Ärztin schlägt Alarm: Schwere Erkrankung oft auch tödlich

Model als Vorbild – mehr und mehr Mädchen magersüchtig

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Achim - Von Michael Mix. Dr. Petra Gölz, Kinder- und Jugendärztin in Achim, schlägt Alarm. Vor allem immer mehr Mädchen und junge Frauen litten unter Magersucht – mit für die Betroffenen und ihre Familien oft dramatischen Folgen, machte die Medizinerin am Mittwoch bei einem Vortrag im Ratssaal deutlich.

Dr. Petra Gölz klärte über Magersucht auf.

Zusammen mit zahlreich gekommenen Vertretern von verschiedenen Einrichtungen, die mit Heranwachsenden, vielfach auch mit schwer Erkrankten, zu tun haben, wurde anschließend nach Auswegen aus der Misere gesucht. „Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu“, stellte Gölz zu Beginn ihres Vortrags fest. Das weibliche Geschlecht sei deutlich häufiger betroffen, insbesondere 13- bis 19-Jährige, aber auch mehr und mehr Jungs und sogar schon Mädchen im Grundschulalter zählten bundesweit, aber eben auch bei ihr in der Praxis zu den Patienten mit der Diagnose „Anorexia nervosa“ (Magersucht) oder einer verwandten Erkrankung wie der als Bulimie bezeichneten Ess- und Brechsucht. In der Regel falle bei ihnen eine „extreme Gewichtsabnahme“ auf.

Aber was sind die Ursachen für diese Krankheit? Übergewicht im Kindesalter, ein hoher Anspruch der Eltern gegenüber ihrem Nachwuchs oder „Diätverhalten in der Familie“ könnten dabei nach Angaben von Gölz eine Rolle spielen. Laut Befragungen seien die Hälfte der weiblichen Jugendlichen mit ihrem Aussehen unzufrieden. Dahinter stecke häufig mangelndes Selbstwertgefühl und das „Phänomen der unterschiedlichen Wahrnehmung“ – tatsächlich Dürre fühlten sich dick.

„Und wenige Wochen nach einer Fernsehsendung, moderiert von einer Deutschen, kommt es in meiner Praxis zu einem Ansturm von Eltern, die mir entsetzt berichten, dass ihre Tochter hungert“, schilderte die Ärztin. Den Namen Heidi Klum und das Format „Germany's next Topmodel“ ließ sie aus Angst vor möglichen juristischen Konsequenzen lieber unerwähnt.

Symptome einer Magersucht seien unter anderem eine betont langsame Nahrungsaufnahme von Minimengen oder der Verzehr von Baby- und Kleinkinderkost. Die Gedanken dieser jungen Leute kreisten ausschließlich um Figur und Gewicht. Viele entwickelten ein Schwarz-Weiß-Denken, mit Depressionen einhergehend, Rückzugsverhalten, Zwänge, Ängste, Drogensucht, kriminelle Energie.

Für Angehörige bedeute das meist eine „riesige Belastung. Es kommt zu brutalen Konflikten in der Familie“, weiß Petra Gölz.

Die Achimer Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Ursula Seibert sprach von einem „dramatischen Jahr“, das sie vor Ort erlebe. Sogar Achtjährige litten schon unter dieser Erkrankung.

Gölz hielt deshalb neben Ernährungs- und Psychotherapie für die Betroffenen „über mindestens sechs bis zwölf Monate“ ein Präventionsangebot bereits in der Grundschule für notwendig. „Wir werden was auf die Beine stellen“, kündigte Stephan Schaper, Leiter des Allgemeinen Sozialdienstes beim Landkreis Verden, an.

Dr. Martin Langenbeck, Internist am Rot-Kreuz-Krankenhaus in Bremen, bezeichnete die Sterblichkeitsrate von zehn Prozent bei Magersüchtigen als dramatisch. Aber auch frühzeitige Unfruchtbarkeit bei Frauen, Folgeerkrankungen wie Herz- und Nierenschwäche oder ein stark erhöhtes Knochenbruchrisiko bereits im jungen Erwachsenenalter setzten den Patienten erheblich zu.

„Wir müssen mehr Geld für Prävention und Therapieplätze zur Verfügung stellen“, räumte Reinhard Köglin, Bezirksgeschäftsführer bei der Krankenkasse Barmer-Gek, ein. „Der Bedarf ist enorm groß.“

„Ein magersüchtiges Mädchen ist bei uns viermal umgekippt“, berichtete Realschul-Rektorin Christa Watermann. In den betroffenen Familien herrsche eine große Hilflosigkeit. „Eine Selbsthilfegruppe für Eltern könnte hilfreich sein.“

Dr. Stefan Krolle, Leiter des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums, forderte eine Telefonseelsorge für Schüler, „erstmal anonym“. Zudem müssten Fernsehformate à la Klum von Politik und Gesellschaft „viel stärker geächtet werden“.

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