Dr. Angelika Saupe legt Gleichstellungsbericht vor / Kritik an zwei Chefs

Achims Stadtverwaltung im Geschlechtertest

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Auszug aus dem Grundgesetz auf Deutsch und Arabisch.

Achim - Von Manfred Brodt. Sie ist bereits die dritte Gleichstellungsbeauftragte Achims, aber es ist erst der erste Gleichstellungsbericht, den die Stadt bekommen hat. Dr. Angelika Saupe hat das 26-seitige, wissenschaftliche Ansprüche erfüllende Werk jetzt dem Stadtrat vorgelegt. Es geht um die Berücksichtigung der Belange der Geschlechter und im weiteren Sinne auch um die von Minderheiten wie Migranten und Behinderten, um Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Teilhabe.

Die Gleichstellungsbeauftragte hatte dazu in einer größeren Fragebogenaktion die verschiedenen Fachbereiche der Stadtverwaltung gefragt, um die Situation in den Jahren 2013 bis 2015 erhellen zu können. Die Antworten der einzelnen Bereiche der Stadtverwaltung fallen recht unterschiedlich aus und sind interessant.

Der Fachbereich Finanzen setzt bei der Zahlungsabwicklung Frauen und Männer gleichermaßen ein. Weitere Akzente zur Gleichstellung werden außer durch beschlossene Geldausgaben oder Personaleinstellungen in anderen Fachbereichen nicht gesetzt, sondern von der Gleichstellungsbeauftragten erwartet.

Dem Bereich „Personal“ liegen selbstredend Chancengleichheit und Anti-Diskriminierung am Herzen. Er verweist auf einen Gleichstellungsplan bis 2017, der das altersmäßige Ausscheiden vieler Mitarbeiter-innen berücksichtigt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und neue Arbeitszeitmodelle im Blick hat.

In dem Bereich „Organisation, Elektronische Datenverarbeitung“ sind drei Frauen und fünf Männer beschäftigt sowie zwei Auszubildende, männlich und weiblich. Der Fachbereich ermuntert das weibliche Geschlecht, sich in diesem Bereich zu engagieren.

Im Bürgerbüro wird der Gleichbehandlungsgrundsatz gelebt, geschlechtergerechte Sprache werde konsequent angewendet, heißt es. Auch Personen mit Migrationshintergrund und Menschen mit inter-, trans-sexueller Identität würden beim Behördengang unterstützt. Alleinerziehende Mütter und alleinstehende Senioren beachtet man ebenfalls besonders. Im Bürgerbüro stellt sich die Welt anders dar als sonst: „Ziel sollte bei zukünftigen Besetzungen verstärkt die Einstellung von Männern sein“, ist zu lesen.

„Genderneutrale

Sprachverwendung“

So ist es auch in den Kindergärten und Grundschulen, wo männliche Bezugspersonen für die Kinder fehlen, wobei das auch an der Bezahlung liegt. Der Fachbereich „Soziales“ achtet beim Schriftverkehr und Vorlagen auf „genderneutrale Sprachverwendung“. Nach der Gendertheorie wird das Geschlecht nicht nur durch die sexuellen Merkmale, sondern durch die soziale und kulturelle Prägung bestimmt.

In den Kindergärten gibt es gemeinsame Angebote für Jungen und Mädchen, werden Gleichberechtigung und Toleranz gegenüber den „Ganz-Anderen“ auch in Rollenspielen thematisiert.

Fortbildung und ein Verhaltenskodex sollen dem Generalverdacht gegenüber Männern entgegenwirken, dass sie sich zu sexuellen Übergriffen, insbesondere im Krippenbereich, hinreißen lassen könnten. Eine höchst erstaunliche Annahme.

Ganztagsangebote in Kindergärten und Schulen könnten die Gleichberechtigung in Familien fördern, ist zu erfahren.

Der Bereich „Sicherheit und Ordnung“ beschäftigt sich unter anderem mit den Marktbeschickern. Da geht es allerdings weniger um Männlein oder Weiblein, sondern um das Warensortiment, die Qualität und den Preis.

Die zu diesem Bereich gehörende Feuerwehr bleibt eine Männerdomäne, doch die Feuerwehrmänner bemühen sich redlich um weibliche Mitglieder und stellen sie in Veröffentlichungen auch heraus.

Weiterer Aspekt des Sicherheitssektors: Laternen können gerade Schwache besonders schützen, behindertengerechte Bauten Menschen mit körperlichen Handicaps das Leben in der Gesellschaft erleichtern.

Im Bereich Senioren werden besonders alleinstehende Männer angesprochen, die unter Vereinsamung litten und sich weniger engagierten als Frauen. Das bestätigt auch die Freiwilligenagentur.

Sie bringt Migrantinnen vor allem auch die Welt der Gleichberechtigung und Anti-Diskriminierung näher.

In diesem Sinne engagiert sich auch das Bürgerzentrum sehr, das für aus dem Ausland gekommene Frauen mit Kindern Nähwerkstatt, Frauentanzabende oder auch Fahrradkurse neben anderem anbietet.

Freibad, Bauhof, Friedhof und Klärwerk beschäftigen überwiegend Männer, während vor allem Frauen in der Bibliothek und bei der Gebäudereinigung zu finden sind. Der Bericht erwähnt nicht die kaufmännische Leiterin im Abwasser-bereich und die Bäderchefin. In allen Bereichen wird um das unterrepräsentierte Geschlecht geworben.

Der Fachbereich „Wirtschaft und Stadtentwicklung“ hat auf die zahlreichen weiblichen Beschäftigten und auf die Benennung von Straßen nach Frauen verwiesen. Diesem Fachbereich und dem Sektor Kultur, Sport, Bäder wirft die Gleichstellungsbeauftragte vor, keine Konzepte und Maßnahmen zur Gleichstellung zu nennen. Sie fragt, ob hier die Bedeutung der Aufgabe gar nicht gesehen werde, wo doch andere Städte hier viel vorzuweisen hätten. „Es bleibt zu klären, ob diese nicht bekannt sind oder als nicht relevant für die Stadt Achim angesehen werden, und dann warum“, erteilt sie einen Rüffel.

Interkulturelle Öffnung

des Rathauses

Wie gesagt, es geht nicht nur um Mann und Frau, und so schließt sich Angelika Saupe auch der Einschätzung des Bürgerbüros an, dass angesichts des steigenden Flüchtlingsanteils in Achim auch über eine interkulturelle Öffnung einer mehrsprachigen Stadtverwaltung nachzudenken sei.

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