Spannender Vortrag in der Stadtbibliothek zur friedlichen Revolution vor 30 Jahren in der DDR

„Armee erhob nicht Waffe gegen das Volk“

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Hendrik Born, Ex-Admiral der Volksmarine, schilderte in der Stadtbibliothek seine Eindrücke von der Wende sowie dem Leben davor und danach.

Achim - Von Hans-Ulrich Knopp. Passend zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR und des Mauerfalls war Admiral Hendrik Born, 1988 der jüngste Offizier im höchsten Rang der Nationalen Volksarmee, in der Achimer Stadtbibliothek zu Gast. Mehr als 80 Gäste füllten die Bücherei bis auf den letzten Platz, um quasi aus erster Hand von einem „militärischen Zeitzeugen“ Informationen zur Wende und zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten zu erhalten.

Nach der kurzen Begrüßung durch Rüdiger Dürr, Vorsitzender des Fördervereins der Stadtbibliothek, und Einrichtungsleiter Dr. Stephan Leenen legte Born damit los, über sein bewegtes Leben zu berichten, das sich wie ein deutsch-deutsches Geschichtsbuch liest und über das er ein Buch geschrieben hat mit dem Titel: „Es kommt alles ganz anders“. Keine reine Biografie, wie Born anmerkte, sondern eher eine „deutsch-deutsche Geschichte eines Zeitzeugen“ über einen bemerkenswerten geschichtlichen Ablauf, auf den er selber als Akteur in militärischer Spitzenfunktion Einfluss nehmen konnte.

Born sprach in seinem Vortrag über seine Kindheit in Loitz, einer ländlichen Kleinstadt im heutigen Land Mecklenburg-Vorpommern, über seine ersten Versuche in der Seefahrt, über seine militärische Karriere mit verschiedenen Verwendungen und Seekommandos bis hin zum Studium an der Militärakademie der Seestreitkräfte der UdSSR in Leningrad, wo er im Übrigen auch seine zukünftige Ehefrau kennenlernte. Gerade hier, im Mutterland des real existierenden Kommunismus, wo eigentlich alles noch besser sein sollte als in der DDR, habe er angesichts der nicht funktionierenden, stagnierenden Wirtschaft und der Missstände in allen Bereichen „einen regelrechten Kulturschock“ erfahren, verstärkt noch durch die Glorifizierung des Staatschefs Leonid Breschnew. Der erste kleine Riss im ideologischen Gefüge des damals überzeugten Sozialisten Born war erfolgt, die Zweifel kamen und blieben, wenn auch vorerst nicht nachhaltig.

Die Schikanen, die seine zukünftige Ehefrau erleiden musste, weil sie einen „Westler aus der DDR“ heiraten wollte, bis hin zu einem Ausreiseverbot ins Bruderland DDR, hätten ihm gleich den nächsten Schock versetzt. Aber als junger Mensch denke man so etwas nicht konsequent zu Ende und glaube, dass alles irgendwie schon besser werde. „Man legt ja nicht die gesamte Weltanschauung ab, wenn man mal ein paar Probleme hat“, erläuterte Born.

Zurück in der DDR, machte er Karriere. Nach verschiedenen Verwendungen in der Volksmarine beförderte ihn Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende der DDR, 1988 zum Konteradmiral.

Eigentlich rauschte in der Deutschen Demokratischen Republik und im gesamten Ostblock von diesem Zeitpunkt an alles den Bach runter, sagte Born. Allerdings zunächst nicht für ihn persönlich: 14 Monate später wurde er noch zum Vizeadmiral befördert und zum Chef der Volksmarine ernannt. „Solche Karrieresprünge gibt es sonst nur im Krieg oder bei Revolutionen“, schmunzelte der 75-Jährige verschmitzt.

Aber alles stand bereits im Zeichen des Systemwechsels und der Veränderung. Für zwei Armeen in einem vereinten Deutschland war trotz aller gegenteiliger Aussagen der damaligen Politiker kein Platz, soll heißen, nicht nur die DDR, sondern auch die Nationale Volksarmee (NVA) galt es „aufzulösen ohne Rest.“

Das sorgte für Unruhe und auch Perspektivlosigkeit in der Armee im zivilen wie im militärischen Bereich. Interessanterweise waren es ein westdeutscher Staatssekretär namens Willy Wimmer und in der folgenden Zeit dann der Deutsche Bundeswehr-Verband, die sich kameradschaftlich und fürsorglich für Regelungen zur Übernahme von ehemaligen NVA-Soldaten in die Bundeswehr engagierten und die dafür erforderlichen rechtlichen Grundlagen erarbeiteten, informierte Born. „Von der damaligen Übergangsregierung unter Hans Modrow war in dieser Hinsicht keine Hilfe zu erwarten, die hatten andere Sorgen als die NVA.“

Oberste Maxime sei seinerzeit gewesen, das Militär so gut es ging zusammenzuhalten, Aufstände und Meutereien zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass die Soldaten der NVA niemals und unter keinen Umständen die Waffe gegen das Volk erheben. „Es galt das Primat der Politik, und unsere Politiker hatten in der Zeit des Umbruchs und des politischen Wandels klar gemacht, dass die Soldaten nicht gegen das Volk eingesetzt werden würden.“

Dass die friedliche Wiedervereinigung in der Nachbetrachtung als sehr positiv gesehen und vor allem dem friedlichen Engagement des Volkes zugeschrieben wird, hält Born für zutreffend. „Aber auch die Persönlichkeiten, die die Macht hatten und diese nicht missbrauchten, haben ihren Beitrag zur friedlichen Revolution geleistet.“ Dabei spielte das Militär keine unwesentliche Rolle.

Mit einigen kurzen Ausführungen zu seinem „zweiten“ Leben nach der Wiedervereinigung schloss Hendrik Born seinen spannenden, engagiert vorgetragenen Vortrag unter dem länger anhaltenden Applaus aller Zuhörer. Nach der Wende arbeitete der Admiral außer Dienst als Manager in verschiedenen Firmen, unter anderem beim „Bremer Vulkan“ und bei MAN in Oberhausen, wo es nach seinen Angaben seine Hauptaufgabe war, für die Unternehmen neue Märkte im Osten zu erschließen.

Mit einer Fragerunde und anschließender lebhafter Diskussion zu historischen wie auch aktuellen Themen der Sicherheitspolitik klang der kurzweilige Vortragsabend in der Bibliothek schließlich aus. Russland und Putin standen dabei im Vordergrund.

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