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„Angst und Sorge vor russischem Einmarsch“

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Von: Michael Mix

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Der Chor Tomer aus Cesis gab vor einigen Jahren, als es noch nicht Corona gab, in Achim vielbeachtete Gastspiele.
Der Chor Tomer aus Cesis gab vor einigen Jahren, als es noch nicht Corona gab, in Achim vielbeachtete Gastspiele. © Mix

Achim – So sehr die schrecklichen Bilder aus der Ukraine viele erschüttern, der Krieg in Osteuropa ist für die meisten Deutschen doch eher ziemlich weit weg. Ganz anders empfinden das die Menschen im Baltikum, etwa in Lettland und Achims Partnerstadt Cesis. Denn Russland liegt dort fast vor der Haustür, und Putin hat offen bekannt, dass er die Einflusssphäre der früheren Sowjetunion gerne wiederherstellen würde.

„Kleinen Satelliten“ wie Lettland spricht er das Selbstbestimmungsrecht ab. Wie aber geht die Bevölkerung dort mit der bedrohlichen Situation um? Was sagen die Bewohner von Cesis? Die Recherche der Redaktion gestaltete sich schwierig, auch, aber nicht nur, weil die Kontakte zwischen der lettischen und ihrer deutschen Partnerstadt infolge der jetzt schon mehr als zwei Jahre andauernden Corona-Pandemie gelitten haben.

„Ich habe vor drei, vier Wochen mit Ivar Zemitis telefoniert“, berichtet Hermann Schröder, langjähriger Vorsitzender des Fördervereins Achim-Cesis, auf Nachfrage. Bezüglich des Überfalls der russischen Truppen auf die Ukraine sei der frühere Leiter des Gymnasiums der lettischen Kleinstadt „sehr zurückhaltend“ gewesen. Zemitis, mittlerweile Mitte 80, der bei gegenseitigen Besuchen von Delegationen aus beiden Kommunen häufig wertvolle Dienste als Übersetzer leistete, gehe es gut. Er hat laut Schröder im Gespräch vor allem eines betont: „Wir sind froh, dass wir in der Nato sind.“

Dace Piesik, die aus Cesis stammt, aber seit etlichen Jahren in Achim wohnt, hat noch Verwandte in ihrer lettischen Heimat. Wie die sich angesichts des Kriegs in der Nachbarschaft und Putins Drohkulisse fühlen, oder wie sie selbst die Situation empfindet, mochte das Mitglied des Fördervereins nicht preisgeben. Der letzte offizielle Besuchskontakt zwischen den beiden Städten, sagt die nun anstelle von Zemitis als Übersetzerin fungierende Piesik, liege mehr als zwei Jahre zurück. Im Januar 2020, kurz vor dem Corona-Ausbruch in Europa, sei eine Delegation aus dem „sozialen Bereich“ von Cesis in Achim zu Gast gewesen, um sich hier über Strukturen auf diesem Sektor zu informieren.

Piesik verweist jedoch auf Lutz H. Peper; der für Bremen und Niedersachsen zuständige Honorarkonsul Lettlands könne über die Lage in dem baltischen Land kompetent Auskunft geben. Er habe zuletzt Anfang April mit der Bremer Bruderschaft „Compagnie der Schwarzen Häupter aus Riga“, die 1944 von den Russen vertrieben worden sei, die Hauptstadt besucht, berichtet der frühere Unternehmer und Politiker. „Die Not war spürbar. Die Besorgnis hat gegenüber früheren Besuchen zugenommen“, schildert er seine Eindrücke. „Sie wollen aber nicht verzagen.“ Das Ansehen der Deutschen sei wegen der „zögerlichen Unterstützung der Ukraine seitens der Bundesregierung“ gesunken, sagt Peper, der sich als ehrenamtlicher Konsul darum kümmert, die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen den norddeutschen Ländern und Lettland auszubauen. Die Balten teilten die Haltung der Regierung der Ukraine: Die dortige Armee verteidige im Krieg gegen Russland nicht nur ihr Land, sondern letztlich die Freiheit Europas.

Eine Delegation mit Bürgermeister Rainer Ditzfeld besuchte Cesis 2018 aus Anlass des 100. Nationalfeiertags Lettlands.
Eine Delegation mit Bürgermeister Rainer Ditzfeld besuchte Cesis 2018 aus Anlass des 100. Nationalfeiertags Lettlands. © Precht

Nur wenige Wochen nach Honorarkonsul Peper wollten auch Schülerinnen und Schüler des Achimer Gymnasiums am Markt (Gamma) Lettland besuchen. Doch die für Mai geplante Reise sei auf das nächste Jahr verschoben worden, allerdings nicht wegen des nahen Kriegs, erläutert Lehrer Christopher Bünte auf Nachfrage. „In Lettland gelten noch strengere Corona-Bestimmungen.“ Aber schon im September wolle eine Gruppe aus Cesis nach Achim kommen.

Er stehe in Kontakt mit mehreren Kolleginnen und Kollegen dort, sie erlebten die aktuelle Situation als „angespannt. Viele haben Angst und Sorge vor einem russischen Einmarsch“, gibt Bünte seine Eindrücke wieder. „Putins Politik empfinden viele jedoch bereits seit Jahren als Bedrohung.“

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