Amazon und überfüllte Züge

Situation am Achimer Bahnhof etwas entspannt

Der Bahnsteig ist in diesen Tagen voll, aber nicht überfüllt, wenn die Regio-S-Bahn auf der Strecke von Verden nach Bremen um 7.49 Uhr in Achim Station macht.
+
Der Bahnsteig ist in diesen Tagen voll, aber nicht überfüllt, wenn die Regio-S-Bahn auf der Strecke von Verden nach Bremen um 7.49 Uhr in Achim Station macht.

Achim – Wenn am kommenden Sonntag der neue Fahrplan in Kraft tritt, ändert sich auf den vier Bahnlinien mit Zughalten in Achim nicht viel. Höchstens die eine oder andere Abfahrtszeit verschiebt sich geringfügig. Für das „Problem überfüllter Pendlerzüge und Bahnsteige“, von dem im Sommer nach der Inbetriebnahme des Logistikzentrums von Amazon im Uesener Feld die Rede war, gibt es auf die Schnelle keine Lösung.

Aber vielleicht ist das – zumindest vorerst – auch gar nicht nötig.

„Der Bahnsteig in Achim ist zu bestimmten Zeiten voll, aber nicht überfüllt. Und das gilt auch für die Züge“, sagt Stefan Schuster, Leiter des Straßen- und Verkehrsmanagements bei der Stadt, auf Nachfrage. Aufgrund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Ansteckungsgefahr nutzten jetzt mehr Pendler das Auto oder arbeiteten von zu Hause aus, was zum Teil auch bei den Beschäftigten von Amazon zu beobachten sei. Die von dem Konzern im Sommer genannte ÖPNV-Quote von 50 bis 60 Prozent werde aktuell „wohl nicht erreicht“. Schuster würde die ohnehin „gerne noch steigern. Aber ich sehe es schon als Erfolg an, dass sehr viele umweltfreundlich mit der Bahn pendeln“.

Eine Menge Arbeitnehmerinnen und -nehmer, die einen Job bei Amazon in Achim haben und in Bremen wohnen, aber auch aus Verden kommen, setzten sich für die Hin- und Rückfahrt in den Zug. Und stiegen dann am Achimer oder Badener Bahnhof in einen Bus der neuen Linie 705 um. Oder nutzten dort das von Amazon kostenfrei angebotene Shuttlebus-System. Andere Zugfahrer legten die 1,8 Kilometer zwischen dem Achimer Bahnhof und dem Logistikzentrum mit Fahrrad oder zu Fuß zurück, über den neu geschaffenen Weg in Verlängerung der Potsdamer Straße.

Viele Pendler nutzen für die Weiterfahrt zum Logistikzentrum auch Busse.

Dennoch sieht der Verkehrsplaner die Bahnstrecken-Betreiber in der Pflicht, Achim besser anzubinden. „Wir brauchen mittel- und langfristig mehr Züge und mehr Wagen“, konkretisiert Schuster. Im Hinblick auf die angepeilte Verkehrswende müssten alle Akteure an einem Strang ziehen. „Wir sind als Stadt dabei, auch Alternativen zum Zug zu schaffen, etwa durch den Bau des Radschnellwegs.“

Die Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) Niedersachsen, mit deren Vertretern Stefan Schuster gemeinsam mit dem Ersten Stadtrat Daniel Moos unlängst über die Lösung des „Pendlerproblems“ beraten hat, tritt erst mal auf die Bremse. „Wir haben geprüft, ob die Züge der Regio-S-Bahn um 6.49 Uhr und 7.49 Uhr verlängert werden können, dafür stehen aber keine Wagen zur Verfügung, die würden an anderer Stelle im Netz fehlen“, antwortet Pressesprecher Dirk Altwig auf Nachfrage. Morgens, bei der Heimfahrt der Amazon-Nachtschichtler Richtung Bremen, gibt es seiner Ansicht nach also im Wesentlichen den Engpass. Aber auch verlängerte Züge würden im Übrigen „noch nicht genug Plätze für bis zu 200 zusätzliche Fahrgäste haben“.

Die Landesnahverkehrsgesellschaft spielt den Schwarzen Peter dem Onlinehändler zu. „Aktuell ergibt sich nur eine Lösung, wenn Amazon seine Schichtzeiten nur um etwa eine halbe Stunde verschieben würde“, lässt Altwig wissen. Dann könnten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nach nächtlicher Maloche am Morgen Feierabend haben, am Achimer Bahnhof den Regionalexpress um 7.26 Uhr oder den um 8.26 Uhr gen Bremen erreichen. „Diese Doppelstockzüge haben Platz für eine große Zahl zusätzlicher Reisender.“

Die LNVG habe dem Unternehmen und der Stadt Achim „eine Prüfung von einzelnen zusätzlichen Fahrten von Regionalexpress-Zügen in der Hauptverkehrszeit ab Dezember 2024 zugesagt. Ab dann werden wir unsere neuen Doppelstockzüge zwischen Hannover und Bremen einsetzen“. Abhilfe könnte Altwig zufolge langfristig auch der angestrebte 30-Minuten-Takt im Regionalverkehr zwischen Hannover und Bremen schaffen.

Amazon, das am Standort Achim im Normalbetrieb rund 1 800 Menschen beschäftigt, aber die Belegschaft seit dem Herbst um 800 Kräfte aufgestockt hat, sieht in der Angelegenheit für die nahe Zukunft keinen Handlungsbedarf mehr. „Mit dem regulären Ende des Weihnachtsgeschäfts werden ab Januar weniger Mitarbeiter in der Nachtschicht arbeiten. Damit wird auch die Zugauslastung sinken“, teilt Pressesprecher Michael Schneider auf Nachfrage mit.

Den Vorschlag der LNVG, die Nachtschichten in den verschiedenen Abteilungen rund eine halbe Stunde nach hinten zu verschieben, hält er für kaum zielführend. Wenn Amazon eine Schichtzeit ändern würde, müssten auch die Folgeschichten angepasst werden, gibt Schneider zu bedenken. Zudem würden die Mitarbeiter aus der Spätschicht nicht mehr nach Hause kommen, da es dann in Bremen keinen Anschluss mehr an den dortigen Nahverkehr gebe.

Der Fahrgastverband Pro Bahn kann sich indes eine unkonventionelle „kurzfristige Lösung“ auf der Schiene vorstellen. „Man könnte sehr wohl morgens zusätzliche Züge ab Achim fahren lassen, ohne dafür zusätzliche Fahrzeuge zu benötigen“, sagt Malte Diehl, Vorsitzender des Landesverbands Niedersachsen / Bremen.

Die am Bremer Hauptbahnhof endende Regio-S-Bahn aus Bad Zwischenahn, die um 6.44 und 7.44 Uhr ankommt, oder die Regionalbahn aus Richtung Vechta, die in Bremen Hbf um 6.38 und 7.38 Uhr eintrifft, hätten vor ihren planmäßigen Rückfahrten genügend Zeit, bis nach Achim durchzurauschen. „Dort kann dann der Zug nach kurzer Wende auf dem dritten Bahnsteiggleis um 6.57 Uhr beziehungsweise 7.57 Uhr nach Bremen zurückkehren“, schlägt Diehl vor. Und nennt einen Haken bei der Sache: „Natürlich müssen die zusätzlichen Zugkilometer bezahlt werden.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Halterin aus Morsum ärgert sich über freilaufende Hunde

Halterin aus Morsum ärgert sich über freilaufende Hunde

Halterin aus Morsum ärgert sich über freilaufende Hunde
Drei Mehrfamilienhäuser fürs Lindenquartier

Drei Mehrfamilienhäuser fürs Lindenquartier

Drei Mehrfamilienhäuser fürs Lindenquartier
Online-Marktplatz und ein dicker Happen

Online-Marktplatz und ein dicker Happen

Online-Marktplatz und ein dicker Happen
Waldschlößchen Daverden: Mehr als viel Arbeit und brennende Füße

Waldschlößchen Daverden: Mehr als viel Arbeit und brennende Füße

Waldschlößchen Daverden: Mehr als viel Arbeit und brennende Füße

Kommentare