BASIS. Nach einem gemeinsamen Erstgespräch teilen sich die Akteure auf, beziehen den Sozialraum, wie Sportvereine und Jugendtreffs, mit ein, und tauschen sich regelmäßig am Runden Tisch aus. BASIS betreut derzeit etwa 100 bis 120 Fälle im Primarbereich, und rund 80 im Sekundarbereich. Zur Erfolgsquote gibt es keine Erhebungen, doch Kruse wertet als Erfolg, „dass wir immer wieder angefordert werden“. Nach einer Beratung höre man selten wieder von den Kindern – maximal drei bis fünf Prozent, schätzt Anke Kastenschmidt.

Manchmal bedarf es nur einer Atempause für Eltern, Schule und Kinder, um eine Beschulung an der angestammten Schule wieder zu ermöglichen. In diese Richtung zielt das BASIS-Projekt der „Lerninsel“, das seit fünf Jahren besteht. In den Inselklassen an der EKS werden die problematisch agierenden Schüler für ein halbes Jahr im geschützten Raum unterrichtet. Der Landkreis übernimmt die Kosten für den Taxidienst. Denn nach Schulschluss sollen die Schüler zu Hause ihren Hobbys nachgehen können. Etwa 50 Prozent der Kinder gehen nach der Zeit in der Inselklasse wieder zurück an eine Regelschule, so Kastenschmidt.

Doch warum zeigen immer mehr Kinder ein sozial-emotional schwieriges Verhalten? „Dahinter steht nicht ein einzelner Faktor, sondern komplexe Zusammenhänge“, so Kastenschmidt. Gaby Kruse sieht die Wurzeln in einer „veränderten Kindheit und der Arbeitswelt der Eltern“ sowie dem Druck, dem Familien heute ausgesetzt sind. Die Problematik beschränke sich nicht auf ein bildungsfernes Umfeld, sondern ziehe sich durch alle Gesellschaftsschichten.

Eltern und Schulen, die sich an BASIS wenden, könnten auf eine vertrauliche Zusammenarbeit setzen, sagt Sozialpädagogin Specker: „Wir sind nicht das Jugendamt und wir leiten nichts an andere Abteilungen weiter.“

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