Früherer Badener André Bode nimmt für Reisemitbringsel 1 300 Kilometer mit dem Rad auf sich

Alles für ein Glas Leberwurst

Feierlicher Wurstaustausch: Andre (l.) und Helge Bode in Winterthur.
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Feierlicher Wurstaustausch: Andre (l.) und Helge Bode in Winterthur.

Achim – Verrückte Ideen entstehen meist spontan. Vielleicht hat es vorher schon ein paar Gedankenfetzen gegeben. Doch dann in einem Gespräch womöglich bricht sich das Außergewöhnliche plötzlich Bahn und nimmt Gestalt an. Und dann gibt es kein Zurück mehr.

So ungefähr muss es bei den früheren Badenern André und Helge Bode gewesen sein. André lebt in Bredenbek in Schleswig-Holstein, Helge in Kollbrunn bei Winterthur in der Schweiz. Bei einem Telefonat Anfang des Jahres sprachen sie über dies und jenes: dass André inzwischen viel mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, aber auch von früher, von der Landschlachterei Tödter in Posthausen zum Beispiel und dass Helge deren Leberwurst so gerne isst. Weil ohnehin mal wieder ein Treffen der Geschwister anstand, versprach André seinem jüngeren Bruder: „Die bring ich dir.“ – „Mit dem Fahrrad?“ – „Ja, klar!“

Ab dem Zeitpunkt ging es für den 49-Jährigen an die Vorbereitung. Der Internist am Rendsburger Krankenhaus fuhr nun noch konsequenter mit dem Rad zum Dienst, „mit Umwegen“, kaufte ein Touren-Rennrad und machte sich an die Ausarbeitung der Etappen für die rund 1 300 Kilometer lange Reise.  Bekannte und Kollegen zeigten ihm den Vogel: „Das machste nie.“– „Du spinnst doch.“ – Die halbe Strecke fährst du mit dem Auto.“ Das waren nur einige Reaktionen. Doch André Bode ließ sich nicht von seinem Plan abbringen. Weder vom gesundheitlichen Aspekt, dass er seit sieben Jahren Diabetiker ist. „Das war meine zweite Challenge neben der Belastung durchs Radfahren.“ Noch durch die Corona-Pandemie, die ihn beruflich erheblich fordert(e).

Mit einem Tour-T-Shirt von der erwachsenen Tochter bestückt, ging es Ende August los, und zwar denkbar schlecht: „Die ersten 400 Kilometer hatte ich nur Regen und Gegenwind.“ Schon in Verden musste ein neuer Satz Kleidung gekauft werden.

Zwar begleitete ihn seine Frau Ulrike mit dem Kleinbus – „das war der Wasserwagen“ – doch die Etappen musste André Bode allein bewältigen. Selbstverständlich ohne elektrische Unterstützung. Über E-Bikes rümpft er die Nase.

Bei endlich besserem Wetter stiegen aber auch die Anforderungen der Strecke, spätestens in Hessen. „Als ich in der Jugendherberge in Lauterbach lag, fragte ich mich, wie ich nur nach Frankfurt kommen sollte“, rekapitulierte er die Strapazen der Kasseler Berge. Beim Besuch einer Freundin in Oberursel stand statt eines Ruhetages eine unverhoffte Zehn-Kilometer-Wanderung im Taunus an. Und der Schwarzwald mit seinen Steigungen gab André Bode den Rest. Doch ans Aufgeben dachte er nicht eine Sekunde. Als Mediziner weiß er, wie er seinen Blutzucker kontrollieren muss, wann und wie viel er essen und trinken musste: „Die Kalorienmenge von vier Familienpizzas und bis zu acht Liter Wasser. Trotzdem habe ich sieben Kilo abgenommen.“

Die Landschaft entschädigte ihn für vieles: die Mammutbäume im Taunus etwa, oder die Rheinauen – so nur erlebbar mit dem Rad. „Man glaubt, man ist in den Everglades (Feuchtgebiet in Florida, d. Red.); ferner der beeindruckende Schwarzwald oder die imposanten Blöcke des Groß-Kohlekraftwerks in Mannheim, die ihn freilich zum Nachdenken über unsere Energieversorgung anregten. Entsprechend fiel eine Erkenntnis Bodes aus, dass es in Deutschland sehr schön ist. Man müsse nicht in den Urlaub fliegen.

Eine weitere Erkenntnis: Man kann solch eine extreme Tour mit täglich mehr als 100 Kilometern schaffen, auch wenn man anderen vielleicht als „ein bisschen bekloppt“ erscheint. Am Ende stand für André Bode eine Katharsis, eine Art mentale Reinigung, die nach teils stundenlangem meditativen Radfahren einsetze.

Und die Leberwurst? Helge Bode kam seinem drei Jahre älteren Bruder für die letzte Etappe bei Winterthur entgegen. Abends wurde dann die kostbare Fracht überreicht. Im Gegenzug gab es Schweizer Cervelatwurst, eine besondere Brühwurst. Die hat André Bode dann aber nicht mehr mit dem Fahrrad nach Schleswig-Holstein gebracht.

Von Philipp Köster

Die Route
Sportliche Herausforderung – atemberaubende Landschaft: der Schwarzwald.
Wäschetrocknen auf einem Campingplatz bei Höxter.

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