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Gaskrise verängstigt Kunden und Heizungsbetriebe sind am Limit

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Von: Manfred Brodt

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Sven Guse und sein Team versorgen am Badener Steinkamp zehn neue Häuser mit Wärmepumpen.
Sven Guse und sein Team versorgen am Badener Steinkamp zehn neue Häuser mit Wärmepumpen. © Brodt

Achim – Gas ist plötzlich vom Wohlfühlfaktor für alle Wohnenden zum großen Aufreger geworden. Woher die Energie und das Geld nehmen, wenn Putin den Gashahn zudreht? Was macht das mit den direkt Betroffenen, den Heizungsfachbetrieben und ihren Kunden im Raum Achim?

Antworten auf diese Frage zu bekommen, gestaltet sich gar nicht so einfach. Die Ansprechpartner in zwei renommierten Heizungsfachbetrieben geben uns freundlich, aber bestimmt „einen Korb“. Aus dem ersten hören wir, mehrere Mitarbeiter seien krank, und die verbliebenen arbeiteten neun Stunden am Tag bis zur Erschöpfung, kämen gar nicht mehr ins Büro zurück. Nein, selbst für ein Treffen von fünf Minuten hätten sie keine Zeit. Vielleicht im September.

Gaskrise: Woher die Energie und das Geld nehmen, wenn Putin den Gashahn zudreht?

Vom Chef des zweiten Betriebes klingt es ähnlich. Auch er bittet um Verständnis, dass sie alle arbeitsmäßig überlastet seien und er jetzt auch keine zehn Minuten Zeit habe für ein Telefongespräch zum Thema. Und dann bricht es aus dem Mann, der wohl physisch und psychisch an seine Grenzen geht, doch heraus und er äußert sich ungeschminkt zur ganzen Energiesituation. Aber das ist nicht für die Veröffentlichung.

Zwei Heizungsfachbetriebe, die trotz der Flaute bei neuen Gasheizungen oder gerade deswegen mit Arbeit überlastet sind, stehen uns dann doch für ein Gespräch bereit.

Marion Guse, Geschäftsführerin von Guse Heizungsbau in Baden, sieht die entstandene Notsituation auch selbstkritisch, denn seit 20 Jahren sei doch bekannt, dass Gas und Öl nicht unerschöpflich vorhanden seien, dennoch habe die ganze Gesellschaft von Politikern, Wirtschaft bis Verbrauchern sich viel zu wenig Gedanken gemacht über alternative Energien und Energieeffizienz. Zur Zeit überschlügen sich die Ereignisse, auch rund um ihren Betrieb. Viele Menschen wollten plötzlich Wärmepumpen, doch die hätten Lieferzeiten von sechs bis acht Monaten. Etliche, die einen Neubau planten, bestellten deshalb auch gleich die entsprechnde Heizung mit Wärmepumpe und Solarenergie, damit das Haus beim Einzug beheizt werden könne. Manche müssten dann aber auf der Strecke auf ihr zu teuer gewordenes Haus ganz verzichten.

Gas: Heizungsfachbetriebe am Limit

Wärmepumpen, die die Wärme der Umluft aufsaugen und für Heizung und Warmwasser nutzen wie ein umgekehrter Kühlschrank, sowie Solardächer erscheinen im Moment als die Lösung, jedoch vorwiegend für Neubauten, aber nicht für völlig ungedämmte alte Häuser, die Wärme raus- und Kälte reinlassen. Allerdings, so Sven Guse, Meister für Heizungsbau und Installation, arbeiteten die neueren Wärmepumpenmodelle auch bei älteren Häusern schon ganz gut. Er verweist für solche Häuser auch auf die Möglichkeit der Hybrid-Lösung, eine Kombination aus Gasheizung und Wärmepumpe, bei der die Gasheizung nur anspringt, wenn die Wärmepumpe nicht genug liefert.

Auf jeden Fall müsse man im Einzelfall überlegen und entscheiden, ob eine Umrüstung der Heizungsanlage sinnvoll sei.

Marco Tavenrath mit einem Dreifachmix auf einem Fleck: Gasbrennwertkessel, Solartechnik und Holzheizung.
Marco Tavenrath mit einem Dreifachmix auf einem Fleck: Gasbrennwertkessel, Solartechnik und Holzheizung. © -

In vielen Fällen ist das so, meint Sven Guse, dessen Firma in diesem Jahr 30 Wärmepumpen einbaut. Er macht eine einfache Rechnung auf: Der Gaspreis in Achim hat sich binnen eines Jahres vervierfacht auf bald 16,42 Cent pro Kilowattstunde, der Strompreis pro Kilowattstunde geht bis 30 Cent, die mit Strom betriebene Wärmepumpe macht aber aus einer Kilowattstunde Strom selbst bei niedrigsten Temperaturen dreieinhalb. Wird der Strom von Sonnenkollektoren geliefert und setzt sich die Preisexplosion bei Gas und Strom fort, wird der Vergleich noch drastischer.

Richtig sei es auf jeden Fall, wenn jetzt Kunden, die sich lange nicht um die Wartung unf Einstellung ihrer Heizung gekümmert hätten, dies jetzt nachholten.

Zu den vielen Aufträgen zur Zeit kommt das knappe Personal. Die Geschäftsführerin des Ausbildungsbetriebs, Marion Guse, schimpft, den jungen Leuten sei doch jahrzentelang erzählt worden, sie müssten studieren und sollten ja nicht im Handwerk oder gar auf dem Bau arbeiten. Das räche sich nun.

An Sparen auch bei der Energie kommen wir aus ihrer Sicht nicht vorbei: „Niemand muss bei 28 Grad beheizter Zimmertemperatur im T-Shirt rumlaufen. Er kann auch mal einen Pullover tragen.“

Trotz aller Kritik auch an den „Kriegsgewinnlern“, die ungerechtfertigt jetzt große Gewinne machten, und des Putinschen Drohszenarios ist sich die Geschäftsführerin sicher: „Niemand muss im Winter frieren.“ Die organisierten Flüssiggasmengen und andere Maßnahmen würden die Menschen davor bewahren. Mit einem neuen Paket zum Energiesparen will Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Gasspeicher voller bekommen und private Haushalte mehr in die Pflicht nehmen.

Etwas pessimistischer sieht das Marco Tavenrath vom gleichnamigen Fachbetrieb im Ueser Gewerbepark, der auch mit Aufträgen ausgebucht ist. Der Chef kann beim Blick in die Glaskugel auch nicht die Zukunft voraussehen, ist aber gelegentlich schon mal etwas ratlos. Was soll er einer alten Frau sagen, die in einem alten Haus aus den 60er-Jahren wohnt, die mit ihrer kleinen Rente bald die teure Gasheizung nicht mehr wird bezahlen können, aber eine Dämmung des Hauses plus alternativer Heizung erst recht nicht finanzieren kann? Soll er ihr zu einer Elektroheizung mit teurem Strom raten oder gar empfehlen auszuziehen? Er hat in diesem Fall der alten Dame gesagt, sie solle erst einmal das Gespräch mit einem Energieberater suchen, denn Tavenrath will sie ja bestimmt nicht in ein Abenteuer stürzen.

Angst und Panik stellt der Firmenchef bei einigen seiner Kunden fest, obwohl sich bei der augenblicklichen Hitzewelle viele noch gar nicht solche Gedanken machten. Das werde mit den kalten Jahreszeiten erst richtig kommen.

Klar heißt auch für ihn eine Lösung Wärmepumpe und Solardach. Was aber, wenn das Dach schon in die Jahre gekommen ist und bald erneuert werden muss? Sicher wäre es da nicht ratsam, ein Solardach draufzupacken, sondern besser die Installation der Solarzellen gleich mit der Erneuerung des ganzen Daches zu verbinden. Das Geld dafür muss der Kunde aber auch erst einmal haben. „So greift ein Rädchen ins andere. Ein Patentrezept gibt es nicht“, sagt Tavenrath.

Ein Teil der Krise ist aus Sicht des Firmenchefs hausgemacht. Er kritisiert „Goldgräber“. So hat er festgestellt, dass ein wasserführender Kaminofen gegenüber den Preisen vom Jahresanfang jetzt das Zwanzigfache koste. „Inflation hin oder her. Das kann mir keiner erzählen, dass das gerechtfertigt ist.“

Der Betrieb leidet ebenfalls unter Personalmangel, obwohl er vorbildlich ausbildet. In der Regel immer zwei Lehrlinge. Doch die verlassen nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung allzu oft den Betrieb. Warum?

Marco Tavenrath: „Der eine fährt zur See, der andere macht dies oder das. Der Beruf ist nicht der leichteste. Man arbeitet mit schweren Heizkesseln und oft auch im Dreck. Die wenigsten jungen Leute haben dafür Zeit und Lust. Da ist es doch reizvoller, mit irgendeinem Mist auf Youtube das große Geld zu machen“, sagt er trotz allem mit einem Anflug von Humor.

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