Allheilmittel oder Krankmacher?

Düngen mit Gülle: Fachleute diskutierten im Rathaus

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Nicht die Gülle an sich, sondern der Überschuss an Nährstoffen seien bei der Düngung oft das Problem, so die Experten. 

Achim - Für die einen stinkt es, für die anderen riecht es nach Arbeit – beim Thema Gülle gehen die Meinungen weit auseinander. Vor allem in direkter Nachbarschaft zu Feldern und Äckern beklagen sich die Anwohner oft über die Auswirkungen von Gülle. Um das Thema näher zu beleuchten, hatte die Stadtverwaltung am Mittwoch zu einem Informationsabend mit dem Titel „Versorgung der Äcker mit Gülle oder Gülleentsorgung?“ eingeladen. Rede und Antwort standen Kreislandwirt Jörn Ehlers, Silke Brünn, Leiterin des Fachbereichs Wasser, Abfall und Naturschutz beim Landkreis Verden, sowie Tilman Uhlenhaut, stellvertretender Geschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Niedersachsen. Als Vertreter der Landwirtschaftskammer waren Reno Fumanek (Leiter der Düngebehörde), Christian Marquardt (Wirtschaftsberater) und Birgit Blum (Überwachung Düngerecht) zu Gast.

Während Reno Fumanek ausführlich die Kontrollmechanismen für die Einhaltung der Düngeverordnung erklärte („Eine ordnungsgemäße Düngung ist wichtig, der landwirtschaftliche Betrieb muss die Überprüfung durch uns aber dulden, das ist gesetzlich festgelegt“), hatte Kreislandwirt Jörn Ehlers handfeste Zahlen parat: Insgesamt nehmen die 45 000 Hektar landwirtschaftliche Fläche fast 70 Prozent des Landkreises ein, 13 Prozent sind Wald, zitierte er das landwirtschaftliche Fachgutachten aus dem Jahr 2015. 63 Prozent der Landwirte seien im Haupterwerb tätig. „In Achim sind die Betriebe auf Ackerbau spezialisiert“, erklärte er den Zuhörern.

Tilman Uhlenhaut stützte sich in seinen Ausführungen auf den Nährstoffbericht des Landwirtschaftsministeriums. Demnach waren im Düngejahr 2017/2018 in Niedersachsen 50 000 Tonnen mehr Stickstoff und 24 000 Tonnen mehr Phosphat in die Umwelt gelangt als für die Düngung notwendig gewesen wäre. Dieser Überschuss belaste nicht nur das Grundwasser, sondern auch die Luft, das Klima und die Artenvielfalt. „Es braucht politische Maßnahmen und ein Umbauprogramm für intensive Massentierhaltung.“

Die Zuhörer, darunter auch Landwirte und Ratsmitglieder, störten sich vor allem an dem ihrer Meinung nach zu geringen Abstand zu Gewässern bei der Ausbringung von Gülle. „Reicht ein Meter aus?“, wollte auch BUND-Vertreter Uhlenhaut wissen. Andere Bundesländer hatten beispielsweise einen Mindestabstand von fünf Metern. „Ein Meter ist viel zu eng, sogar die Kröteneimer sind mit Gülle bespritzt. Wir brauchen sichere Abstände, damit sich die Tiere dort aufhalten können“, forderte ein Zuhörer. Sie bedauere es sehr, dass Niedersachsen einen anderen Weg gegangen sei als andere Länder, „aber meine Behörde muss umsetzen, was im Gesetz steht“, sagte Landkreismitarbeiterin Silke Brünn.

Multiresistente Keime und Nitrat im Grundwasser seien Auswirkungen des Düngens, „und die Verursacher werden nicht belangt“, beklagte ein Zuhörer. Dem widersprach Birgit Blum: Die Landwirtschaftskammer habe im vergangenen Jahr über Datenabgleich und Kontrollen die Einhaltung der 2018 in Kraft getreten Düngeverordnung überwacht. 4 160 Beanstandungen habe es gegeben, oftmals mit Bußgeldern, die sich vielfach im fünfstelligen Bereich befänden.

Laut Kreislandwirt Ehlers lag der Nitratmittelwert in den vergangenen zehn Jahren an der Messstelle Uesen bei 12,2 Milligramm pro Liter und damit weit unter dem zulässigen Grenzwert (50 Milligramm pro Liter). Landwirte könnten nicht komplett auf die Gabe von Antibiotika verzichten, der Verbrauch sei jedoch gesunken. „Die Hygiene in den Ställen wurde stark verbessert“, sagte Ehlers. Außerdem würden die Tiere vermehrt geimpft.

Er könne sich nicht vorstellen, dass Landwirte aus Spaß so viele Tiere hielten und riesige Flächen bewirtschafteten, „Wie groß ist die Hürde, aus diesem Prinzip auszusteigen und direkt zu vermarkten?“, wollte er vom Kreislandwirt wissen. „Die Bereitschaft der jungen Landwirte, nach links oder rechts zu schauen, ist da, aber die Umsetzung hängt von vielen Faktoren ab“, so Ehlers. Zum Beispiel, ob sich die Lage des Hofs für die Direktvermarktung eignet. „Entscheidend ist aber, wie sich der Verbraucher an der Ladentheke entscheidet.“

Christian Marquardt von der Landwirtschaftskammer regte an, Schweinen mehr Platz zu bieten und somit weniger Fleisch zu produzieren. „Das kommt den Tieren, dem Klima und überhaupt allen zugute.“ Seiner Meinung nach haben sich die Menschen von der Landwirtschaft entfremdet. „Für mich riecht Gülle nach Arbeit und weckt Kindheitserinnerungen.“

Pro Gülle 

Vollwertkost für unsere Äcker - Von Jörn Ehlers (Kreislandwirt) 

Gülle und organischer Dünger sind quasi die Vollwertkost für unsere Äcker, es gibt nichts Besseres. Denn darin ist alles enthalten, was unser Boden und unsere Pflanzen brauchen, und das macht diesen Dünger so wertvoll für die Landwirtschaft. Das kann nicht durch mineralischen Dünger ersetzt werden. Man muss aber wissen, dass der angesprochene Nährstoffüberschuss nicht nur dann gegeben ist, wenn ich Gülle ausbringe. Das kann man auch mit mineralischem Dünger schaffe. Schaden kann ich mit beidem anrichten, es kommt dabei immer auf die Balance und auf eine gute Ausbildung an. Bei uns in der Region, speziell aber in Achim, gibt es eher einen Mangel an organischem Dünger als einen Überschuss. Deshalb sehe ich beim Thema Gülle keinen großen Handlungsbedarf, aber es gibt sicherlich noch ein paar Stellschrauben, an denen man drehen kann. So könnte man noch genauer werden in der Ausbringung des Düngers und im gesamten Handling damit.

Kontra Gülle 

Die Überschüsse sind das Problem - Von Tilman Uhlenaut (Bund) 

Wir vom BUND glauben, dass wir strengere Gesetze brauchen, damit die Nährstoffüberschüsse durch Gülle nicht zur Belastungen für die Umwelt werden. Denn nicht die Gülle an sich ist das Problem, sondern die Überschüsse. Wir produzieren zu viel Gülle, bedingt durch die Massentierhaltung und durch die Biogasanlagen, deren Gärreste ebenfalls auf die Felder aufgebracht werden. Das kann man aber nicht auf freiwilliger Ebene lösen. Man muss die Tierbestände in der Region Vechta /Cloppenburg reduzieren, denn dann geht man die Ursache an, und nicht die Symptome. Weniger Masse, dafür mehr Klasse. Das könnte über mehr Platz für das einzelne Tier und dadurch andere Fütterung erreicht werden, dann könnten die Landwirte berechtigterweise auch höhere Preise nehmen. Aber das ist ein Systemwechsel, da müssen nicht nur die Bauern mitmachen, sondern auch die Schlachtbetriebe, der Handel und der Staat – und nicht zuletzt der Verbraucher, der am Ende mehr bezahlen muss.

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