Richter Andreas Minge geht in den Ruhestand

Unzählige Urteile am Amtsgericht Achim gesprochen

Andreas Minge leitete seit 1990 Strafverfahren am Achimer Amtsgericht.
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Andreas Minge leitete seit 1990 Strafverfahren am Achimer Amtsgericht.

Achim – „Ich hatte in meiner Anfangszeit in Achim den Ruf, ein harter Richter zu sein“, erzählt Andreas Minge und meint damit von ihm gefällte Urteile in Strafverfahren. Später habe sich das jedoch geändert. Warum? „Wir haben durch Revisionsgerichte viele Vorgaben, wie geurteilt werden sollte“, erklärt Minge. „Und Amtsgericht ist Massengeschäft. Wir sind gezwungen, möglichst schnell Urteile zu sprechen.“

Aber damit ist für Richter Andreas Minge nun Schluss. Nach allein 32 Jahren am Amtsgericht Achim tritt der 66-Jährige Ende 2021 in den Ruhestand. Das für Prozessbeteiligte und -beobachter gewohnte Bild, dass der Vorsitzende, ein Fußballfan, zu Beginn im Verhandlungssaal die Trainingsjacke in den Farben und mit dem Emblem von Borussia Mönchengladbach drauf gegen die Richterrobe eintauscht, wird es damit nicht mehr geben. Vom neuen Jahr an kann der Jurist, Ehemann und Vater zweier erwachsener Kinder seinen zahlreichen Hobbys nachgehen – und auf ein langes Berufsleben zurückblicken.

1955 in Rotenburg an der Wümme geboren, wuchs Andreas Minge in Bremerhaven auf, wo er auch Abitur machte. Der junge Mann entschied sich, in Berlin Jura zu studieren. „Es hätte auch Archäologie werden können“, verrät Minge ein anderes Interessensgebiet von ihm. Nach dem Referendariat in der damals geteilten Stadt sammelte er als Assessor am Landgericht und bei der Staatsanwaltschaft Verden sowie als junger Richter an den Amtsgerichten Achim, Osterholz-Scharmbeck, Rotenburg und Walsrode weitere Erfahrungen in der juristischen Praxis. Und dann, mit Mitte 30, trat Minge eine Stelle an, die er bis zum Ende seiner Laufbahn im Rechtswesen bekleiden sollte.

„Im Januar 1990 wurde ich als Lebenszeitrichter am Amtsgericht Achim ernannt“, schildert Andreas Minge. Als Nachfolger von Joachim Stünker, dem späteren Bundestagsabgeordneten, am Familien- und am Erwachsenen-Schöffengericht, „also für Strafsachen“. Mehr als drei Jahrzehnte wirkte Minge dort und prägte eine Ära, unterbrochen lediglich durch zwei kleine Abstecher. „Zwischendurch war ich 1996 kurzzeitig zum Familiensenat beim Oberlandesgericht Celle und im Jahr 2000 als Strafrichter zur Expo in Hannover abgeordnet.“

Am Achimer Amtsgericht saßen ihm unzählige Angeklagte in Strafverfahren gegenüber, „wieviele Urteile ich gesprochen habe, weiß ich nicht“. Diebstahl, Betrug gegen Behörden und Körperverletzung, „oft begangen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss“, seien wohl die häufigsten Delikte gewesen. Den an einem Amtsgericht zulässigen oberen Strafrahmen von vier Jahren hat Minge nie ausgeschöpft. „Ich habe mal dreieinhalb Jahre für eine Vielzahl von Diebstählen verhängt.“ In Erinnerung geblieben ist ihm auch der längste Prozess in seiner Karriere. „Der hat sich über ein Jahr hingezogen. Es ging um Betrug, Bestechung, Bestechlichkeit bei der Desma. Die Sache ist bis heute nicht ganz geklärt und noch in einer anderen Instanz anhängig.“

Minge war auch Familienrichter. Bei privatrechtlichen Auseinandersetzungen seien die Sachverhalte in der Regel komplizierter als bei Verkehrs- oder Einbruchsdelikten. Sein Schwerpunkt habe sich zuletzt auf die „roten Akten, also die Strafsachen“, verlagert. „Das hat mir gelegen. Strafsachen zu verhandeln, ist lebendiger.“

Bedrohliche Situationen habe er selbst in all den Jahren als Richter zum Glück kaum erleben müssen. Im Zuge einer Familienrechtsangelegenheit sei er von einem psychisch kranken Mann attackiert worden, „der hat auch mal vor meinem Haus gestanden“, berichtet der in Achim wohnende Minge.

Aber insgesamt hat ihm der Job, Recht zu sprechen, Spaß gemacht und viel gegeben. „Ich habe sogar um sieben Monate verlängert“, lässt Andreas Minge wissen. „Ich war also gerne hier Richter.“

In diesen Tagen räumt der 66-Jährige sein Büro auf, die Dankesurkunde des Landes Niedersachsen hat er schon überreicht bekommen. Und die Kolleginnen und Kollegen im Hause hätten ihn auch bereits mit einem Spruch verabschiedet: „Eine Legende verlässt das Gelände“.

Andreas Minge, dessen Stelle beim Amtsgericht Achim ausgeschrieben ist, wird es im Ruhestand nicht langweilig werden. „Am meisten begeistert mich die Drohnenfliegerei“, gibt er preis. „Ich habe alle Grundführerscheine dafür und engagiere mich bei der Rehkitzrettung in Sottrum.“ Dagegen trete er als ehrenamtlicher Fußball-Schiedsrichter nach einer Knieoperation kürzer, dafür wolle er künftig regelmäßig wieder ein Fitnessstudio besuchen. Einer, der sich nicht mehr in Akten mit zum Teil komplizierten Sachverhalten reinknien muss, hat außerdem mehr Zeit, „gute amerikanische Spielfilme“ zu gucken sowie Rock- und Soulmusik seiner Wahl zu hören. „Und dass mir die Decke nicht auf den Kopf fällt, dafür wird auch meine Frau Kathrin sorgen“, fügt Andreas Minge mit einem Augenzwinkern hinzu. „Wir brauchen ein neues Gartenhaus.“

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